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Erhabenheit mit 33 1/3 Umdrehungen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
33 RECORD
JGI/Jamie Grill via Getty Images
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Vinyl-Scheiben sind unpraktisch. Sie sind empfindlich, sie verkratzen; das große, quadratische Kartoncover nimmt viel Platz im Regal ein und wetzt sich ab. Vinyl-Scheiben sind: herrlich. Und fĂŒr einen Audio- und Musik-Freak auch gut 25 Jahre nach der CD-EinfĂŒhrung immer noch das Non-plus-Ultra beim gepflegten Musikgenuss.

Vielleicht sollte es heißen: wieder. Denn Vinyl erlebt ein grandioses Comeback. Die Verkaufszahlen der so herrlich unpraktischen TontrĂ€ger haben sich zuletzt vervierfacht. So könnte es weitergehen. Vor allem, da jetzt immer mehr Klassiker der Musikgeschichte auf den wiederentdeckten Scheibenmarkt drĂ€ngen. Wie beispielsweise"The Piper At The Gates Of Dawn", "A Saucerful Of Secrets", "More" und "Ummagumma" - vier frĂŒhe Alben der britischen Psychedelic-Supergroup Pink Floyd aus den 60er Jahren.

Die vier in Zellophanfolie eingeschweißten Langspielplatten, wie das damals charmant uncool hieß, ringen einem etwas Ehrfurcht ab: Diese Ă€sthetische Unversehrtheit. Diese Vollkommenheit. Um die Musik hören zu können, muss man aber wohl oder ĂŒbel Hand anlegen und mit einer - kleinen, scharfen - Schere die Folie einritzen. Vorsichtig. Bloß nicht den Karton beschĂ€digen. Bloß nicht! Geschafft, das Inlay - so schwarz wie die Nacht - flutscht geschmeidig aus dem Cover und gibt, nach fachmĂ€nnischem Neigen, die mattschwarz schimmernde Vinylscheibe frei.

Sie ist schwer, wie sie so - ohne mit den sensiblen Rillen in BerĂŒhrung zu kommen - zwischen Zeigefinger und Daumenkuhle balanciert. Wann habe ich je einer CD einen so sorgfĂ€ltigen und liebevollen Umgang angedeihen lassen? Nie. Schon damals, als CompactDiscs die Vinyls in die TontrĂ€ger-Rente schickten, hatte ich das GefĂŒhl, dass der technische Fortschritt in Wahrheit ein RĂŒckschritt in Punkto Wertigkeit ist.

Wie könnte es auch eine Scheibe mit kleinem Durchmesser mit der stolzen Aura einer analogen Schallplatte aufnehmen? Unmöglich! Nun dreht sich also die A-Seite des Pink Floyd-DebĂŒts "The Piper At The Gates Of Dawn" auf dem Plattenspieler. Mit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute rotierend, tastet der Plattenspielerarm den Opener "Astronomy DominĂ©" ab.

Der Song verwirrte erstmals im August 1967 die den braven Beatles-Beat gewohnten Ohren der westlichen Jugend. Schon alleine diese guten vier Minuten weisen das Quartett - damals noch um das bald darauf ausgestiegene Band-Genie Syd Barrett - als kreative Überflieger aus. Wie weit Pink Floyd damals der Zeit voraus waren, zeigt sich vielleicht auch daran, dass "Astronomy DominĂ©" bis heute als Erkennungsmelodie fĂŒr ARD-Sendung "Brennpunkt" dient.

NatĂŒrlich bestehen lĂ€ngst nicht alle frĂŒhen Floyd-Kompositionen den berĂŒhmten "Test of Time". Nicht umsonst waren die verwobenen, versponnenen, collagenhaften, verrĂŒckten Songs und Sounds der britischen Psychedelic-Pioniere der bevorzugte Soundtrack fĂŒr die Trips von Kiffern und anderen Drogis. Garantiert ist auch der eine oder andere Song erst durch den Konsum gewisser bewusstseinserweiternden Substanzen entstanden.

Syd Barrett, wie es heißt, hat davon jedenfalls deutlich zu viel konsumiert. Schrieb er beim Band-DebĂŒt noch die meisten Songs, fand sich auf dem ein Jahr spĂ€ter erschienenen Nachfolgealbum "A Saucerful Of Secrets" nur noch ein Titel aus seiner Feder: das irritierende "Jugband Blues". Barrett fand irgendwie nicht mehr aus dem Drogennebel heraus.

2006 starb der einstige geniale Bandvordenker, einsam und verarmt. Doch das ist eine andere Geschichte. Eine traurige, die Pink Floyd in spĂ€teren Songs wie den Band-Meilensteinen "Wish You Where Here" und "Shine On You Crazy Diamond" mehrfach weiter erzĂ€hlten. Barretts Platz in der Band ĂŒbernahm sein bester Kumpel, der nicht weniger talentierte Gitarrist, SĂ€nger und Songschreiber David Gilmour.

Wie krass Pink Floyd in den ausgeflippten Sixties drauf waren - und wie tolerant Plattenfirmen - zeigt sich in dem im Oktober 1969 erschienenen Doppelalbum "Ummagumma" (ein Slang-Begriff fĂŒr Beischlaf). Die eine Schallplatte bietet einen Konzertmitschnitt ihrer Show im Birmingham & Manchester College of Commerce. Vier Titel - darunter ihr Hit "Astronomy DominĂ©" und das verwegene "Careful With That Axe, Eugene" - reichen aus, um beide ScheibenhĂ€lften zu fĂŒllen. Das zweite Album entstand im Studio.

Jeder der vier Musiker - Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright und Nick Mason - durfte sich jeweils auf einer PlattenseitenhÀlfte kreativ austoben. Keine Grenzen, keine Vorgaben, keine formatierten Airplay-Anforderungen. Das Ergebnis mag harter Tobak sein: Klassisch inspirierte Klavier-Stokkati wechseln sich ab mit lupenreinem Free-Jazz; unschuldige Folk-KlÀnge folgen auf apokalyptische Klanggewitter.

Dazwischen: Vogelgezwitscher, Drum-Soli, collagenhaftes Gefiepe und Getöse. Experimenteller Wahnsinn? Auf alle FĂ€lle. Doch so mittendrin - vor allem in dem dreiteiligen Werk "The Narrow Way" von David Gilmour - deutete die Band schon damals mit rauschhaften, hymnischen Melodien an, zu welchen musikalischen Großtaten sie spĂ€ter noch fĂ€hig sein sollte. Wer dem Zauber dieser Pionierleistungen nachspĂŒren möchte, sollte dafĂŒr aber unbedingt auf die unpraktischen, herrlichen Vinyl-Reissues setzen.

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