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Antisemitismus bei arte? Wie gut ist der auf Bild.tv gezeigte Film

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DEMO ISRAEL BERLIN
dpa
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ENGAGIERT UND DOCH DANEBEN

Darf eine Redaktion einen handwerklich fragwürdigen Film ablehnen, wenn er "Antisemitismus" thematisiert? Ist die Ablehnung etwa selbst eine Art "Antisemitismus"?

Ein 90 Minuten-Dokumentarfilm von Joachim Schröder und Sophie Hafner zum Thema Antisemitismus in Europa, im Auftrag von Arte entstanden, sorgt für Kontroversen. Wird er unterdrückt, weil er zu kritisch ist? Die Empörung in den Medien und sozialen Netzwerken ist groß, das Thema gewichtig. Der Zentralrat der Juden in Deutschland setzt sich für den Film ein, oder vielmehr,

er fordert die Freigabe des Films.

Der Verdacht kommt auf, der Film werde von ARTE, dem WDR und ZDF unter Verschluß gehalten, und der Gebühren zahlenden Öffentlichkeit vorenthalten, weil der Dokumentarfilm angeblich den Antisemitismus der Muslime in Europa entlarve. Die WELT verbreitet, der Film rufe einen von ARTE gezeigten Film über den niederländischen Politiker Geert Wilders in Erinnerung, in dem die These aufgestellt worden sei, hinter dem Islamhass von Wilders

steckten die Juden.

Götz Aly und Michael Wolffsohn fordern, Letzterer auf BILD.TV, das den Film am 13. Juni ganztägig zeigte, daß der von Steuermitteln erstellte Film unbedingt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt werden solle. Wer zahlt, der Steuerzahler also, habe sozusagen ein Recht darauf das Produkt seiner Zwangsabgaben zu betrachten.

Eine interessante Begründung. Vordergründig eine Art Systemkritik an der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehprogramms durch die Zwangsgebühr: Soll die Öffentlichkeit das Recht haben, alles sehen zu dürfen, was mit ihren Geldern so produziert wird, einschließlich Reisen und Freundschaftsanbahnungen? Wer so argumentiert, hätte eine Chance die unselige Zwangsgebühr endlich zu Fall zu bringen.

Wird der deutschen Öffentlichkeit der Film wirklich vorenthalten, weil er so relevant ist, und endlich den neuen Antisemitismus in Europa thematisiert?

Doch wie "relevant" ist dieser Film wirklich?

Ist er so gut, daß es ein Verlust wäre, ihn nicht zu sehen? Verdient er es wirklich, verteidigt zu werden?

Um es kurz und knapp zu sagen: Nein. Eine Dokumentation von der gesagt werden muß, daß sie ganz gutes Material enthalte, ist nicht unbedingt das, was man von einem Qualitätssender wie ARTE erwartet.

Hier die Argumente:

Bereits der Titel "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" führt auf eine falsche Spur. Reißerische Titel mögen nötig sein, um die Aufmerksamkeit der Fernsehzuschauer zu erhalten, hier jedoch wird die These der "Auserwähltheit des Volkes Israel" benutzt, um eine Verknüpfung mit dem klassischen Antijudaismus der Kirchen und dem Antisemitimus der Bevölkerung zu suggerieren:

Juden wurden in Nazi-Deutschland als Individuen und Angehörige der Religionsgemeinschaft ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. Mit dem neuen Judenhaß, der politische, vor allem israelfreindliche Elemente enthält und mit demographische Veränderungen, die mit der Zuwanderung von Muslimen in Zusammenhang steht, sowie der Vermutung, daß sich unter den Zugewanderten Anhänger des islamischen Fundamentalismus befinden-, hat dies nichts zu tun.

Dem Titel folgend, bemühen sich die Filmautoren, die Geschichte abzuarbeiten. Das erste Drittel des Films ist das schwächste. Tatort Deutschland. Im Visier die mutmaßlichen Täter: Bundesbürger. Der Film besteht aus Befragungen von Passanten, deren Aussagen, ohne daß den Befragten dies mitgeteilt wird, dazu benutzt werden, judenfeindliche Haltungen zu illustrieren.

Die Haltung ist die des Anklägers. Man fragt sich, was dies mit einem Dokumentarfilm zu tun hat und inwiefern eine Kritik am Finanz- und Bankenwesen in Zeiten von Bankencrashs und Börsenskandalen zwangsläufig als judendeindlich verstanden werden muß. Die Unterstellung, wer Banken kritisiere meine zwangsläufig "die Juden" ist genau das Vorurteil, das die Autoren aufdecken wollen.

Es selbst zu erzeugen zeigt, daß die Autoren selbst unter den Folgen der von ihnen ins Visier genommenen Sugggestion stehen und das, was sie untersuchen wollen, das Vorurteil Judenhaß, selbst beisteuern.

Dieser Tunnelblick läßt darauf schließen, daß die Autoren sich nur selektiv mit öffentlichen Debatten auseinandersetzen. Die Auswahl und filmische Präsentation der Interviewpartner überrascht. Sprachrohr des deutschen Antisemiten sind weißhaarige ältere Damen mit Kurzhaarschnitten. Sehen so die neuen Antisemiten in Europa aus?

Erst mit dem Aufbruch in den Nahen Osten kommt Bewegung in die Argumentation: BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen), eine Bewegung, die in Großbritannien gegründet wurde und deren Ziel der Boykott, die Schädigung und Sanktionierung von israel- (und juden)bezogenen Aktivitäten, Projekten und Produktionen ist, ist das Thema. Doch noch immer gelingt es den Autoren nicht, einen unabhängigen, nicht vorurteilsbehafteten Blick auf ihr Thema zu erreichen.

Selbst für die Frage der Wasserqualität des Mittelmeeres muß eine ältere Dame deutscher Nationalität herhalten. Deren Aussage, offensichtlich aus dem Kontext gerissen, erschüttert:

Das Mittelmeerwasser ist von "den Israelis" (also den Juden!) vergiftet worden.

Ach ja, immer noch der Kirchentag, wie überraschend.

Woran mag es wohl liegen, daß die Interviews im deutschsprachigen Raum allesamt so dümmlich und klischeebehaftet wirken? Daß ausgerechnet ein so frauen- und altersfeindlicher Film offenbar von einer weiblichen Redakteurin des Kultursenders Arte abgenommen worden ist? Ist dies Ausdruck all der Verwerfungen, denen die (weiblichen) Karrieren in den öffentlich rechtlichen Sendeanstalten ausgesetzt sind?

Die durchwegs vorurteilsbehaftete Sichtweise wird durch den Schnitt und die Vertonung des Films unterstützt; ein unerträglicher Verhau an Störgeräuschen und dumpfen Bässen irritiert den Betrachter und stört die inhaltliche Rezeption des Films, soll jedoch die im Thema vergegebene Aggressivität imitieren. Einige Takte Wagner, wen wundert`s, dürfen nicht fehlen.

Ist die Film- und Musiksprache wirklich so berechenbar? So leicht vor den Karren von Manipulation und Propaganda zu spannen?

Peinlich, wie stark der Text von Sympathien und Antipathien getragen wird. Neben den allesamt unsympathisch dargestellten deutschen InterviewpartnerInnen, werden erst in Israel und in Gaza einige intelligente und sympathische Menschen gezeigt.

Ein Arzt betont, Volontäre aus Deutschland lernten hier nicht nur, wie gut Palästinenser und Israelis im Krankenhaus zusammenarbeiten, um Täter und Opfer von Terrorangriffen medizinisch zu versorgen, sondern hier lernten sie auch "human behavior", was die Deutschen prompt mit dem (abstrakten) Begriff "Menschlichkeit" übersetzten, und nicht wie gemeint mit: "sie lernten als Menschen zu handeln".

Der Grenzübertritt von Israel nach Gaza zeigt, daß der Film unter dem Einfluß der Mitarbeiter vor Ort, eine andere Richtung hätte nehmen können. Der Autor Todenhöfer (nein, er spielt im Film keine Rolle) wird plötzlich genannt. Er erscheint als uneinsichtiger deutscher Unsympath, doch ist seine Erwähnung Anlaß ein wenig Humor aufblitzen zu lassen: er sei per Tunnel beschwerlich nach Gaza gelangt, dabei reiche es an der Grenze eine Tür zu öffnen (Tür wird geöffnet).

Daß die Hamas-Kontrolleure die vier vom deutschen Steuerzahler bezahlten Flaschen Alkohol (!), die vom Film-Team auf Wunsch des dortigen Mitarbeiters - nach Gaza geschmuggelt werden sollten, "vor seinen Augen ausgeschüttet werden", treibt ihm (ebenso wie dem restlichen Film-Team) "die Tränen in die Augen". Auch der deutsche Steuerzahler weint.

Solche Informationen wären nützlich, wenn der Film "Abschaffung der Zwangsgebühr" hier Zweckentfremdung von Reisespesen-, hieße. Zur Veranschaulichung von BDS und Antisemitismus in Europa, ist der Verlust von vier (!) Flaschen Alkohol durch korrekte Hamas-Grenzkontrolleure weniger geeignet, es sei denn, Muslime sollen als Ziele und Opfer von Sanktionen wegen Alkohol überführt werden.

Zur inhaltlichen Kritik gehört, daß wichtigen Hinweisen nicht nachgegangen wurde:
Der Anstieg von Judenhaß, Gewalt und Angriffen als Folge der laissez-faire-Haltung der Politiker den Muslimverbänden gegenüber: Der Staat hat ihnen die volle Verantwortung für die religiöse Erziehung der Kinder und Jugendlichen überlassen, ohne daß er effektive Kontrollen durchführt. Dies gilt sowohl für Frankreich als auch für Deutschland.

Parallel dazu die Großzügigkeit der Europäischen Union, die Milliarden in Gaza versenkt, ohne zu kontrollieren wohin die Gelder gelangen und wie sie eingesetzt werden. Ein genialer Kommentar eines Palästinensers, der genau diese fehlende Kontrolle als Auslöser des Extremismus und des Terrors bezeichnete. Mit anderen Worten, durch die EU-Nonchalance und Großzügigkeit (fern jedweder Kontrolle der EU-Staatsbürger) wird der Terrorismus finanziert!

Negativ auch: Während die Filmautoren deutsche Bürger en masse befragen, um an ihnen Hate Speech und judenfeindliche Haltungen zu veranschaulichen, gibt es kein einziges Interview mit einem Vertreter eines Muslimverbandes. Auch die Haltung des Zentralrats zur Lage der Juden in Deutschland ist kein Thema.

Kein Thema ist die Frage von Gewalt gegen Minderheiten und Modellwirkung durch Gesetzesbruch durch Mißachtung von Gesetz, Ordnung und eigenen Bürgern durch Politiker auf nationaler und auf EU-Ebene.

Ansatzweise versucht der Film eine Kritik der BDS Bewegung und deren internationaler Verflechtung mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs), auch der Hinweis auf die absurde Finanzierung der Hamas durch die EU ist wichtig.

Konfus wird der Film, als das Team sich nach Frankreich begibt und die schwierige Lage der jüdischen Bevölkerung am Beispiel des Pariser Vororts Sarcelles darstellt, der jahrzehntelang als Beispiel gelungener Integration von Muslimen und Juden galt. Die Darstellung einiger Integrationsfiguren, - Star vor Ort ist ein Polizeikommissar im Ruhestand ("der jüdische Colombo" - läuft die Serie wirklich immer noch?), der die uneingeschränkte Sympathie der Filmemacher findet und am Ende des Films zum Abschied ins Leere winken darf, wirkt unpassend.

Fazit:
Die Frage, ob der Bevölkerung ein wichtiger Dokumentarfilm vorenthalten wird, wenn Schröders Film nicht auf Arte läuft, muß verneint werden, sieht man von dem hin und wieder aufblitzenden guten Film-Material ab.

Ein merkwürdiges Film-Erzeugnis ist hier entstanden. Schade.

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