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Kindes Entzug - Wenn der Streit ums Kind grenzenlos wird

24/02/2016 14:45 CET | Aktualisiert 24/02/2017 11:12 CET
Photofusion via Getty Images

Menschen sind erfindungsreich darin, andere zu verletzen. Zu den größten Schadensfällen einer Partnerschaft gehört, dem anderen das gemeinsame Kind zu entziehen, sie oder ihn beschuldigen, eine schlechte Mutter, ein miserabler Vater zu sein.

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Sich davon zu machen und den anderen zurückzulassen, wohl wissend, das Wertvollste mitgenommen zu haben: Das geliebte Kind. Den einzigen Sohn. Die bewunderte Tochter. Dem beraubten Elternteil erscheint jeder Tag danach unwiederbringlich verloren. Jeder Tag ist eine Erinnerung, dass es eine Zeit davor gab, als die Welt reich war und hell, weil sie einen Mittelpunkt hatte. Diesen einen, unverzichtbaren Menschen.

Das ist die eine Seite. Kindesentzug. Eine Definition, die verschiedene Lesarten hat. Zur Sprache der Juristen gehört ebenso wie der Psychologen. Ein Kind ohne das Einverständnis des anderen Elternteils mitnehmen, über eine Grenze, in ein anderes Land entführen. Ein Straftatbestand, der den Täter oder die Täterin in Haft bringen kann. Oder ihn schont. Und dem Täter die Waffe in die Hand gibt, eine in Ungnade gefallene Partnerin zu quälen.

Erleichtert wird dies in binationalen Partnerschaften. Das fremde Land, die Sprache, in der sich der Partner nicht zuhause fühlt, die Abhängigkeit vom Rat anderer Menschen, all dies erleichtert es, das gemeinsame Kind für lange Zeit, und manchmal für immer der früheren Partnerin zu entziehen. Es überrascht, wie leicht manche Staaten es ihren Bürgern machen, die fremde Braut, den fremden Bräutigam um das gemeinsame Kind zu bringen.

Gibt es ein wirksameres Instrument, den anderen Elternteil zu bestrafen? Gibt es eine größere Macht, die Mutter leiden zu lassen, weil ihr zum Verlust des Partners nun auch das Kind entzogen wird? Gibt es einen lauteren Appell an die Menschlichkeit als jenen, den Vater daran zu erinnern, der Mutter dieses Kindes, das er wie Diebesgut von einem Land zum anderen verschoben hat, endlich zurück zu geben? Doch wie sollen Worte bewirken, was Recht und Gesetz, Menschenverstand und internationale Übereinkommen, nicht vermögen?

Das Ideal der mütterlichen Liebe heißt Verzicht!

Wenn von Kindeswohl und mütterlicher Liebe die Rede ist, wird „Liebe" oft an der Bereitschaft zum Verzicht gemessen. Ganz so wie die „wahre" von der „falschen" mütterlichen Liebe unterschieden wird in Bertolt Brechts Theaterstück „Der kaukasische Kreidekreis" (1944); Brecht schildert hier einen Sorgerechts-Streit, den er in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges verlegt, als der Kampf zwischen Katholizismus und Reformation Europa zu zerreißen drohte.

Die Moral dieser Geschichte kommt im Loblied auf die Magd zum Ausdruck, die das Kind - anders als die leibliche Mutter - nicht an sich zu reißen versucht, sondern es frei gibt, um sein Leben nicht zu gefährden. Die Wirklichkeit könnte von der hier geschilderten Verzichtshaltung nicht weiter entfernt sein.

Wenn Mütter zu Entführerinnen ihrer eigenen Kinder werden: Zwei Erfolgsgeschichten

Viele Staaten haben ein besonderes Interesse an der Heimführung des von eigenen Landsleuten in der Fremde gezeugten Nachwuchses. Wie langwierig der Kampf der Kindesmütter gegen diese religiösen und politischen Staatsinteressen sein kann, beschreiben die beiden Autorinnen Betty Mahmoody („Nicht ohne meine Tochter", 1991) und Isabelle Neulinger („Meinen Sohn bekommt ihr nie", 2013).

Hier werden zwei starke Frauen gezeigt, die erfuhren, wie sich ihr Ehemann von einer bedrohlichen Kultur und Weltanschauung vereinnahmen ließ, und zum Feind seiner einst vertrauten Ehefrau wurde, die sich aus ihrer Gefangennahme befreien wollte. Nicht ohne ihr Kind... Nach abenteuerlichen Fluchten gelingt es den Frauen, ihr Kind gegen den Widerstand des muslimischen bzw. jüdisch orthodoxen (charedischen) Vaters in die eigene Heimat zurück zu bringen.

Die Wirklichkeit sieht für die meisten Frauen anders aus, als es diese Erfolgsstories nahelegen

Die Fallberichte internationaler Hilfsorganisationen wie der ESRA HaTikvah.Foundation und die Notrufe einzelner Mütter, die in einem Niemandsland zwischen den Rechtssystemen gefangen sind und gegen den Kindesentzug und für ihr eigenes Sorgerecht kämpfen, zeigen die Schattenseiten binationaler und interkonfessioneller Partnerschaften. Und sie zeigen, wer dabei auf der Strecke bleibt. Neben der Mutter und ihrem Sorgerecht, ist es das Kindeswohl.

Kindeswohl vs Entfremdung von den Eltern

Das Wohl des Kindes steht an erster Stelle - diese Einstellung wird in den Gesetzen der meisten Staaten umgesetzt. Dazu gehört die Bindung des Kindes an die Mutter. Diese ist nicht nur biologisch überlebensnotwendig, sondern auch für die geistige und emotionale Entwicklung von Bedeutung.

Ein wichtiges Kriterium, um die Bindung von Mutter und Kind zu beschreiben, ist deren Kontinuität. Trennungen von der Mutter zerstören die Kontinuität und können, je nachdem in welcher Entwicklungsphase sich das Kind befindet, schwerste seelische Wunden verursachen.

All diese Erkenntnisse sind nicht neu. Neu ist, dass sie in zahlreichen Staaten außer Kraft gesetzt werden durch Interessen, die weder dem Kindeswohl, noch dem elterlichen Mandat über die Erziehung des Kindes nutzen, sondern eine staatliche Verfügungsgewalt am Kind einführen, die in früheren Zeiten undenkbar war.

Die Aushöhlung der Rechtsposition der Eltern trifft dabei vor allem die Mütter, die meist auch wirtschaftlich eine schwächere Position haben. Den meisten Müttern fehlen die finanziellen Mittel, um ihr Sorgerecht bei der Trennung im Ausland durchzusetzen.

Der Kampf um das Sorgerecht

Dass die Konflikte um das Sorgerecht der Entwicklung des Kindes schaden, geht aus der Checkliste der Kindeswohl Gefährdung nach § 8 des SGB VIII hervor. Hier wird

„die missbräuchliche Ausübung des elterlichen Sorgerechts"
genannt. Der Angelpunkt ist der Erhalt der Kontinuität der Bindungen des Kindes und der Schutz seiner geistigen und emotionalen Entfaltung.

Auch das Haager Übereinkommen über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführungen soll verhindern, dass Kinder von einem Elternteil in ein anderes Land entführt werden; es regelt die Rückführung des Kindes innerhalb eines Jahres.

Kann diese Frist nicht eingehalten werden, gilt das Prinzip, die Kontinuität zu erhalten. Das bedeutet, die Bindungen des Kindes in der neuen Erziehungsumgebung sind nun entscheidend. Hier eröffnen sich rechtliche Lücken; das in einem Land bestehende Sorgerecht eines Elternteils kann unterlaufen werden, wenn das Kind z.B. so lange versteckt wird, bis die Jahresfrist abgelaufen ist.

Selbst wenn Urteile zur Sorgerechts-Übertragung an die Mutter vorliegen, entscheiden ausländische Gerichte meist zugunsten ihrer eigenen Staatsbürger, selbst wenn diese das Kind seiner Mutter rechts widrig entzogen haben und die Ausreise von Mutter und Kind durch ein Ausreiseverbot verhindern.

Selbst Väter, die die Schwangerschaft ablehnten und sich deswegen von ihrer Partnerin trennten, können, wenn das Kind das Schulalter erreicht, das Sorgerecht zuungunsten der Kindesmutter erhalten.

Auch die HaTikvah Foundation berichtet von der Schlechterstellung der Mütter. Nicht nur in Israel:

Zu den Realitäten der Mütter gehöre, dass sie hohe Schulden auf sich nehmen müssen, um das Ausreiseverbot zu umgehen, das sie zu Entführerinnen der eigenen Kinder machte, wenn sie den Kontakt zur im Ausland lebenden Familie aufrechterhalten wollen.

Eine zeitnahe Ausreise, etwa bei Erkrankung der eigenen Eltern - sei nicht möglich. Die Antragsfristen zur Ausreise und zum zeitlich befristeten Auslandsaufenthalt seien lang, das Procedere aufwendig und mit hohen Gebühren und Rechtsanwaltskosten verbunden.

Der Staat verlange vor der Ausreise eine Kaution, die in keinem Verhältnis zum Einkommen der Betroffenen stehe. Die Rückzahlung der Kaution nach Rückkehr von der Reise werde oft monatelang verzögert, was weitere Zinsen zur Folge habe. Kurzum, die Frauen befänden sich in einem modernen Sklavenstand und seien Geisel des Kindesvaters.

Oft arbeiten die Frauen für Mindestlöhne, kämpfen mit Sprachschwierigkeiten, bleiben erfolglos bei ihrer Suche nach einer angemessenen Wohnung, und geben doch ihren Kampf um regelmäßigen Umgang mit ihrem Kind nicht auf. Die Rechtsposition der Mütter, die zur Religion ihres Partners konvertierten oder die auf ihre eigene Staatsbürgerschaft verzichteten, sei noch miserabler, denn für sie sei weder Israel noch das Herkunftsland rechtlich zuständig.

„Bring Oriel Home!"

„Rebecca" tappte ahnungslos in die Falle. Dabei hatte sie sich vor ihrer Einreise nach Israel von einem Familienrichter die Zusicherung geben lassen, das Land mit ihrem Sohn auch wieder verlassen zu dürfen. Dessen ungeachtet ließ der Kindesvater ein Ausreiseverbot verhängen, teilte ihr dies jedoch nicht mit.

Bei der Ausreise wurde sie bezichtigt, eine Kindesentführung versucht zu haben. Mit allen strafrechtlichen Folgen. Um nicht in Haft zu geraten, reiste sie ohne ihren Sohn ab. Seither hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn gehabt und weiß auch dessen Aufenthaltsort nicht.

Die im Ausland zu ihren Gunsten ergangenen Urteile wurden von den Richtern in Israel nicht anerkannt. So kehrte sie ohne ihr Kind zurück. Der Kontakt zu ihrem Sohn, der wegen der Trennung seelisch krank geworden ist, war von einem zum anderen Tag beendet.

„Bring Oriel home", fordert die verzweifelte Mutter auf einer Facebook-Seite. Vielleicht wird sie warten müssen bis ihr Sohn groß genug ist, um selbst zu bestimmen, bei wem er leben will. Vielleicht gelingt es ihr aber auch, - so hofft sie, mit diesem Appell an die Öffentlichkeit, den Vater zu überzeugen, seinen Sohn endlich wieder bei ihr, seiner Mutter leben zu lassen, und Oriel zu ihr, am besten heute noch, zurück zu schicken.

Copyright : Dr. Hanna Rheinz

email Hanna-Rheinz@posteo.de tel. 04776 888 93 95

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