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Ich habe 40 Tage lang auf Zucker verzichtet - und das war nicht unbedingt eine gute Idee

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HANNA ZUCKER
Hanna Klein
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Ich habe 40 Tage lang auf Zucker verzichtet - und das war nicht unbedingt eine gute Idee

Ich habe ein Experiment gewagt. 40 Tage lang habe ich keinen Zucker gegessen. Schokolade, Kekse, Saft, Getreide, Alkohol, manches Obst und Gemüse - all das war für mich tabu. Ich wollte mein Verlangen nach Süßem reduzieren und mich gesünder ernähren.

Aber am Ende kam alles ganz anders als gedacht - und es war nicht nur das positive Erlebnis, das ich erwartet habe. Doch von vorne.

Vor Beginn meines Selbstversuchs habe ich gedacht, puh ohne Schokolade? Das überlebe ich niemals. Ich liebe Schokolade. Die Vorstellung, die nicht mehr essen zu dürfen? Schlimm!

Die erste Woche war auch wirklich hart. Vor allem, wenn alle um dich herum Schokolade essen und sie dir ständig unter die Nase halten. Ich wollte unbedingt auch Süßes essen, da ging's mir nicht gut.

Wir wollen immer wieder "was Süßes"

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, dass wir nicht mehr als sechs Löffel Zucker, sprich etwa 25 Gramm, am Tag essen sollten. Dazu zählt die Fructose in Obst genauso wie Haushaltszucker, der in zahlreichen Lebensmitteln ist.

Tatsächlich essen wir in Deutschland im Durchschnitt aber rund 87 Gramm pro Tag - also mehr als dreimal so viel wie empfohlen.

In ausreichender Menge ist Zucker gut für den Körper und gibt uns notwendige Energie. Doch wenn wir zu viel davon essen und vor allem schlechten Zucker, wie Haushaltszucker, der vielen Lebensmitteln beigemischt ist, gewöhnt sich der Körper daran und wir brauchen immer wieder „was Süßes".

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Das macht uns schlaff, antriebslos, müde, depressiv. Auch ich konnte die Finger einfach nicht von Schokolade, Keksen und Co. lassen - und das, obwohl ich mich sonst sehr ausgewogen und gesund ernähre.

Ich hatte gehofft, dass ich durch mein Experiment tatsächlich weniger Lust auf Süßes habe. Und siehe da. Nach einer Woche war das Verlangen nach Schokolade komplett weg. Dann hatte ich eher Gelüste auf andere Sachen, die ich nicht essen durfte, wie Kartoffeln und andere Kohlenhydrate.

Stattdessen musste ich mir Alternativen suchen, wie zum Beispiel Chiasamen, Qinoa, Buchweizen oder Linsen - doch einiges davon ist deutlich teurer als Nudeln oder Reis.

In der Kantine essen, etwas beim Bäcker holen oder ins Restaurant gehen, das war kaum mehr möglich. Stattdessen habe ich fast jedes Essen selber zubereitet. Und das kostete sehr viel Zeit.

Manchmal hätte ich am liebsten hingeschmissen

Es gab viele Momente, in denen ich am liebsten alles hingeschmissen hätte. Wenn nach einem Arbeitstag mit vielen Überstunden die Supermärkte in München schon geschlossen hatten und ich erst gegen 21 Uhr nach Hause kam. Lust zum Kochen hatte ich dann keine mehr. Also gab es zum Abendessen einfach Käse, Möhren und Oliven. Und am nächsten Tag in der Kantine dann nur etwas Salat mit Öl und Salz - alles andere wäre voll mit Zucker gewesen.

Oder wenn ich einen richtig miesen Tag hatte, der nur noch nach Sofa, Netflix und Schokopudding schrie - und ich mir dann einreden musste, dass Mandeln ein adäquater Ersatz seien.

Was mir in diesen Situationen geholfen hat? Der Gedanke daran, wie weit ich schon gekommen bin. Und dass ich mir das nicht nehmen lassen will, nur weil mein Körper in diesen Situationen nach Zucker verlangt hat. Ich habe weiter gemacht. Ich wollte es schaffen.

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Einige Monate sind inzwischen vergangen, seitdem ich wieder Zucker esse.

Einerseits machte mich das Gefühl, irgendwann zu merken, dass ich keinen Zucker mehr brauchte, stark. Auch war ich nicht mehr ganz so müde, wie es nach einem großen Teller Pasta manchmal der Fall ist. Und ein, zwei Kilogramm dürfte ich auch verloren haben. Zwar habe ich mich nicht gewogen, aber die ein oder andere Hose sitzt jetzt verdächtig locker.

Doch das Schwierigste - das weiß ich jetzt - war nicht der Verzicht auf Zucker. Sondern sich wieder daran zu gewöhnen.

Zum einen ist es mir am Anfang sehr schwer gefallen, in mein normales Essverhalten zurückzukehren. Es war komisch, wieder alles essen zu dürfen. Ich war überfordert von der Vielfalt der Möglichkeiten. Zum anderen haben mich Süßigkeiten total kalt gelassen. Aber das ist grundsätzlich ja nichts Schlechtes.

Erschreckend war: Mir ist von einigen Sachen, die ich probiert habe, richtig schlecht geworden. Zum Beispiel von Nacho-Chips mit Dip. Die versteckten Zusatz-Zucker bei verarbeiteten Lebensmitteln war ich gar nicht mehr gewöhnt.

Von vielen Dingen wird mir inzwischen schlecht

Ich wollte ein Schoko-Bon essen, aber ich hab's nur bis zur Hälfte geschafft, weil er so pappsüß war, dass mir einfach nur übel wurde.

Mit der Zeit wurde es ein bisschen besser. Aber ich kann immer noch kaum Süßigkeiten essen. Bei Milchschokolade stellen sich mir auch heute noch die Nackenhaare auf.

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Einfach alles essen zu können, was beispielsweise Freunde einem anbieten - das kann ich nicht mehr. Alles, was Weißmehl und Fertigsoßen enthält, bedeutet unangenehmes Magengrummeln.

Wenn ich unterwegs bin und nichts zu essen dabei habe, ist es für mich gar nicht so einfach, etwas zu essen zu finden. Einfach einen normalen Teller Pasta essen - das konnte ich nach meinem Zuckerverzicht lange nicht.

Unbeschwertes Essen gibt es für mich seit meinem Zucker-Experiment fast nicht mehr.

Ich denke jetzt immer: Oh Gott, Zucker ist das Böse.

Ich hatte das Gefühl, mein ganzer Alltag dreht sich nur noch um Essen

Sicher: Es ist gut, sich bewusst darüber zu werden, wo überall Zucker enthalten ist. Vor allem versteckter Zucker, etwa in Gemüsebrühe oder Sojasoße. Es ist wichtig, sich gesund und ausgewogen zu ernähren.

Aber wenn einem vor lauter Vorsicht und Selbtsdisziplin schließlich die Lust aufs Essen vergeht, dann kann das ja auch nicht die Lösung sein. Oder?

Von Hanna Klein, Redakteurin bei FOCUS Online

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