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Amok oder die Macht der Feindbilder und Projektionen

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AMOKLAUF
dpa
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Kein Jahr ist vergangen seit Kanzlerin Angela Merkels bedingungsloser Grenzöffnung. Was viele als mutig lobten, wurde von anderen, als verantwortungslos dem Land und seinen Bürgern gegenüber verstanden. Paris - Brüssel - Nizza - Würzburg, nun München. Die Einschläge folgen in immer kürzerem Abstand.

Ein Münchner Stadtrat beklagt, kurz nach dem Amoklauf die ersten Hassmails erhalten zu haben. Anhänger der AfD ergreifen die Gelegenheit, auf ihre Ablehnung der islamischen Zuwanderung hinzuweisen. Journalisten in den USA fragen, ob europäische Politiker die Sicherheit ihrer Bürger gefährden.

Bürger, die bereits den Begriff „deutsch" oder „Heimat" als unerträglich empfinden und anstelle der Deutschlandfahne lieber das Wappen Europas sehen würden, stehen anderen gegenüber, die fassungslos sind wie rasch ihr Land und seine so hart erkämpften demokratischen Strukturen zerfallen. Die eine Gruppe wirft der anderen Deutschtümelei und Neo-Nazi-Gedankengut vor.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass nicht der gefürchtete „reale Sozialismus", sondern die Kanzlerin aus dem Osten, Westdeutschland in kaum mehr wiederzuerkennender Weise verändert hat.

Aus psychologischer Sicht ist vor allem die Distanzierung der Kanzlerin und ihrer Regierungsparteien von der bewährten „Deutschland - einig Vaterland"- Identitätsfigur bemerkenswert: allerdings hat sie damit den Bruch ihrer eigenen Identität enthüllt.

Die Frage der Identifikation mit Deutschland und seinen nationalen Symbolen, ist gerade für die Integration von Migranten von großer Bedeutung: Der Umgang mit der nationalen Identität berührt den kulturell sensiblen Bereich des persönlichen und kollektiven Ehrbegriffs. Wer die eigene Zugehörigkeit verleugnet, oder sich ihrer sogar schämt, wird in vielen Kulturen als „ehrlos" betrachtet.

Zu den psychologischen Vorbedingungen erfolgreicher Integrationsarbeit gehört, den Migranten ein positives Verständnis der deutschen Identität zu vermitteln. Nur so kann das Verachtungs-Gefälle von „"Sch...-Deutsch" versus Kanake" überwunden werden.

Die Realität jedoch ist anders. Der Schulalltag zeigt: das negative Selbstbild ist verinnerlicht worden. Viele Migrantenkinder sind nicht erfreut, als Deutsche bezeichnet zu werden. Sie distanzieren sich und beschimpfen ihre Mitschüler reflexhaft als „Sch...-Deutsche". Die Steigerung der konditionierten Verachtung ist, wenn Migranten sich gegenseitig als „Sch...-Deutsche" beschimpfen.

Damit sind sie politisch konform mit jenen Politikern, die sich wegen ihrer deutschen Staatsangehörigkeit und Herkunft entschuldigen. Für einen Engländer oder Amerikaner eine kaum nachvollziehbare tagtägliche Selbstbeschädigung der eigenen Identität. Integration in Deutschland, wird sogar in der dritten Generation der Menschen mit Migrationshintergrund oft nicht erreicht.

Freitag, der 22. Juli 2016 war der fünfte Jahrestag des Amoklaufes des Norwegers Anders Behring Breivik, der 77 Menschen tötete. An diesem Tag war der Deutsch-Iraner Ali David Sonboly, in Deutschland geboren, Inhaber zweier Staatsbürgerschaften, wohnhaft in München-Maxvorstadt, ausgezogen, um seine Amokfantasien wahr zu machen. Dass sein Plan offenbar noch nicht endgültig war und er vermutlich noch Zweifel hatte, die ihm einen Rückweg hätten eröffnen können, beweist das Wortgefecht, das er mit einem Passanten führte.

Dass der Amokläufer es fertig brachte, inmitten der Hass-Tiraden seinem Gegenüber ein lautes „Ich bin ein Deutscher" entgegen zu halten, läßt vermuten, dass eine Umkehr vielleicht noch möglich gewesen wäre, wenn er nicht auf jenen nur Verachtung artikulierenden Passanten getroffen wäre, sondern auf einen Menschen, mit dem er hätte reden können. Respektvoll. Freundlich. De-eskalierend. Unmittelbar nach diesem Wortgefecht wurde der 18 Jährige Deutsch-Iraner, der von seinen Wohnungsnachbarn als scheu geschildert wurde, zum Amokläufer.

Die Schuld der Geretteten - Warum die islamische Zuwanderung bei den bereits integrierten Muslimen zu großer Verunsicherung führt.

Es ist nicht leicht in diesem Land Fuß zu fassen. Und wie die deutschen Juden bestätigen können, kann man sehr schnell aus dem Zustand des Geduldet-Werdens wieder herausfallen, um von einem Tag zum anderen Volksfeind zu werden. Wer es als Muslim geschafft hat, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen, hat einiges zu verlieren.

Viele der bereits integrierten Muslime fürchten, so berichtet der Sozialwissenschaftler Bassam Tibi, dass die Verhältnisse, die sie einst zur Flucht bewegten, sie über kurz oder lang in ihrem deutschen Leben wieder einholen könnten. Dies löst Sorgen und Ängste aus. Im schlimmsten Fall Schuld. Das Schuldgefühl, selbst gerettet worden zu sein.

Was wie eine Paradoxie anmutet, gehört zum psychologischen Alltag. Der Schuldkomplex der Überlebenden jenen gegenüber, die es nicht geschafft haben. Die Posttraumatische Belastungsstörung nach Flucht, Entwurzelung, Verlust und Katastrophen hat viele Facetten. Sie werden als

Schuldkomplex der Überlebenden (Survivor`s Guilt)

bezeichnet. Gerade jene, die davongekommen sind, mit letzter Kraft das rettende Ufer erreicht haben und von wohlwollenden Mitmenschen aufgenommen wurden, sind verunsichert. Die positiven Erfahrungen in der neuen Umgebung stehen im Widerspruch zu den inneren Konflikten und Verlusterfahrungen, die keineswegs gelöst sind, selbst wenn der Betroffene äußerlich betrachtet, „angekommen" ist.

Wer gerade einmal davon gekommen ist, wird weiterhin das Bild jener Menschen in sich tragen, die es nicht geschafft haben. Schuldgefühle stellen sich ein, die zu seelischen und emotionalen Krisen und Krankheiten führen können. Dies zeigen die Lebensläufe einer Vielzahl von Überlebenden von Verfolgung, Krieg, Gewalterfahrungen: Das Posttraumatische Streßsymptom geht mit Depressionen, Stimmungsschwankungen, Schlaflosigkeit einher.

Dass etliche Kinder und Enkel der gut integrierten ehemaligen „Gastarbeiter" sich heute islamistischen Gruppierungen anschließen, entspricht dem Wunsch, den in der alten Heimat Zurückgebliebenen zu Hilfe kommen.

Dieses Überlebenden-Syndrom , beobachtete der Psychiater William Niederland, wurde bei Opfern des Holocaust, der politischen Verfolgung und der Weltkriege vor allem durch berufliche Leistung, Familiengründung und Suche nach einer neuen Identität verarbeitet, heute stehen die Überlebenden politisch-religiösen Bewegungen gegenüber. Deren Botschaft : Widerstand gegen die oft als feindselig erfahrene westliche Kultur. Der Täter von Würzburg wirkte gut integriert, die Zukunft schien ihm offen zu stehen. Seine Betreuer erkannten seine Konflikte nicht.

Das Überlebenden-Syndrom beschreibt, daß die Flucht nicht zu Ende ist, wenn der Flüchtling das rettende Ufer erreicht. Depressionen, Angstzustände, psychosomatische Beschwerden können dazu führen, dass die Betroffenen ihren Lebensmut verlieren, sich zurück ziehen, sich isolieren und durch fehlendes Vertrauen immer mehr vereinsamen. Der Würzburger Täter zeigte - wie aus den Berichten der Betreuer zu entnehmen ist, Wutanfälle, Stimmungsschwankungen und jene depressive Mutlosigkeit , die zu eindimensionalem, die eigenen Chancen nicht mehr erkennendem Denken führen kann.

Die psychischen Belastungen der Entwurzelung werden bei der Betreuung oft nicht ausreichend berücksichtigt. Bei der Frage wie die Flüchtlingsströme zu bewältigen seien, gleichen Menschen zuweilen einer Verschiebemasse: die Ganzheit und Vielschichtigkeit jedes Individuums in seiner kulturellen und emotionalen Eingebundenheit und Vielschichtigkeit droht verloren zu gehen.

Dass die sog.

Selbstradikalisierung

(ein Unwort, das an die Selbstentzündung von Sprengmaterial erinnert) -, kein Einzelfall, sondern ein kollektives Phänomen sein könnte, das unabsehbare destruktive Handlungen auslösen kann, - auch bei jenen Menschen, die als integriert gelten-, wird leicht übersehen. Ein Umstand, den die Bundesregierung und die Helfer bei ihren Integrationsbemühungen unbedingt in Betracht ziehen sollten.

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Dr. Hanna Rheinz

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