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Radikalisierung hat nichts mit Religion zu tun, es ist ein Problem unserer Gesellschaft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ISLAMIST EUROPE
Nikada via Getty Images
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Während Radikalisierungsformen weltweit zunehmen, scheinen sich auch besonders junge Muslime, vor allem in europäischen Gefängnissen, im religiösen Fundamentalismus zu verfangen und zunehmend in djihadistische Ideologien, wie die von ISIS, verwickelt zu werden.

Unter anderem durch die Zunahme der terroristischen Anschläge in Europa als auch des Rechtspopulismus, ist es umso wichtiger geworden, die zu Extremismus führenden ideologischen Strömungen, sowie den politischen Diskurs der Präventionsstrategien zu verstehen und kritisch näher zu betrachten.

Der Artikel wird auf die folgenden vier Themenfelder eingehen: die Definition der Radikalisierung als Phänomen, die Definition der Instrumentalisierung der Religion, religiös gestaltete Gegenmaßnahmen zur Radikalisierung und die Gefahren der Instrumentalisierung der Religion.

Radikalisierung als Phänomen

Radikalisierung ist ein gegenwärtiges Phänomen geworden, welches nicht auf eine spezifische Ideologie oder eine bestimmte Region der Welt begrenzt werden kann.

Es ist ein Prozess, der auf der Ebene von Individuen, Gruppen, Gemeinschaften, Gesellschaften und sogar Staaten geschehen kann. Dieser kann sowohl zu gewalttätigem als auch zu gewaltfreiem Extremismus führen.

Unter gewalttätigem Extremismus kann man unter anderem folgende Formen identifizieren: Globaler Jihadismus wie Al-Qaeda und ISIS, Rechtsextremismus (Neonazi und Skinheadszene), und Linksextremismus (kommunistische und anarchische Strömungen).

Unter gewaltfreiem Extremismus ist zum Beispiel anti-demokratischer Aktivismus zu verstehen. Allerdings gibt es ideologische Formen, die auf beide Klassifizierungen zutreffen, wie z.B. Salafismus und die Muslim Bruderschaft.

Da es verschiedene Nährböden für Extremismus gibt, wie z.B. Frustration, Diskriminierung, Demütigung, Abschottung, Entfremdung und Ungerechtigkeitsgefühl, ist es nicht effizient diese sozio-politischen Themen aus religiöser Sichtweise zu besprechen.

In einem Fernsehinterview sagte Seelsorgerimam Ramazan Demir in Österreich: „Die meisten [Gefangene] haben wirklich Probleme gehabt - soziale Probleme. Es sind Menschen, die in der Vergangenheit Diskriminierungserlebnisse bekommen haben.

In Österreich wollen wir - islamische Seelsorger und islamische Religionslehrer - den islamischen Jugendlichen mitgeben: Ihr seid Österreicher. Ihr seid Zuhause".

Wenn wir diese Aussage eines Seelsorgers betrachten, verstehen wir sofort, dass das Problem nicht religiös zu sein scheint. Vielleicht würden Sozialarbeiter oder Psychologen diesen Bereich besser abdecken. Es muss darüber gesprochen werden, wie die Gefangenen sozialisiert sind und aus welchen Gründen sie inhaftiert wurden.

Die Problematik scheint jedoch woanders zu liegen. Sie scheint in den meisten Fällen sozial, politisch, wirtschaftlich oder psychologisch zu sein, während sie eher selten religiös bedingt ist.

Politische Instrumentalisierung des Islam


Politische Instrumentalisierung des Islam bedeutet, dass der Islam oder dessen Funktion und dessen organisatorische Strukturen und Netzwerke als Mittel zur Verfolgung eines politischen Ziels dient.

So wirft der Prozess der politischen Instrumentalisierung des Islam die Frage nach der Echtheit des Glaubens eines Menschen auf, wenn er die Religion bewusst für ein politisches Endziel benutzt.

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Die Religion als System des Glaubens und als ein Prozess der Produktion von Ideen und Werten im gesellschaftlichen Leben äußert sich durch Diskurse, die zweideutig sein könnten.

Mehrdeutigkeit entsteht aus der fehlenden Unterscheidung zwischen zwei Ebenen des Diskurses: Auf der einen Ebene sind diese Diskurse in der Vermittlung religiöser Bedeutungen maßgeblich.

Auf der anderen Ebene reflektieren diese Diskurse die Interessen von Einzelpersonen, Gemeinschaften, Organisationen und Regierungen. Diese Mehrdeutigkeit lässt Raum für politische Akteure, „positiv oder negativ", um Religion zu instrumentalisieren, und so bestimmte politische Ziele zu erreichen.

Dieses Interesse an der Religion entspringt der markanten Form der sozialen Organisation einer Ideologie, um bestimmte Formen der Autorität zu legitimieren und Widersprüche in einer bestimmten Gesellschaft zu lösen.

Wenn Politiker auf religiöse Funktionen zurückgreifen, leihen sie vor allem Authentizität, Legitimität und Glaubwürdigkeit aus.

So hängt die Kategorisierung einer positiven oder negativen Instrumentalisierung der Religion in der Politik primär von den Akteuren ab, die sie tatsächlich ausüben. "Politische Instrumentalisierung der Religion" als eine Praxis in einer bestimmten Domäne oder Angelegenheit wie z.B. "Radikalisierungsprävention" könnte sich auf andere Bereiche oder Themen ausstrecken. Wo sollten die Linien gezogen werden und wer hat das Recht das zu tun?

In dieser Angelegenheit wird eine Frage zwingend: Warum gehen wir immer mit religiösen Symbolen, Ritualen und Elementen um, wenn wir einen gesellschaftspolitischen Diskurs über Radikalisierung voranbringen wollen, der eigentlich nur politische oder ökonomische Interessen beinhalten sollte? Es ist eindeutig, dass wissenschaftlich erforschte Argumente in diesem Diskurs noch fehlen.

Religiös gestaltete Präventionsstrategien


Offensichtlich können Gefängnisse Inkubatoren für Radikalisierung sein. Laut Medienberichten waren zwei der Franzosen, die die Terroranschläge gegen das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo im Jahr 2015 begangen hatten, hinter Gittern radikalisiert worden. Der EU-Anti-Terror-Beauftragte Gilles De Kerchove bestätigte im Jahr 2015: „Gefängnisse sind ein Brutapparat für Radikalisierung".

Als Gegenmaßnahme zur Radikalisierung neigen die Politiker in Deutschland und anderswo in Europa dazu auf eine so genannte "positive" Instrumentalisierung der Religion zurückzugreifen. Das heißt, dass sich Politiker auf das Imam-Monopol der Bedeutungsauslegung des Islam verlassen, um Radikalisierungsprozesse in Gefängnissen zu verhindern.

Aus diesem Grund haben mehre Bundesländer in Deutschland begonnen, muslimische Gefängnisseelsorger in die Haftanstalten zu schicken, um die inhaftierten Muslime zu entradikalisieren.

Dies erweckt den Anschein, dass ein potentieller Extremist in jedem Gefangenen mit muslimischem Hintergrund versteckt sei.

Durch den Einsatz muslimischer Seelsorger in Gefängnissen hoffen viele Politiker, Radikalisierungsbestrebungen zu neutralisieren. Diese Gegenmaßnahme ist eine religiös gestaltete Präventionsstrategie, die die Funktion des Imam aus dem religiösen in den sozialen Bereich übertragen.

Zudem erklärt Rauf Ceylan, Professor für Religionssoziologie an der Universität Osnabrück: „Der Begriff Seelsorge kommt im Koran gar nicht vor, sondern stammt aus der christlichen Tradition."

Der Gebrauch des ‚Seelsorger Konzepts' der europäischen Moderne wird im Christentum anders verwendet als im Islam. Die Hauptaufgabe eines muslimischen Seelsorgers scheint sich auf Radikalisierungsprävention zu konzentrieren.

Gefahren liegen vor uns


Westorientalisten neigen dazu, zwei Ansichten zu verbreiten: Zuerst übergehen sie die Debatte, indem sie für Muslime entscheiden, welche Interpretation der Religion die richtige für sie sei. Zweitens akzeptieren sie nur einen bestimmten Aspekt des islamischen Denkens, während sie alle anderen Auslegungen ignorieren.

Auf dieser Grundlage bleibt die begriffliche Verwirrung bestehen und die Trennlinien werden nicht nur zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen, sondern auch zwischen den Muslimen selbst hervorgehoben.

Es gibt mehrere Gefahren der politischen Instrumentalisierung der Religion, welche nicht aus den Religionen selbst hervorgehen, sondern aus der zynischen "Instrumentalisierung" durch säkuläre Akteuren.

Hier werde ich mich auf das oben dargestellte Beispiel der Gefängnisseelsorger in dem politischen Diskurse in Europa konzentrieren.

Mehr zum Thema: Radikalismus ist kein importiertes Problem - es entsteht bei uns in Europa

Die Hypothese, dass Gefangene mit einem islamischen Hintergrund Seelsorger benötigen ist irreführend. Dies verschiebt den politischen Diskurs von der Analyse der Radikalisierung zur Analyse des Islam.

Statt sich auf soziale und politische Fragen zu fokussieren, konzentriert sich der Diskurs zur Radikalisierung vor allem auf religiöse Fragen.

Während die Religion ein Grund für die Radikalisierung sein könnte, werden die Hauptgründe - sozial, politisch, wirtschaftlich und psychologisch - an die Peripherie des Diskurses gedrängt.

Hier liegt eine Instrumentalisierung der Religion vor, die die Aufmerksamkeit der Gefangenen auf die Religion und nicht auf die Gründe, warum sie im Gefängnis sind, verschiebt. So führt die fehlende Trennung zwischen dem politischen und dem sozialen Bereich einerseits und dem Religiösen andererseits zu einer verzerrten Weltsicht.

Die Hypothese, dass politische Instrumentalisierung der Religion Radikalisierung verhindert, ist nicht als Präventionsstrategie nachhaltig, weil es wahr ist, in dem, was es behauptet, aber falsch in dem, was es leugnet.

Es gibt viele Gründe für Radikalisierung

Es ist anzunehmen, dass die Zuweisung von muslimischen Seelsorgern zu Gefängnissen ein gutes Konzept für jene Muslime ist, die ihre Religion ausüben möchten, aber diese Maßnahme genügt nicht, Radikalisierungsprozesse zu verhindern, da unterschiedlichen Studien zu folge, viele andere Gründe außer der Religion im Spiel sind.

Die Aufgaben der Muslimseelsorger sind unterschiedlich und beinhalten zum Beispiel aufklären, informieren und entradikalisieren. Daher sind die Menschen, die in diesen Gefängnissen als Muslimseelsorger arbeiten und lehren nicht fachlich befähigt. Diese Aufgabenbreite der religiösen Domäne zu überlassen, bleibt fragwürdig.

Die Hypothese, dass muslimische Gefangene mehr über ihre Religion wissen müssen, um friedlich zu sein, ist unlogisch. Viele Muslime wissen nicht viel über ihre Religion oder vielleicht gar nichts, aber sie bleiben friedlich.

Diese Hypothese impliziert, dass es einen Mangel an Religion und Religiosität der Insassen gibt. Wie dient diese Hypothese dem Entradikalisierungsprozes? Vielleicht gar nicht. Aber diese Hypothese trägt zur Verstärkung der Narrative bei, dass Muslime in europäischen Ländern benachteiligt sind, da sie ihre Religion nicht ausüben dürfen.

Mehr zum Thema: Islam Experte: "Die westlichen Werte sind zu schwach"

Daher ist der Satz, dass muslimische Straftäter zu diesen geworden sind, weil sie nicht den Lehren des Islam folgen, ebenfalls zurückzuweisen.

Die Hypothese, dass der Staat, egal welcher Staat in Europa, Schuld daran hat, wenn einige muslimische Gefangene sich aufgrund des Mangels an muslimischen Seelsorgern im Gefängnis radikalisieren, ist eine polemische Behauptung.

Es ist ein Beispiel falschen Bewusstseins. Was wäre, wenn die Gefangenen "muslimische Seelsorger" hätten, aber dennoch radikalisiert würden? Wäre der Seelsorger schuldig? Der Staat? Der Islam?

Auf der einen Seite, wenn die Religion im politischen Bereich verstärkt wird, könnte sie das dogmatische Verständnis der politischer Konstrukte erhöhen.

Auf der anderen Seite, zerstört die Politik die Religion, indem Religion Kompromisse und Zugeständnisse machen muss. Abschließend kann gesagt werden, dass weitere Präventionsstrategien notwendig sind, die nicht nur unbedingt den religiösen Bereich betreffen.

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