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Sexuelle Übergriffe: Reden wir über den Alltag

09/01/2016 12:58 CET | Aktualisiert 09/01/2017 11:12 CET
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Die sexuellen Übergriffe in Köln waren abscheulich und frauenverachtend. Und sie sind keine Ausnahme in Deutschland. Verbale und körperliche Belästigung sind trauriger Alltag für Frauen. Ob Samstags im Club, in der U-Bahn, auf den Straßen.

Jetzt melden sich Frauen zu Wort!

Wir wollen eure Meinungen, eure Geschichten, euren Aufschrei - gemeinsam machen wir den Tätern und auch der Politik klar, dass es so nicht weitergehen kann. Frauen dürfen in Deutschland nicht mehr Opfer sexueller Gewalt werden. Schreibt uns eure Geschichten und/oder schickt ein Video an Blog@huffingtonpost.de

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Aus dem Urlaub zurück liegt eigentlich jede Menge Arbeit auf dem Schreibtisch. Aber seit gestern schlage ich mich insbesondere bei Facebook damit rum, zu kommentieren. Es geht um Köln.

Was ist bekannt? Bis Dienstag gab es 90 Anzeigen wegen Taschendiebstählen und sexueller Belästigung.

Es gab eine Ansammlung von ca. 1000 Menschen, aus der heraus Gruppen die Straftaten begangen haben. Die Polizei hat bekannt gegeben, die mutmaßlichen Täter stammen „überwiegend aus dem nordafrikanischen beziehungsweise arabischen Raum„. Im Verlauf des heutigen Tages wurden die Informationen präzisiert.

Danach gab es 100 Strafanzeigen, davon sollen dreiviertel einen sexuellen Hintergrund haben. Die Rede ist von zwei Vergewaltigungen. Entgegen vieler anderslautender Kommentare auf Facebook wurde vor allem in den Regionalmedien berichtet. Überregional erst nach einer Pressekonferenz der Polizei.

Warum ich den Tag mit kommentieren verbringe? Weil es mich aufregt, dass die Themen sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung nicht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen, sondern sich mal mehr oder weniger versteckter Rassismus zeigt.

Es geht pauschal darum, dass Geflüchtete eine Gefahr für Frauen sind. Es geht darum, dass Geflüchtete angeblich keinen Respekt vor Frauen haben. Und es geht darum, dass man ja schon immer gewusst habe, dass die Geflüchteten Probleme mit sich bringen.

Diese Selbstgerechtigkeit kotzt mich an. Das Problem sexualisierter Gewalt und das Problem sexueller Belästigung sind gesellschaftliche Probleme in Deutschland.

Die Verharmlosung von sexualisierter Gewalt, die Einordnung von sexueller Belästigung als „Kavaliersdelikt" ist Alltag.

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Statt nun aber über die Eindämmung von sexualisierter Gewalt zu reden, über Sensibilisierung in Bezug auf sexuelle Belästigung, werden sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung zu einem exklusiven Problem Geflüchteter gemacht. Sind sie aber nicht. Es sind Probleme der deutschen Gesellschaft.

Antje Schrupp hat hier schon vieles dazu gesagt und Tereasa Brücker hier auch.

Wenn es um den Kampf gegen sexualisierte Gewalt geht und um Sensibilisierung in Bezug auf sexueller Belästigung, dann sollten quantitative Betrachtung nicht der Kern der Debatte sein.

Denn jeder Fall einer sexuelle Belästigung und jeder Fall sexualisierter Gewalt ist ein Fall zu viel.

In der derzeitigen Debatte halte ich es für angemessen, darauf hinzuweisen, dass Deutschland wahrlich kein Musterland des Kampfes gegen sexualisierte Gewalt und gegen sexuelle Belästigung ist. In diesem Zusammenhang kann das Stichwort Oktoberfest fallen. Erst 1997 (ja, erst 1997) wurde aus dem Straftatbestand der Vergewaltigung das Wort „außerehelich" gestrichen.

Richtig gelesen. Bis dahin konnte der Ehemann, der seine Frau in der Ehe vergewaltigte, nicht wegen Vergewaltigung nach § 177 StGB bestraft werden.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2014 (ja, ich weiß auch um die Schwierigkeiten mit Kriminalstatistiken) verweist auf Seite 52 darauf, dass es 12.742 Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung unter Gewaltanwendung oder Ausnutzen eines Abhängigkeitsverhältnisses gegeben hat. Mehr als jede zweite erfasste Tat (62,5 Prozent) wurde von Verwandten oder näheren Bekannten verübt.

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Und im Alltag? Wie häufig wir in deutschen Kneipen von deutschen Männern darüber geredet, wie viel und welche „Olle geknallt" wurde?

Wie häufig werden Frauen allein nach ihrem Aussehen bewertet und auf ihre (potentielle) sexuelle Nutzbarkeit taxiert? Wie häufig fällt (hinter vorgehaltener Hand natürlich) der Spruch, „Die Alte muss doch mal wieder gefickt werden" wenn es darum geht, dass eine Frau nicht funktioniert oder schlechte Laune hat?

Wie häufig trägt es sich zu, dass einer Frau Körperkontakt aufgedrängt wird? Und wie häufig hält nur die political correctness Männer davon ab, Testosteron auch noch als offiziellen Entschuldigungsgrund für Handlungen anzuführen? Wie häufig werden Frauen als reines Sexobjekt wahrgenommen?

Reden wir über das Problem sexualisierter Gewalt und das Problem sexuelle Belästigungen in Deutschland. Reden wir darüber, wie dafür sensibilisiert werden kann. Reden wir darüber, wie ein gesellschaftliches Klima geschaffen werden kann, in dem sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung geächtet sind.

Reden wir darüber, dass sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt eine Einstellungsfrage ist. Reden wir darüber, dass bereits Worte und Sprüche das Problem sind. Reden wir über Rollenbilder und Rollenzuschreibungen. Reden wir über Möglichkeiten zur Selbstermächtigung von Frauen, sich zu wehren.

Wie wäre es zum Beispiel, wenn jede Frau die Möglichkeit bekommen könnte, kostenlos einen Selbstverteidigungskurs zu besuchen?

Die Veränderung muss zuerst im Kopf stattfinden. Jetzt wäre Zeit genau damit anzufangen. Das wäre die richtige Konsequenz.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf blog.wawzyniak.de

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