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High-Tech Country

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Zum fünften Mal gastierte vom 10. bis 12. März ein Großaufgebot an Country-Stars in der drei Mal fast ausverkauften O2-Arena in London. Die insgesamt rund 50.000 Fans erlebten ein Musik-Spektakel der Superlative.

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Country-Musik. Das Genre stand - wie man weiß - jahrzehntelang für recht verschnarchte, sentimentale Klänge und nicht sehr sympathischer Red-Neck-Haltung. Diese Zeiten sind längst vorbei. Das zeigte sich auch beim diesjährigen Country2Country-Festival in London. Die Acts sind wahlweise entweder hip (Brad Paisley, Hunter Hayes), cool (Marty Stuart, Chris Young), sexy (Cam, Maren Morris) oder zumindest Legenden (Reba McEntire). Neben diesen Speerspitzen des modernen Country fielen noch weit über 90 weitere Bands und Solo-Künstler aus Nashville in Europa ein, um dem alten Kontinent das neue Country zu erklären.

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Freilich: Nicht jede Performance hatte klasse. Manchmal reichten schon - wie bei Jana Kramer - eine manierliche Stimme und eine gute Optik, um sich hier präsentieren zu dürfen. Meist aber, das muss man sagen, haben es die Musiker und Sänger/Sängerinnen aber richtig drauf. Sie verstehen ihr Show-Handwerk. Manch einer, wie Brad Paisley, perfekt. Er leiht sich Handys von den Fans der ersten Reihe aus, macht Selfies und Filmchen, mit Carrie Underwood - einer in den USA gebliebenen Größe - singt er über Snapchat oder sonst einem digitalen Kanal ein Duett und, das soll nicht unerwähnt bleiben, an der Gitarre kann der smarte Showman einfach alles.

Den Vogel schoss aber Routinier Marty Stuart ab. Gemeinsam mit seinen genauso coolen wie betagten Begleitern in Club-Besetzung, bot der ehemalige Johnny Cash-Sideman eine künstlerisch faszinierende Country-Revue - bei der er, ohne den pädagogischen Zeigefinger auszufahren, das notwendige handwerkliche Niveau und die vielfältigen Facetten von Country, Bluegrass und Americana eindrucksvoll demonstrierte. Es war ein Ritt in vergangene Genre-Zeiten. Das galt auch für die Show der 61- jährigen Country-Diva Reba McEntire. Im Gegensatz zu Marty Stuart wollte bei der biederen, an eine Las-Vegas-Senioren-Show erinnernde Darbietung der zweifachen Grammy-Gewinnerin der Funke auf das europäische Publikum nicht überspringen. Die Folge: Schon nach den ersten zwei, drei Songs strömten Tausende Fans aus der O2-Arena.

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Heute unterscheiden sich Country-Stars von ihren Kollegen aus dem Pop-Fach oft nur durch rustikale Garderobe und durch Songinhalte, in denen es sich bei Nashville-Künstlern alles um kaltes Bier, Pickups und Highways dreht. Auch in Punkto Inszenierung müssen sich die Damen und Herren aus dem C-Fach nicht mehr gegenüber Rock- und Pop-Stars verstecken. Ganz im Gegenteil, möchte man nach den drei C2C-Tagen sagen: Die Lichtshow war fantastisch und der Schalldruck hatte schon mal die Dezibel eines Metal-Konzerts - so laut, dass sich manche Country-Oma entgeistert die Ohren zuhielt.