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Leipzig: Massivster Überfall seit den Progromen von 1938

14/01/2016 20:47 CET | Aktualisiert 14/01/2017 11:12 CET
Felix Meyer via Getty Images

Sascha Lange zieht in der Leipziger Volkszeitung am 13.01.2016 (siehe unten) bezüglich des 250-köpfigen rechtsradikalen Mobs vom 11.1.2016 in Leipzig die große Linie zum Horror des Nationalsozialismus. Das kann man tun.

Doch wie ordnet er dann die linksextremen Stürme des vergangenen Jahres in Leipzig ein? Waren das dann die massivsten Überfälle seit dem Mongolensturm auf Kiew 1240?

Ich zitiere diesbezüglich aus dem Aufruf Leipzig ist bunt:

"Die Ausschreitungen aus einer enthemmten Menge von circa 1.000 Linksautonomen und anderen Gegendemonstranten die am 12.12.2015 den Leipziger Süden mit zig brennenden Barrikaden sowie hunderten von Steinwürfen gegen Polizisten, Straßenbahnhaltestellen und Schaufenster in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand versetzen, waren der bisherige Höhepunkt einer sich seit Jahren drehenden Gewaltspirale. Nur wenige Tage später wurden in Leipzig acht Fahrzeuge des Zolls in Brand gesteckt."

Die Frage nach dem Leipziger Linksradikalismus hätte der Interviewer Matthias Puppe verantwortlich stellen müssen. Wer der Deeskalation in der weltoffenen Bürgerstadt Leipzig eine Chance geben will, muss abrüsten und abrüsten verlangen!

Zumal im Gegensatz zu 1938 keine Staatsmacht und keine Staatspartei hinter dem rechtsradikalen Mob steckten und diesen lenkten. Allein diesen Unterschied hätte Herr Lange deutlich herausstellen müssen! Absicht oder Lapsus?

Sascha Lange hebt die Leipziger Linksextremisten, die Adressat des rechten Mobs waren, in die moralische Ebene der 1938er NS-Opfer unter den Deutschen jüdischen Glaubens. Das ist unglaublich!

Der rechtsradikale Mob in Leipzigs Strassen muss dingfest gemacht und bestraft werden. Das steht außer Frage. Die Linksextremisten zu Opfern der politisch an Exzessen völlig unschuldigen Art zu machen, das dürfte im Kreis der jüdischen NS-Opfer zu Unruhe führen.

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LVZ, 13.1.2016:

Massivster Überfall seit Progromen 1938

VON MATTHIAS PUPPE

Leipzig. Der Historiker Sascha Lange (44) hat über oppositionelle Jugendbewegungen während der NS-Zeit geforscht. In seinem Buch überdie sogenannten Leipziger Meuten beschreibt er deren Widerstand gegen die Hitlerjugend. Am Montag wurde auch Lange von der eskalierenden rechten Gewalt im Szeneviertel Connewitz überrascht.

In Connewitz hat am Montagabend der rechtsradikale Mob gewütet. Das gab es in dieser Form lange nicht.

Überfälle durch Neonazis auf nicht-rechte Jugendliche, WGs und Kulturhäuser gab es zu Beginn der 1990er-Jahre in Leipzig leider wöchentlich. Das selbsterklärte Ziel war die Schaffung einer „national befreiten Zone". Ich erinnere mich an einen Überfall auf die Stockartstraße am 27. Oktober 1990 durch 100 Rechtsradikale, bei dem Fenster zerstört und Brandsätze geworfen wurden. In dem Ausmaß wie am Montag ist mir aus dieser Zeit jedoch keine Aktion bekannt. Wir müssen daher davon ausgehen, dass es der massivste Überfall von Rechtsradikalen auf Geschäfte und Wohnhäuser in Leipzig seit dem Novemberprogrom 1938 war.

Müssen wir fürchten, dass die gewalttätigen Auseinandersetzungen um Connewitz aus den Neunzigern zurückkehren?

Der rechte Überfall stellt in jedem Fall eine weitere Eskalation dar. ...(Kürzung GW)... Die Polizei hat es immerhin geschafft, mehr als 200 der Angreifer festzusetzen. ....(Kürzung GW).... Die Justiz muss nun zeigen, wie ernst sie die rechtsradikalen Überfälle nimmt.

... Wie sollte Leipzig auf die Gewalt von Rechts reagieren?

Indem die Verantwortlichen in Stadt und Land das Problem des Rechtsradikalismus endlich zur Kenntnis nehmen und nicht kleinreden. Gefragt sind auch die politischen und zivilgesellschaftlichen Kräfte in Leipzig. Doch da helfen nicht nur Lichterketten.... letztlich stellt sich die Frage, ob der sächsische Verfassungsschutz überhaupt noch arbeitsfähig ist, wenn er solch eine im Vorfeld umfangreich geplante Aktion nicht verhindern kann.

Interview: Matthias Puppe

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