BLOG

Linke Lebenslüge: Tendenz zum Unrechtsstaat Teil 7

16/06/2015 13:54 CEST | Aktualisiert 16/06/2016 11:12 CEST
Getty

IX

Mein Verhältnis zu Wolfgang Leonhard

Im Text zitiere ich sehr oft Wolfgang Leonhard. Mit Wonne zitiere ich ihn. Ich hatte das Glück, ihn im Rahmen einer Veranstaltung der Kurt-Schumacher-Gesellschaft Bonn e.V. am 6. Januar 1990 im Reichstag kennenzulernen.

Er war Hauptreferent zum Thema „Entwicklungen in der DDR und mögliche Einheit". Die Einladung hatten Leipziger Sozialdemokraten anlässlich eines Besuchs von Annemarie Renger Mitte Dezember in Leipzig erhalten. Die Mauer war kurz vorher in den Westteil Berlins gefallen.

Es war eine wunderbare Zeit mit ungeahnten Eindrücken.

Ein zweites Mal traf ich auf Wolfang Leonhard und seine Frau Elke zum Leipziger SPD-Ost-Parteitag vom 22.-24.02. 1990 in Markkleeberg. Am 23.02. abends luden beide einige Leipziger Neu-Sozialdemokraten und Gründungsmitglieder der am 04.02. 1990 in Leipzig gegründeten DDR-Kurt-Schumacher-Gesellschaft ein. Als deren Gründungsvorsitzender war ich mit an Bord.

Hoch oben im Interhotel „Merkur", für uns Ostdeutsche Neuland, erlebten wir eine sehr interessante Unterhaltung mit dem Gruppe-Ulbricht-Abtrünnigen Leonhard und seiner ebenfalls publizistisch tätigen Ehefrau.

Mir als Kandidaten zur kommenden Volkskammerwahl gab Wolfgang Leonhard zwei „Aufträge" mit auf den Weg.

Ich möge mich in der Volkskammer für die Bildung einer Historikerkommission stark machen und nicht nur diese Kommission solle sich um die Aufklärung der Todesumstände des ersten sächsischen SED-Ministerpräsidenten Rudolf Friedrichs kümmern.

Friedrichs war ursprünglich zwangsvereinigungsunwilliger Sozialdemokrat, der sich im Laufe der SED-Kampagne zum Fusionswilligen mauserte, jedoch an einen eigenen Weg der SBZ und Deutschlands glaubte.

Mit letzterer Position war er den KPD-Hardlinern in der sächsischen SED um dem (KPD) Innenminister Kurt Fischer schwer im Wege.

Unter für Wolfgang Leonhard und für viele Zeitzeugen dubiosen Umständen starb Friedrichs 1947 eines plötzlichen Todes. Wolfgang Leonhard hielt Gift in diesem Zusammenhang für eine durchaus mögliche Erklärung.

Am nächsten Tag nahmen mich Elke und Wolfgang Leonhard mit zu einem DDR-Verlagsgespräch bezüglich einer DDR-Auflage seines Klassikers „Die Revolution entläßt ihre Kinder". Ich meine, es war der Reclam Verlag Leipzig gewesen.

Selbstverständlich nahm ich Wolfgang Leonhards Bitten sehr ernst und schrieb bereits im April einen Antragsentwurf der SPD-Fraktion zur Einsetzung einer Historikerkommission durch die Volkskammer.

Rüdiger Fikentscher, damals noch straff auf der Seite der SED-PDS-Gegner und Mitglied im Kulturausschuss der Volkskammer bekam meinen Entwurf und teilte mir mit, dass eine solche Kommission eine Enquetekommission der Volkskammer sein müsse. Dies würde aber noch einige Zeit dauern. Zuerst stünden die Staatsverträge auf der Prioritätsliste.

Bis zum Beitritt der DDR am 3.10.1990 zur Bundesrepublik tat sich dann nichts mehr. Es gab aber auch wirklich sehr viel zu tun und ich tröstete mich mit der Aussicht, dass es mit der kommenden Einheit bald viel besser möglich sein würde, eine solche Kommission arbeiten zu lassen.

Immerhin gab es in der Volkskammer bei historisch brisanten Themen immer eine spürbare Mehrheit von SED-PDS und ehemaligen Blockparteien, nicht nur beim Thema Stasi und Parteivermögen.

In der SPD-Bundestagsfraktion wurde sehr schnell eine AG „40 Jahre SED-Herrschaft" gegründet, in der ich meinen Antrag wiederholte.

Im Verlauf vieler Diskussionen in der SPD und mit den anderen demokratischen Bundestagsparteien wurde der Boden für die Enquetekommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" durch weitere Kollegen bereitet, darunter besonders Rolf Schwanitz und Markus Meckel.

Auf eine herausgehobene Mitwirkung Wolfgang Leonhards wurde seitens der Enquetekommission leider kein Wert gelegt. Dies hatte ich damals sehr bedauert.

Die Causa Rudolf Friedrichs versuchte ich erstmals 1992 in Fahrt zu bringen. Ein Brief an den Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf führte zu einer Untersuchung der 1947er Ereignisse im Auftrag des Staatskanzleichefs Arnold Vaatz, MdL. Diese Untersuchung erbrachte keine neuen Erkenntnisse, konnte aber auch die Verdachtsmomente nicht ausräumen.

1997 forschte das Hannah-Arendt-Institut Dresden unter Federführung von Dr. Mike Schmeitzner tiefgründiger zum Thema. Heraus gekommen ist ein überaus lesenswertes Buch „Einer von beiden muss so bald wie möglich entfernt werden!".

Mit Wolfgang Leonhard verband mich bis zu seinem Tod eine sehr liebenswerte Bekanntschaft.

2015-06-15-1434366654-36407-weissg.png

2015-06-15-1434366687-4927559-weissg2.png

Berlin, 24.06.2008; SPD-Hoffest


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video:"Du entscheidest ganz allein": Niedersachsen blamiert sich mit peinlichem Werbespot

Lesen Sie auch:

Hier geht es zurück zur Startseite