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Im Einkaufswahn: Wie das digitale Zeitalter unser Verhalten maßgeblich beeinflusst

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ONLINE SHOPPING
John Lamb via Getty Images
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Wir erinnern uns noch an die Zeit, als Einkaufen Spaß machte. Der Kunde sich etwas aussuchen konnte, indem er die Ware anfasste, sich das Testmodell vorführen ließ, es selbst ausprobierte. Dies alles ist vorbei. Mit dem Wegfall der sinnlichen Erfahrung ist „billig" zum wichtigsten Kriterium der Kaufentscheidung geworden.

Wer nur auf den Preis blickt, braucht keine Fachgeschäfte. Sie sind verschwunden. Ebenso der Wunsch, zu einem bestimmten Geschäft zu gehen, weil dort ein netter Verkäufer war, der sich unwahrscheinlich gut mit diesem oder jenem auskannte. Vorbei. Heute gibt es nur noch wenige Geschäfte. Auch im Online-Bereich haben Kunden kaum mehr eine Wahl. Die Marktführer von gestern sind gerade dabei zu verschwinden und weichen einem der beiden globalen Monopolisten.

Merkwürdige Ergebnisse, fast wie in den Zeiten des nicht optimal organisierten realen Sozialismus, als Warteschlangen und eine deprimierend lähmende „Alternativlosigkeit" sich ausbreitete wie eine jedwede Lebensfreude verschlingende Seuche.

Das Netz suggeriert eine Weite die es längst nicht mehr gibt

Stell dir vor, Du suchst eine Kamera. Eigentlich musst du schon wissen, was genau du suchst, um die Suchmaschine präzise auf die richtige Spur zu bringen. Also klinkst du dich zuerst bei Janus ein. Vorteil. In den Produktbewertungen kannst du lesen, wie es den Kunden mit der Ware erging. Danach suchst du im Netz. Es suggeriert eine Weite, die es längst nicht mehr gibt.

Auf Schritt und Tritt verfolgt dich deine Such- und Konsumhistorie. „Customized" ist alles, was du in den Suchmaschinen noch zu finden vermagst, nichts als ein Spiegel deiner selbst. Selbst die zwei, drei übrig gebliebenen Online-Foto-Fachgeschäfte werden dir erst nach gezielter Anwahl gezeigt. Wie von einem Magneten eingefangen, landest du immer wieder bei den Marktführern, nennen wir ihn den „E-Valley Auktionsmarkt" und dem größten und „kundenfreundlichsten Online-Marktplatz" der Welt: Janus.com.

Mit der Kundenfreundlichkeit ist es so eine Sache. Im Online-Bereich ist sie mit Retouren verbunden. Sie kostet also Geld. Viel Geld. Und ist nur möglich durch eine Art konsumabhängiger Beschaffungskriminalität. Sie besteht aus Sklavenwirtschaft in den Schwellenländern gemeinsam mit den regionalen unterbezahlten, staatlich subventionierten Arbeitsmärkten. Als besonders kundenfreundlich bezeichnen sich auch die Online-Bezahlsysteme.

Als es das moderne Abmahnwesen noch nicht gab, hätte man schreiben können „Geschäftsmodell Betrug". Durch Auslagerung des Firmensitzes in Steuersparparadiese werden, trotz hoher Gewinne, hierzulande nur lächerlich geringe Steuerzahlungen fällig.

Der Konsument ist das Opfer

Die Konsumenten machen klaglos mit, weil es E-Valley ebenso wie Janus.com gelingt, die Kunden zu Komplizen zu machen, die in der einen oder anderen Weise zu realen oder zu Pseudo-Nutznießern dieses Geschäftsmodells werden. Hier liegt die Erklärung für den Erfolg und den Bestand dieses Sklavengestützen Online Handels. Dem Kunden wird offen oder verdeckt suggeriert, von der Opferseite, des Betrogen Werdens zur Täterseite, dem Betrügen anderer, hinüberwechseln zu können.

Diese Komplizenschaft bewirkt, dass sich jeder als Nutznießer des betrügerischen Geschäftsmodells fühlen kann. Ebenso wie in der Unterhaltungsindustrie sind Kunden zu Usern geworden, die den Verlust der früheren Wahlmöglichkeiten und der Vielfalt des Einkaufens nicht mehr bedauern, weil sie an der Nadel von Nidl oder Pidl, E-Valley oder Janus.com mit ihren Traumwelten und Sparbetrügereien hängen.

Dass hier parallel zu den politischen Entwicklungen, auch im Konsumbereich totalitäre Strukturen entstehen, die den Abbau der Vielfalt und der freiheitlichen, auf Wissen und nicht Pseudo-Emotionalisierung basierenden Entscheidungen beabsichtigen, wird weit reichende Folgen haben. Die Freiheiten und Rechte des einzelnen, der nicht der besitzenden Elite angehört, werden massiv eingeschränkt. Die politischen Weichen für den weiteren Abbau der demokratischen Bürgerrechte sind längst gestellt worden.

Ohne Rechtsschutz ist man dem System oft hilflos ausgeliefert

Dass sich das Individuum bereits heute nicht mehr glaubwürdig zur Wehr setzen kann, liegt u.a. an dem bereits erwähnten Komplizenstatus, in den selbst der ehrliche Käufer von den großen Haien auf dem Markt über kurz oder lang hinein manövriert wird. Die Online-Konzerne haben es geschafft, jeden Kunden zum Möchtegern-Topseller zu machen, oder dies mindestens zu suggerieren. Zum Segen der Putzmittel- und Lupen-Hersteller. Eine kurze Weile, darf der zum Verkäufer gewordene Kunde sich noch als König fühlen. Dann folgt der Absturz.

Wehe, du hast jetzt keinen Rechtsschutz. Anlässe, die Falle zuschnappen zu lassen, lauern an jeder Ecke und hinter jedem Tastaturklick. Da Qualifikation in der Zeit der ständigen biographischen und technologischen Updates nichts mehr gilt, und in einer Welt des Mogelns und Lügens niemand mehr als vertrauenswürdig und ehrlich gelten kann, rücken Algorithmen zur Risiko-Folgenabschätzung an die Stelle von Gesprächen und Persönlichkeitsprofilen. Niemand außerhalb des Radius` von Macht, Besitz und Einfluss ist mehr sicher.

Um von den Machenschaften der großen Haie abzulenken, ist es nützlich, die kleinen Fische aufeinander zu hetzen und sie in tödliche Zwiste, vulgo finale Kontenstillegungen zu verwickeln. Keine Sorge. All dies geschieht hinter den Kulissen; die Käuferlaune wird dadurch nicht negativ beeinflusst.

Während die Konsumentenöffentlichkeit sich noch auf dem Luxus-Deck der Titanic sonnt, werden in den unteren Kabinen bereits die Leichensäcke gezählt. Statt Schieß-, Stech-, und Giftwaffen, heissen die modernen Instrumente der Massenvernichtung: Negativbewertungen. Sie können für den Privatverkäufer ruinöse Folgen haben und dienen dem Käufer als perfekte Instrumente, den Privatverkäufer folgenlos auszunehmen.

Von Payfriend und anderen Bezahlsystemen

„Payfriend" wie wir eines der Bezahlsysteme nennen wollen, macht es möglich, den Verkäufer zu erpressen UND seine Ware mehr als einen Monat lang gratis zu benutzen. Während der Käufer am Ende sein Geld komplett zurück erhält, ist der Privatverkäufer sang- und klanglos und ohne rechtliche Grundlage - enteignet worden; die vom Käufer an ihn gezahlte Kaufsumme ist sofort nach dem Widerruf des Käufers (und nicht nach der Rücksendung im Ausgangszustand!) vom „Payfriend"- Bezahlsystem eingefroren worden. Der geprellte Privatverkäufer muss sogar Transport und Reparatur aus eigener Tasche bezahlen.

Die vom Online-Bezahlsystem und der Auktionsplattform eingesetzten Prüfer entscheiden, so ergaben Internet-Recherchen - trotz des offenkundigen Betrugs, beinahe ausnahmslos zugunsten des Käufers, während Privatverkäufer leer ausgehen. Wie sehr dieses System das landesübliche Rechtssystem und Rechtsempfinden verletzt - wird an den Kommentaren des Kundenservices der Auktionsplattform deutlich; Mitarbeiter von „E-Valley" und „PayFriend" raten den gerupften Privatverkäufern, bei nächster Gelegenheit einfach die Vorteile dieses Systems wieder selbst in Anspruch zu nehmen, indem sie selbst als Käufer die Möglichkeiten des Systems wieder für sich nutzen.

Dass jede Online-Auktion, die mit dem „Payfriend"- Bezahlsystem abgewickelt wird, automatisch in dieser Weise geschützt ist, ist Bestandteil der Werbung, die das große Kaufen ankurbeln soll. Tenor: Kein Geld sich Ihren Traum zu erfüllen? Keine Sorge. Kaufen Sie! Auch wenn Sie gerade kein Geld haben, das Risiko tragen nicht Sie, sondern ihr Verkäufer."

Der Kunde des Online-Auktionshauses wird zum Kauf animiert durch den Hinweis, sofort nach Erhalt der Ware oder spätestens innert eines Monats die Ware zurückschicken und die Kaufsumme zurück zu erhalten, wenn er angibt, die Ware sei „nicht so wie beschrieben".

Kaufen und Retournieren vermag auf diese Weise viele Bedürfnisse des Menschen auf einen Schlag zu befriedigen: die Habgier nach neuen Waren, den Wunsch sich an bestimmten Menschen zu rächen , die Möglichkeit, andere folgenlos erpressen zu können. Kurzum: ein bisschen Macht in einer zunehmend Ohnmacht erzwingenden Gesellschaft.

Ganz schön dumm, wer sich nicht selbst an dieser Masche versucht, um den Vereinsabend mit einem Luxus-Jacket, den Urlaub mit einem neuen E-Bike oder den Geburtstag mit der Traumkamera zu verschönern.

Geschäftsmodelle wie "Janus" bedrohen unsere Freiheit

Der Online Markt „Janus.com", hat nicht nur das Einkaufen, sondern auch die Freizeit unter seine Kontrolle gebracht: der Konsum von Medien: Filmen, Audio, Bücher und Video läuft ebenso über Janus wie der schriftstellerische Nachschub, dessen E-Book-Vermarktung über kostengünstige Verträge mit Autoren möglich ist, die sich eine internationale Leserschaft versprechen.

Die Hoffnung der Kreativen, über die globale Plattform lasse sich über kurz oder lang ein Tantiemen-Geldsegen in Gang setzen, erfüllt sich meist nicht. Auch im künstlerischen Arbeitsfeld gilt: Der Esel, der die Golddukaten scheisst, wird sie selbst eher nicht davontragen, um seinen Stall zu verschönern.

Enttäuschte Erwartungen zuhauf: auch beim Kauf von Unterhaltungsprodukten. Kunden berichten von Merkwürdigkeiten. Du bestellst beim Online-Portal nicht die kostengünstige Gebraucht-Variante, sondern das neue Produkte. Die Überraschung beim Auspacken. Du hältst ein Produkt mit deutlichen Gebrauchtspuren in Händen.

Natürlich wird das umgehend vom kundenfreundlichsten Online-Markt der Welt umgetauscht und die Entschuldigung hinterher geschickt. Da habe jemand ins falsche Regal gegriffen. „Irren ist menschlich, nicht wahr?" Du wunderst dich über das Lager, das offenbar so organisiert ist, dass Original-Ware und B-Ware, die von selbstständigen Verkäufern stammen soll, nicht nur unter einem Dach, sondern auch in einem Regalsystem zusammenlagern.

Bei der Verwunderung bleibt es nicht. Sie weicht einem wesentlich unangenehmeren Zustand, der erahnen lässt, wie hier Weichen gestellt werden und Kunden in eine Richtung geschickt werden, die ihnen angesichts des längst abgewickelten Einzelhandels-, keine Ausweichmöglichkeiten mehr lässt.

Die Freude über die neue Kamera währt nicht lange. Die Klappe des Akkufachs löst sich. Dein Fotoapparat ist nagelneu und hat Garantie. Ein minimaler Schaden. Denkst du. Daher wählst du bei der Retoure nicht die Rückgaben-Option, sondern die Reparatur. Nun hörst du eine ganze Weile nichts mehr. Nach zwei Wochen erhältst du von einer dir unbekannten Firma eine mail mit der Bestätigung, deine Kamera befinde sich nun in Niederau-Untertupfingen. Und wieder vergeht eine geraume Zeit.

Schließlich rufst du die angegebene Telefonnummer an. Man gibt dir die Auskunft, der Kostenvoranschlag sei an deine Adresse geschickt worden. Eine telefonische Auskunft sei nicht möglich.

Da geht doch etwas nicht mir rechten Dingen zu

Auf deinen Hinweis, dir liege kein Anschreiben vor und überdies handele es sich um einen Garantiefall, erhältst du die Auskunft es sei ein „Fall- und Sturzschaden" festgestellt worden. Näheres könne nicht mitgeteilt werden. Aus datenschutzrechtlichen Gründen. Hoppla. Da geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Nun willst du den Kundendienst des kundenfreundlichsten Online-Marktes einschalten, der jedoch offenbar gar nicht mehr wirklich zuständig ist.

Nach einigem Hin und Her schickt der Reparaturdienst Fotos von 8 verschiedenen Schadensfällen an einer Kamera. Entsetzt öffnest du die Dateien und starrst auf Fotos von zerkratzten und demolierten Kamera-Ecken. Das kann nicht deine Kamera sein. Zum einen hatte deine Kamera nicht so viele Ecken, zum andern waren die vorhandenen Ecken nicht demoliert.

Du bist in eine Art „Overkill" geraten. dass die Kamera bis auf fehlende Akku-Klappenschrauben nicht defekt war, interessiert nicht. Deine Argumente verhallen im Leeren. Du hast keinen Ansprechpartner mehr. Während deine Kamera offenbar am anderen Ende des Landes um ihr Überleben kämpft, hüllt sich der kundenfreundlichste Markt der Welt in Schweigen. Es steht Wort gegen Wort. Ein Beweis ist nicht möglich.

Du hast verdammt schlechte Karten: ein Rechtsanwaltsbrief wäre genau so teuer wie die Reparatur und die Reparatur beläuft sich auf die Hälfte des Neupreises. Du ahnst wie die Online-Händler an ihre Gebraucht-und general-überholten Waren kommen. Da nicht Reparieren, sondern Entsorgen und Neukaufen heute die Regel ist, gibt es keine freundlichen Techniker in der Innenstadt mehr, die an defekten Akku-Klappen in zehn Minuten die fehlenden Schrauben anbringen. Eine solche Reparatur rechnet sich heute nicht mehr. Da muss das gesamte Gehäuse ausgetauscht werden. Und dafür muss es, wie auch immer, einen Grund geben, nicht wahr?

Auf dem Weg deines Pakets von A nach B und dann zu C gibt es viele Möglichkeiten, dass etwas Unvorhergesehenes und gänzlich Unerwünschtes passiert. Zum Beispiel ein Stoß und Fall. Doch alle Fälle haben eines gemeinsam. Sie sind nicht beweisbar. Und immer endest du in einer Patt-Situation : dein Wort steht gegen ein anderes, das von einem weltweit agierenden Konzern stammt, dessen Rechtsabteilung nichts anderes tut, als solche Fälle abzuwehren.

Und was macht der Kunde des weltweit freundlichsten Online Kaufportals nun? Mein Rat, pflegt eure inländischen Versandhäuser! Ottokar und Fridolin müssen überleben. Es hat Vorteile, nicht alternativlos in die Fänge solcher Geschäftsmodelle zu geraten.

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