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„Sterne von Eger" oder was Mittelwesteuropäer von Ungarn nicht wissen (können)

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ORBAN
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Viktor Orban sagt es drastisch. Er möchte keine Zuwanderung von Muslimen in Ungarn, weil diese bald in der Mehrheit sein könnten.

Kämen tatsächlich viele Muslime nach Ungarn könnte diese Annahme bei knapp 10 Millionen Ungarn nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen sein. Der Bevölkerungszuwachs in muslimischen Communities ist bekanntlich wesentlich stärker als in den „ortsüblichen" Gesellschaften. Ist dies bedrohlich? Die Einen sagen so, die Anderen sagen so. Ungarn sollten wir ein besonderes Verhältnis zum Islam zugestehen.

Dieses Verständnis darf nicht zur Verharmlosung rücksichtloser Praktiken an Ungarns Grenzen führen. Das sind zwei Paar Schuhe. Die Genfer Flüchtlingskonvention gilt vollumfänglich auch für Ungarn! Doch was dient der Erklärung für Orbans und vieler Ungarn Abwehr einer möglichen Umkehr der Mehrheitsgesellschaft zugunsten einer bevölkerungsreichen muslimischen Community?

Tief in ihrer Seele wissen die Ungarn, was muslimische Herrschaft bedeutet. Auch wissen die Ungarn, welche Opfer sie bringen mussten, um die osmanische Fremdherrschaft abzuschütteln. Einer von Ungarns größten Helden ist Istvan Dobo. Er steht für den ersten großen Sieg gegen die Türken. 1552 standen in Eger achtzigtausend Türken gegen zweitausendeinhundert Ungarn und mussten nach zwei Monaten schlimmer Belagerung sieglos abziehen.

Es gibt kein ungarisches Schulkind, welches Eger und diese heroische Leistung nicht kennt. Selbst vielen Ostdeutschen sind Roman und Film „Sterne von Eger" aus ihrer Jugend bestens bekannt. Noch heute denke auch ich voller Sympathien an den jungen Gergely Bornemissza und dessen Bangen, Hoffen für die Freiheit und dessen Bewundern Dobos.

Der grandiose Sieg der Burgbesatzung wurde Teil der ungarischen „Genetik". Gerade weil die Türken 1596 Eger dann doch noch einnahmen und für 91 Jahre besetzten. In dieser Zeit entstanden Moscheen und Minarette, eines davon steht noch heute.

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Klar, 400 Jahre, rd. 15 Generationen, sind darüber hinweggegangen. Die osmanische Repression ist längst vergessen, der heldenhafte Kampf David gegen Goliath stellvertretend für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ist jedoch wichtiger Teil der ungarischen Seele geworden und bis heute geblieben.

Ungarn war Bollwerk des damaligen Europa gegen das muslimische geprägte osmanische Reich. Mir begegnet dieser Stolz noch heute bei vielen Ungarn. Zwar zwangen die Osmanen ihre neuen Untertanen nicht, ihre eigenen Religionen aufzugeben, muslimische Herrscher an der Spitze eines muslimisch dominierten Konglomerats waren sie allemal.

Später war die Erinnerung an diesen Freiheitskampf Teil der Idee im Freiheitsringen mit dem Haus Habsburg. Der unvergessene Kampf gegen die Osmanen und die den Österreichern abgerungene Gründung der K. u. K.-Monarchie bilden noch heute wesentliche Teile ungarischen Nationalstolzes. Die Ungarn sind ein stolzes Volk. In Westeuropa mögen eine solche Beschreibung nicht viele Menschen mögen. Ein unumstößlicher Fakt ist dies jedoch und europäische Politiker wären gut beraten, die Ursachen dieses Stolzes zu kennen.

Auch haben viele Ungarn Trianon bis heute nicht verwunden. 1920 verlor Ungarn Zweidrittel Land und Leute. Die damit über Nacht zu Auslandsungarn werden Menschen durften viele Jahre in ihren neuen Staaten keine Ungarn sein. Auch das hat sich tief ins Bewusstsein eingegraben.
1956 machte Chruschtschow dem ungarischen Volksaufstand blutig den Garaus.

Mit dem sowjetischen Mord an Imre Nagy bekamen die Ungarn dadurch den nächsten großen Helden nach dem Osmanenbezwinger Istvan Dobo und dem Habsburggegenspieler Lajos Kossuth in ihre Ahnengalerie.

Als Ceausescu in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts Siebenbürgen im Rahmen seines Dorfzerstörungsprogramms platt machen und damit auch der dortigen ungarischen Minderheit ihres Lebensumfeldes berauben wollte, wurde den meisten Ungarn Trianon wieder in tragisch Erinnerung gerufen.

Die Friedliche Revolution in Mittelosteuropa ist wiederum auch ohne die Ungarn nicht denkbar. Sie hatten den Mut, am 2. Mai 1989 den Stöpsel aus der Flasche Ostblock zu ziehen und ein Mehrparteiensystem zu schaffen. Auch sowas macht gemeinhin stolz und selbstbewusst.

Ich rede keineswegs Orbans brutalen Grenzsicherungsmethoden das Wort. Erst recht nicht seinen grusligen Auffassungen von einer illiberalen Demokratie (die eigentlich eine Art ungarische FDP auf den Plan rufen müsste!). Doch die Ungarn als reaktionäre Deppen Europas hinstellen, das ist alles andere als schlau.

Die EU hält sich derzeit nicht an ihre eigenen Verträge (Dublin, Schengen) und drischt undifferenziert auf Orban ein, der Dublin und Schengen für uns alle am neuralgischen Punkt Kontrolle unserer Außengrenzen wieder in Kraft setzt. Wer sich vor einem ungarischen Nationalstolz fürchtet, der sollte diesen nicht fahrlässig zusätzlich anfachen.

Schutz gewähren kann nur, wer sich selbst schützen kann.

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