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Mama fängt gleich an zu weinen, wenn jemand "unser Haus" sagt

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Amir kommt aus Damaskus, der Hauptstadt von Syrien. An einem schönen Sommertag fallen Bomben auf den Teil der Stadt, in dem seine Familie wohnt. Deshalb zieht die Familie zu Verwandten.

Sechs Wochen später wird auch dieser Stadtteil bombardiert. Amirs Familie beschließt, Syrien zu verlassen. Einen Monat lang sind sie unterwegs. Wenn sie Glück haben, nimmt ein Bus sie mit. Oft aber laufen sie zu Fuß.

Erst fliehen sie in die Türkei, dann mit einem Boot über das Mittelmeer nach Griechenland, dann nach Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich. Dort dürfen sie in einen Zug steigen, und als der Herbst beginnt, kommt Amir mit seiner Familie am Münchner Hauptbahnhof an.

Oktober

Ich heiße Amir Adil al-Aziz. - Das ist dreimal gelogen! Amir heißt Prinz. Ha, ha. Ein toller Prinz bin ich. Mein Bett ist ein weißes Metallding mit Klappfüßen. Es quietscht fürchterlich, wenn ich mich drauflege.

Neben meinem Bett steht das von meiner großen Schwester, an der anderen Wand sind die Betten von Papa und Mama. Und unten, auf einer Kinderbettmatratze, liegt mein kleiner Bruder. (Okay, der liegt mir, dem Prinzen, zu Füßen. Das passt.)

Mein Prinzenzimmer ist so klein, dass für unseren Koffer und die Taschen kein Platz mehr ist. Die stehen deshalb im Flur, und jeden Morgen wühle ich dort in der Kleidung herum, die wir geschenkt bekommen haben, um meine Prinzenklamotten zu finden. Das königliche Badezimmer teilen wir uns mit fünf anderen Familien.

22 Leute müssen da jeden Morgen durch! Ich werfe mir ein bisschen Wasser in mein Prinzengesicht, dann klopft schon jemand, der es auch eilig hat. Mama hat neulich zum Glück einen Spiegel gekauft und an den Fenstergriff in unserem Zimmer gehängt. Das spart 30 Sekunden im Bad, jedenfalls für mich. Bei Papa spart es 5 Minuten, der muss sich ja rasieren.

Bei Mama 10 Minuten, bei Leenah, meiner großen Schwester, bestimmt eine halbe Stunde, nur fürs Prüfen, ob sie gut genug aussieht, und bei Omar, dem Kleinen, 0 Minuten. Da können die anderen aber froh sein. Wir sparen denen jeden Morgen eine Dreiviertelstunde Klopfen und Rufen vor der Badezimmertür! Ich wollte aber ja von den drei Lügen erzählen.

Ich finde es nicht gerecht, dass ich kein eigenes Zimmer mehr habe

Die zweite Lüge heißt Adil. Das ist nämlich mein zweiter Vorname. Adil bedeutet Gerechtigkeit. Da kann man auch nur lachen. Was ist denn hier gerecht? Ich finde es nicht gerecht, dass wir in diesem kleinen Häuschen wohnen, wo es so eng ist wie im Hühnerstall. In Damaskus hatten wir ein großes Haus für uns allein!

„Sei froh, dass wir nicht im Zelt wohnen wie so viele andere!", sagt Mama jedes Mal, wenn sie merkt, dass ich mich ärgere. Okay, stimmt. Ich bin mal ganz kurz in so einem Zelt gewesen. Stickig war es da. Und man konnte natürlich keine Fenster aufmachen, um frische Luft reinzulassen. Da ist unser Häuschen echt besser.

Trotzdem finde ich es nicht gerecht, dass ich kein eigenes Zimmer mehr habe. Ich wette, dass die allermeisten deutschen Kinder ein Zimmer für sich allein haben.„Denk an das Boot", sagt Mama. „Das war 8 Meter lang, und wir waren mehr als 70 Leute, die sich da gedrängt haben. Ohne Betten, ohne Stühle. Das haben wir auch überlebt."Ist ja gut.

Dann hat das mit der Ungerechtigkeit eben schon viel früher angefangen. Warum ist in Syrien Krieg, und in Deutschland ist keiner? Sind die Leute hier besser? Oder haben sie einfach nur mehr Glück? Noch eine fette Lüge: Unsere Familie heißt al-Aziz. Das bedeutet: der Mächtige.

Sie müssen Geduld haben, Herr al-Aziz

Wer von uns fünf mächtig ist, wüsste ich mal gern. Leenah kann sich mächtig aufregen, wenn ich irgendwas auf ihr Bett lege. Das ist nämlich ihr kleines Reich, über das sie herrscht (obwohl ihr Name nicht „Prinzessin" bedeutet, sondern „die Zarte". Noch so eine Lüge).

Omar kann mächtig laut brüllen, wenn ihm irgendwas nicht passt. Und Mama macht sich mächtig viele Sorgen, glaube ich. Jedenfalls legt sie manch-mal ihre Stirn so in Falten, dass die wie ein Wellblechdach aussieht. (Besonders, wenn sie glaubt, wir sehen sie nicht.)

Und Papa ... ja, dem würde es wahrscheinlich am meisten Spaß machen, mächtig zu sein. Papa will am liebsten jeden Tag Sachen regeln und irgendwas entscheiden. „Heute gehe ich zum Amt, und dann wissen wir, wie es mit uns weitergeht!"

Das verkündet er mindestens einmal in der Woche. Und dann geht er zu der Frau, die nur knapp über die Papierstapel guckt. Die sagt immer dasselbe: „Sie müssen Geduld haben, Herr al-Aziz. Das dauert alles noch etwas. Ich kann Ihnen nichts versprechen."

Ich träume davon, mächtig zu sein

Wenn Papa das hört, dann schrumpft er richtig. Ich war dabei und schwöre: Man kann zusehen, wie er kleiner wird. Sein Kopf und seine Schultern fallen ein Stückchen nach vorne, und seine Jacke sieht aus, als wäre sie viel zu groß. Ein bisschen zu groß ist sie sowieso. Der Mann, dem sie früher gehörte, hatte auf jeden Fall breitere Schultern als Papa. - Toller Herr Mächtig!

Und ich selbst? Wenn ich auf meinem Bett liege und so tue, als würde ich lesen, träume ich manchmal davon, mächtig zu sein. Ich trage eine schwarze Lederjacke und stelle mich breitbeinig hin. In der Hand habe ich ein Schwert, mit dem brauche ich nur eine kleine Bewegung zu machen, dann weiß der Typ, der uns nicht aufs Boot lassen will, sofort, was Sache ist, und lässt uns durch.

Die Leute schauen zu mir auf. (Ich bin ziemlich groß.) Ich nicke ganz freundlich und sage: „Ist schon gut."Bis Leenah kreischt: „Du hast mit deinen Socken mein Bett berührt!" Dann ist Schluss mit meinem Traum.Ich sitze also hier im Klassenraum mit meinen drei komplett gelogenen Namen. Und vorne steht die Lehrerin, Frau Morawetz.

Wegen ihr mache ich mir diese ganzen komischen Gedanken. Sie hat gesagt, ich soll mir mal ein Blatt Papier nehmen, meinen Namen drüberschreiben und darunter alle Sätze, die ich schon auf Deutsch kann. Jetzt bin ich bei meinen Namen hängen geblieben, und die Stunde ist schon fast vorbei. Bestimmt ist Frau Morawetz sauer, wenn sie mein leeres Blatt sieht.

In Deutschland sind die Tage viel länger als in Syrien

Sie erzählt gerade irgendwas von der Isar (so heißt der Fluss hier in der Nähe) und zeigt auf ein Bild. Aber ich verstehe nur ein paar einzelne Wörter. „Wasser" kenne ich schon und „Regen". Manchmal lachen die anderen. Was kann denn an einem Fluss so witzig sein? Eins ist auf jeden Fall super hier in der Schule: Kein Schüler wird geschlagen. Das gibt es einfach nicht.

Es ist sogar verboten! Noch nicht mal die kleinste Ohrfeige ist erlaubt. Das finde ich klasse. Trotzdem hätte ich jetzt gern ein Blatt voller deutscher Sätze, und alle wären richtig geschrieben. In Deutschland sind die Tage viel länger als in Syrien. „Das ist Quatsch", sagt Papa. „Jeder Tag ist 24 Stunden lang." Das weiß ich doch.

Papa kapiert manchmal nicht richtig, was ich meine. Ich weiß auch schon, dass die Tage in Deutsch-land im Winter kurz sind, weil es so spät hell wird und so früh dunkel. Und dass es im Sommer genau umgekehrt ist. Zu Hause gibt es nicht so einen Riesenunterschied. Aber hier ziehen sich manche Tage wie Kaugummi.

Deshalb sind sie lang, egal, wie hell oder dunkel es ist. Nur wenn wir Sport haben, geht der Vormittag schnell vorbei. Beim Sport ist es egal, dass ich kein Deutsch kann. Im Rennen bin ich nämlich super, im Werfen auch. Fußball kann ich ja sowieso, aber das spielen wir leider selten.

Mama fängt gleich an zu weinen, wenn jemand „unser Haus" sagt

Was der Sportlehrer sagt, verstehe ich nicht, aber das macht nichts, ich kapiere auch so, was er will. Ich glaube, ich kapiere es manchmal sogar schneller als die anderen Kinder in der Klasse, und dann flitze ich los oder hole den Ball. Aber wenn wir keinen Sport haben, dauert es manchmal ewig, bis die Schulstunden vorbei sind.

Ich sitze da, kann nichts sagen, verstehe fast nichts und warte auf den Gong. Aber wenn dann die Schule vorbei ist, ist es eigentlich noch schlimmer, weil ich nicht mehr weiß, worauf ich warte. Ich trödele auf dem Schulweg, weil ich keine Lust auf Zuhause habe. Es ist ja auch gar nicht mein Zuhause. Zu Hause gibt es ein großes Haus. Nein: Da GAB es ein großes Haus.

Da ist ein schattiger Hof und ein kleiner Garten mit einem krummen Zitronenbaum. Nein: Da WAR ein Hof. Da WAR ein Garten. Da WAR ein Zitronenbaum. Falls das stimmt, was wir gehört haben. Ganz genau wissen wir ja nicht, was mit unserem Haus passiert ist. Wenn wir bei den Nachbarn mit WhatsApp nachfragen, bekommen wir komische Antworten. Oder gar keine.

Und nie schickt uns einer ein Foto, damit wir sehen, wie es in unserer Straße jetzt aussieht. Ohne ein Foto glaub ich gar nichts. Papa guckt immer Nachrichten und starrt dabei auf sein Smartphone, als könnte in jedem Moment unser Haus in den Nachrichten kommen. Mama fängt immer gleich an zu weinen, wenn jemand nur „unser Haus" sagt. Dabei wissen wir doch echt nicht, was damit ist.

Basteln fand ich schon in Damaskus doof

Also: Ich gehe nach Hause, aber es ist gar nicht mein Zuhause. Ich habe hier zum Beispiel keine Playstation. „Das ist wahrscheinlich das einzig Gute an unserer Flucht", sagt Mama. Und Papa unterstützt sie auch noch!

„Der Abschied von dem Teil war sowieso mal nötig", sagt er, und dann macht er völlig dusselige Vorschläge: Ich könnte zum Beispiel mal mit Omar spielen. Omar ist vier! Da gehe ich schon lieber ins Gemeindehaus, wo am Samstag mit den Flüchtlingskindern gebastelt oder gespielt wird. Basteln fand ich zwar schon in Damaskus doof, aber bei den Spielen ist auch ein Tipp-Kick. Das ist das beste Spiel, das ich kenne (wenn man keine Playstation hat).

Beim Tipp-Kick vergesse ich manchmal, dass ich auch mit den Kindern im Gemeindehaus nicht reden kann. Dann schreie ich: „Mach doch! Los!" Natürlich auf Arabisch. Dabei reden manche Kinder Albanisch, die anderen irgendwas Afrikanisches. Dann sind da noch Jungs aus Afghanistan, die reden aber Persisch. Ein ganz schönes Durcheinander.

Ich verstehe ja kein Englisch

Die deutschen Frauen, die den Raum aufschließen und die Spiele aus dem Schrank holen, versuchen manchmal, mit uns Englisch zu reden, aber das verstehe ich ja auch nicht. Eine der Frauen ist ein bisschen lustig. Sie will immer, dass wir alle zusammen singen. Sie nimmt ihre Gitarre, und dann legt sie los.

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Ganz laut singt sie, und ihre roten Locken wippen dazu. Alle sollen aufstehen und zu ihrem Lied Bewegungen machen, klatschen und trampeln. Die Kleinen finden das super, aber ich schäme mich immer ein bisschen.

Ich brumme dann vor mich hin, als hätte ich schon eine tiefe Stimme wie Papa, und wackele ein bisschen mit den Armen. Vielleicht machen die Deutschen ja so was, damit sie bei dem schlechten Wetter bessere Laune kriegen?

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Angekommen. Vier Kinder erzählen von ihrem ersten Jahr in Deutschland" von Hanna Schott. Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Hanna Schott und Volker Konrad: Angekommen! Vier Kinder erzählen von Ihrem ersten Jahr in Deutschland © Neufeld Verlag, Schwarzenfeld 2016.

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