Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Gunther Matejka Headshot

Die verlorene Identität der Country-Musik

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Am 2. November fand in Nashville, Tennessee, die 50. CMA Awards-Verleihung statt - eine Gala der Superlative, mit riesigem Star-Aufgebot. Dennoch hinterließ die Veranstaltung einen seltsamen Beigeschmack.

Kenny Earl ist vor vielen Jahren nach Nashville gekommen. Wie unzählige andere folgte auch er dem Lockruf der Music City USA, um es als Country-Musiker in Nashville zu versuchen. Tatsächlich hat er einige Jahre gut von seiner Musik leben können, auch wenn er sich regelmäßig an Moden und Bedarf orientieren musste. „Es war eine schöne Zeit", sagt Earl am Abend des 2. Novembers, während er den Shuttle-Bus in Richtung Downtown Nashville lenkt. Er habe viel erlebt, viel von der Welt gesehen. Und ja. Er liebe die Musik, die Country-Musik, immer noch. „Aber nicht das, was sie heute unter Country-Musik verstehen", fügt er hinzu und blickt kurz zu mir, um zu sehen, ob ich mit seiner Aussage etwas anfangen kann.

2016-11-11-1478879701-1884402-CMA_Awards2016_2.JPG

Unser Ziel ist die Bridgestone Arena, Schauplatz der 50. CMA Awards. Seit Monaten fiebert die Szene auf diesen Abend hin, auf „Country Music's Biggest Night", wie das Event unbescheiden beworben wurde. Anders als die CMA Awards noch in der relativ kleinen Grand Ole Opry verliehen wurden, haben heute auch Fans die Möglichkeit ein Ticket zu erwerben - vorausgesetzt sie machen rund 400 Dollar dafür locker. Doch davon scheint es genügend zu geben. Jedenfalls ist die 20.000 Zuschauer fassende Arena seit Wochen restlos ausverkauft. Merke: Country ist hip.Oder anders gesagt: Country ist Pop. Genau wie beim jungen Genre setzen auch die CMA-Verantwortlichen immer mehr auf Glamour und Stars. Nicht umsonst hat man für diese Jubiläums-Gala reihenweise Hollywood-Größen wie Matthew McConaughey, Sharon Stone oder Jennifer Garner als Laudatoren geholt - und dazu Pop-Königin Beyoncé, die mit den wilden Dixie Chicks einen Auftritt hinlegte. Das mag musikalisch vielleicht nicht sinnvoll sein - unter PR-Aspekten ist es ein Volltreffer.

2016-11-11-1478879570-5303954-CMA_Awards2016_1.JPG

Mit der Musik ist es im Country ohnehin so eine Sache: Was ist heute noch Country? Der gefällige mehrstimmige Folk-Pop von Little Big Town („Gesangsgruppe des Jahres")? Der an Bruce Springsteen angelegte Stadion-Rock von Eric Church („Album des Jahres")? Die an den Roots orientierten Klänge von Garth Brooks („Entertainer Of The Year") und Chris Stapleton („Sänger des Jahres")?. Oder doch der aufgedrehte Allerwelts-Pop von Carrie Underwood („Sängerin des Jahres")?

Für viele dürfte Country eher in der Musik angesiedelt sein, die man zum Auftakt der Gala zu hören bekam: das Medley von CMA-Gewinnern vergangener Tage, von Acts wie Alabama, Randy Travis, Dwight Yoakam, Clint Black, Reba McEntire, Alan Jackson und Charlie Daniels. Jeder dieser Größen des modernen Country-Sounds bekam auf der CMA-Bühne je eine Strophe und einen Refrain eines ihrer größten Hits zugestanden. Mehr Zeit wollten die Verantwortlichen nicht in die Rückschau investieren. Da alle live und damit mit großem Aufwand spielten, kam man um das Gefühl des Verheizens nicht so ganz herum. Andererseits: Diese nicht mehr ganz taufrischen Country-Recken sind nicht die Namen, die das große Rad des Country-Business' drehen. Das besorgen längst andere. Junge, attraktive Künstler und Künstlerinnen wie Carrie Underwood, Kelsea Ballerini, Dierks Bentley oder Thomas Rhett. Was die jedoch unter Country verstehen, hat mit dem Sound der eingangs aufspielenden Legenden meist so viel gemeinsam, wie Willie Nelson mit einem nichtrauchenden Klosterschüler: Es trennen sie musikalische Welten. Auch die Songtexte sind nicht mehr das, was sie mal waren. Vom Storytelling, die einstige Domäne des Country-Songs, sind heute oft nur Banalitäten über ein eiskaltes Bier, Partys am Strand und über staubige Landstraßen donnernde Pick-ups übrig geblieben.

Dass Musik und Musiker im Country an Wert verloren haben, offenbarte sich am deutlichsten bei der Verleihung des „Musician Of The Year"-Awards. Früher wurden alle Nominierten vorgestellt; jeder bekam vier Takte für ein Solo. Vier Takte, in denen die hochtalentierten Studiomusiker aus der Anonymität von Nashvilles Tonschmieden heraustreten durften, um ihre unglaubliche Virtuosität vorzuführen. Man war als Zuschauer geplättet. Man ahnte: Hier in Nashville leben womöglich die besten Musiker der Welt. Und heute? Kurzer Kameraschwenk der Regie auf den irgendwo im Hallenoval sitzenden Dann Huff: Ach ja, er ist „Musician Of The Year". Eine Randnotiz, mehr nicht.

Wie es denn so war, wollte Kenny Earl bei der Rückfahrt zum Hotel von mir wissen. Als ich ihm meine Eindrücke schilderte nickte er nur. Er wusste Bescheid.