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"Ich fand den leblosen Körper meines Vaters": Meine Kindheit in einer heroinsüchtigen Familie

12/10/2017 17:45 CEST | Aktualisiert 12/10/2017 17:46 CEST
vidguten via Getty Images

Früher hat mich mein Bruder immer mitten in der Nacht geweckt, um gemeinsam Ninjas zu jagen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Zeit war etwas Kostbares für mich, ich fühlte mich geehrt, weil er mich an diesem Spiel teilnehmen ließ.

Für mich waren die Ninjas genauso echt wie die Feen im Garten, denen ich Briefe schrieb. Für ihn waren die Ninjas genauso echt wie die Dunkelheit, die ihn überkam, wenn er high war.

Wenn wir Nacht für Nacht das Haus durchsuchten, durchkämmte mein Bruder die Teppiche mit Messern. Er hatte es auf die geheimen Tunnel abgesehen, die die Ninjas vor ihm unter unserem Haus, auf Balboa Island, verborgen hatten. Er war davon überzeugt, dass diese geheimen Tunnel (eigentlich waren es nur die Nähte der Teppiche) zu der Todeshöhle führen würden.

Dort versteckten sich die Ninjas und mit ihnen Regierungsagenten, die ihm, während er schlief, Mikrochips ins Gehirn einpflanzten. Deshalb schlief er nie - aus Angst, die Agenten könnten ihm immer mehr Chips implantieren.

Mein Bruder ist heroinabhängig, das ist er schon so lange ich mich erinnern kann.

Mein Bruder hatte meinen Vater getötet

Mein Vater war ebenfalls abhängig, aber er konnte die Sucht besser verbergen. Man sagt, Genie und Wahnsinn lägen dicht beieinander - mein Vater wandelte stets auf dem feinen Grat zwischen diesen beiden Extremen.

Er war ein Pionier auf dem Gebiet der Telekommunikation im Boom der 1980er- und 1990er-Jahre. Sein plötzlicher Tod war für alle ein Schock.

Man sagt, dass man die Details ausblendet, wenn man als Kind eine traumatische Erfahrung durchlebt. Meine Erinnerung springt. Ich erinnere mich daran, wie ich eines Morgens im Dezember aufwachte und den leblosen Körper meines Vaters im Gästezimmer unseres riesigen Hauses fand. Niemand glaubte mir. Es gab keinen Grund mir zu glauben ...

Im Herbst darauf kam für mich der erste Schultag an einer neuen Schule in einer neuen Stadt. An alles was dazwischen geschah, habe ich keine Erinnerung.

Jahrelang habe ich nach der Wahrheit gesucht, ich habe jeden gefragt und darum gebettelt, man möge mir erzählen, was damals passiert ist. Nur ein Hinweis, irgendwas! Ich fantasierte mir Geschichten zusammen: Mein Vater hatte das Raum-Zeit-Kontinuum entdeckt und wurde ermordet, kurz bevor er seine Entdeckung mit der Öffentlichkeit teilen konnte.

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Oder aber er hatte seinen eigenen Tod inszeniert und irgendwann würde mich eine Nachricht erreichen, die mich auf eine lebensverändernde Reise schicken würde, auf eine Mission meine Familie und die Welt zu retten!

Leider ist es am Ende einer jeden Kindheit so, dass solche Fantasien, Feen und Ninjas immer mehr verblassen. Ihr Platz wird von der Realität eingenommen, einer Realität, die ich mit aller Gewalt verdrängt hatte. Es hat Jahre gedauert, das Puzzle zusammenzusetzen.

Jedes Mitglied meiner Familie erzählte mir eine andere Geschichte - zu meinem eigenen Schutz. Aber ich musste mich der Wahrheit stellen.

Mein Bruder hatte meinen Vater getötet - mit einer unreinen Mischung Drogen.

Nichts hätte ihn retten können

Er hat es selbst zugegeben, als er mich während eines Drogenrausches wütend anbrüllte. Er selbst kann sich daran nicht erinnern. Das war kurz vor meinem Schulabschluss. Hallo, Erwachsensein.

Mein Bruder hat weiter Drogen genommen. Ich glaube, er hat es nie verwunden, dass er die Schuld am Tod seines Stiefvaters trägt. Schließlich gewann die Sucht die Oberhand.

Sie führte zu einem furchtbaren Motorradunfall, bei dem mein Bruder starb. Körperlich ist er immer noch am Leben, gerade so. Aber ich glaube, er ist gestorben. Eine vollständige Genesung wäre möglich gewesen, aber mein Bruder hat es nicht geschafft. Er gab einfach auf, gab allem und jedem die Schuld. Nichts hätte ihn retten können. Keine Entziehungskur, keine betreute WG und auch kein Betreuer - nichts konnte ihn davon überzeugen, dass er kein Monster war.

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Sein körperlicher Zustand verschlechterte sich nach dem Unfall immer mehr, es gab keine geeignete Therapie, er rutschte immer weiter in die Sucht ab und irgendwann war nichts mehr von ihm übrig.

Mein Bruder ist kein schlechter Mensch. Er ist nicht böse und er hat keine Strafe verdient. Ich liebe ihn, ganz gleich was für furchtbare Geschichten er mir auftischt, damit ich mich schlecht fühle. Ich würde alles dafür geben, um ihn strahlen zu sehen. Mein Bruder ist das Produkt einer ehemals wohlhabenden Familie, die nie etwas von ihm erwartet hat und eines Mannes, meinem Vater, der einen leicht zu beeindruckenden jungen Mann mit Heroin in Kontakt gebracht hat.

Ich werfe meinem Vater nichts vor. Es gibt dafür zwar keine Entschuldigung, aber ich weiß, dass mein Vater meinen Bruder geliebt hat. Er war sein Stiefvater und er hat viele Jahre lang versucht, meinen Bruder zu adoptieren. Das mit der Adoption hat nicht geklappt, aber mein Vater hat meinem Bruder jede nur erdenkliche materielle Freude gemacht - bis er eines Tages etwas anderes mit ihm teilen wollte...

Mein Vater hat das Leben meines Bruders zerstört

Die Euphorie des Heroins in den frühen 1990er-Jahren. Es war der Versuch, mit meinem Bruder eine besondere Verbindung einzugehen. Aber wie heißt es so schön: Der Weg in die Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.

Ohne es zu wollen hat mein Vater das Leben meines Bruders zerstört. Und im Gegenzug hat mein Bruder meinen Vater getötet.

Kein Selbsthilfe-Buch dieser Welt kann eine Familie auf die Hölle der Drogensucht vorbereiten. Niemand, nicht einmal ein erfahrener Experte, kann hier Hilfe bieten, wenn ein bestimmtes Anfangsstadium einmal überschritten wurde. Es ist zu subjektiv.

Wenn ein Einschreiten und ein Entzug beim ersten Mal nicht helfen, dann schrumpfen mit der Zeit die Möglichkeiten und ein Entzug wird immer schwieriger. Ein Entzug kann sehr teuer sein und wenn ein Mensch nicht bereit ist, diese Hilfe anzunehmen, dann dreht man sich bei dem Versuch, sie zu retten, im Kreis.

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Ich bin mit der Sucht meines Bruders offen umgegangen. Viele haben versucht zu helfen. Aber sie haben das Ausmaß dessen einfach nicht verstanden, wie es ist, in einer Familie mit einem Abhängigen aufzuwachsen. Es ist beängstigend und treibt einen in die Isolation. Und wenn man es nicht selber erlebt hat, dann kann man es auch nicht nachvollziehen.

Ich weiß, dass viele unter diesem Gefühl der Isolation leiden. Es ist schwer zu verarbeiten, denn oft weiß man gar nicht, was man verarbeiten muss. Wie viele andere musste auch ich die harte Wahrheit akzeptieren, dass es keinen Therapeuten, keinen Guru und auch kein Programm gibt, dass einen Abhängigen rettet, wenn dieser nicht zuerst einmal selbst für sich entscheidet, sich zu retten.

Für meinen Bruder wird es immer die Ninjas geben

Meine Familie hat sich bei dem Versuch, meine Bruder zu retten, selbst zerrissen. Ich habe gekämpft und geweint. Und irgendwann wurde es zu einem Normalzustand. Jedes Mal, wenn meine Mutter mich anruft, dann hängt da diese Angst in der Luft, dass es DER eine Anruf sein könnte. Der Anruf am Ende seines Lebens.

Ich habe keine Antwort auf die Frage, wie man jemandem helfen kann, clean zu werden. Ich schaue Obdachlose anders an, da ich meinen Bruder in ihnen erkenne. Bis heute ist er davon überzeugt, dass niemand ihn liebt, dass meine Mutter der Teufel ist. Ich bin für ihn der Spross eines achtlosen Mannes, der ihn umgebracht hat. Er macht auch weiterhin die Welt für seine Sucht verantwortlich.

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Ich hoffe währenddessen auch weiterhin, dass er eines Tages, wie durch ein Wunder, für sich selbst Verantwortung übernimmt und endlich gesund wird. Und wenn es soweit ist, dann werde ich da sein um für ihn zu kämpfen. Mein Rat an alle, die in irgendeiner Weise Umgang mit Abhängigen haben, ist, einfach nur bedingungslose Liebe zu geben.

Es ist nicht der geliebte Mensch, der dich anbrüllt und beschimpft. Es ist das Monster, zu dem er geworden ist. Und ob dieser Mensch den Kampf nun gewinnt oder verliert, er wird sich daran erinnern, dass du dich nicht von dem Dämon hast täuschen lassen und für ihn da warst. Ob er es nun sagt oder nicht.

Für meinen Bruder wird es immer die Ninjas geben. Sie sind seine Manifestierung der Wirklichkeit. Sie schleichen sich an ihn heran und kämpfen für einen redlichen Zweck, der nicht existiert. Er wird auch weiterhin dass sehen, was er sehen will. So wie die meisten Menschen. Was siehst du?

Dieser Artikel erschien zuerst auf Medium und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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