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Kurt Masur: Licht und Schatten

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KURT MASUR
Charles Platiau / Reuters
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Der Leipziger Bürgerrechtler Roland Mey gehört zur Spezies „Mann mit langem Gedächtnis". Dies ist eigentlich eine bevorzugte Fähigkeit, aber in der Tagespolitik wohl eher nicht. Anläßlich der weltweiten Preisungen Kurt Masurs zu dessen Tod am 19. Dezember 2015 machte sich Roland Mey's Gedächtnis bemerkbar. Die Lichtfigur des Maestros warf doch auch Schatten! Der kompletten Würdigung halber schrieb Roland Mey verschiedene Leserbriefe zur politisch umstrittenen Person Kurt Masur.

Roland Mey: „Ein nur virtueller Bürgerrechtler
ist noch heute hoch anerkannt. Aus Leipzig heraus wurde er im Sog des amerikanischen Irrglaubens „Dirigent und Revolutionär" in den Olymp der Musik nach New York katapultiert. Er ist „ein Mann für jeden Preis", so die Leipziger Internetzeitung, nachdem am 12. Februar 2011 von der Staatsbürgerlichen Stiftung Bad Harzburg e. V. der Deutsche Staatsbürgerpreis an Kurt Masur verliehen wurde.

Die Begründung "für seinen mutigen Einsatz in der Bürgerrechtsbewegung" ist ein Schlag in die Gesichter der wahren Bürgerrechtler, die auf Studium und beruflichen Aufstieg verzichteten, in Gefängnissen waren und ihren mutigen Einsatz auch mit dem Leben bezahlt haben. Der immer wieder neu preisgekrönte „Bürgerrechtler" war in Wahrheit ein politisch optimal angepasster SED-Privilegienträger. Er war Träger von Kunst- und Nationalpreisen, des Ordens „Banner der Arbeit", der „Johannes R. Becher Medaille", des „Vaterländischen Verdienstordens in Gold", des „Sterns der Völkerfreundschaft" und einer der wenigen Mercedesfahrer in der DDR.

Der von ihm verursachte schwere Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang für drei Personen im Jahr 1972 wurde verschwiegen und von der Staatsanwaltschaft bezüglich Ablauf und Schuldanteil zu seinen Gunsten definiert. (Der Spiegel hat in der Ausgabe 37/1991 unter dem Titel „Der Maestro und das Taktgefühl" die Situation umfangreich beschrieben.)

Erst vor Weihnachten 1989 hatte sich Masur von seinen SED-Freunden geistig getrennt, als er in einem Weihnachts- und Neujahrsbrief schrieb: „Liebe Leipziger! Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie mich in Ihren Kreis aufgenommen haben." Masur war bereits seit dem Jahr 1970 in Leipzig, bis zum Fall der Berliner Mauer (9. November 1989) aber in anderen „Kreisen" beheimatet.

Die Bild-Zeitung veröffentlichte am 5. Juni 1991 unter der Überschrift „Masur - ein Denkmal steht unter Verdacht" die Aussage des ehemaligen Stasi-Majors Peter Schardin, früher Referatsleiter der Abteilung 20, zuständig für Gewandhaus, Oper und Thomaskirche: „Das Arbeiten mit Herrn Masur war gut und freundschaftlich. Wenn wir bei Reisen Herrn Masur empfohlen haben, daß ein Orchestermitglied politisch nicht geeignet sei mitzureisen, hat er das immer befolgt.

Reiseberichte über die Mitarbeiter hat er uns von ganz alleine geliefert, in persönlichen Gesprächen auch um Ratschläge gefragt." Hier wird eindeutig ein IM-adäquates Verhalten bescheinigt, wie es (ohne besondere Verpflichtung) von allen Instituts- und Betriebsdirektoren erwartet und bei Bedarf realisiert wurde.

Die Eliten definieren und reproduzieren sich heute durch ihr aufgebautes und ständig gepflegtes Beziehungsgeflecht aus sich selbst heraus und längst nicht mehr über Fähigkeiten, Leistungen oder etwa Charaktere. Weil die ehemals klassische Elite-Definition nur noch Wunschtraum ist, hofieren elitäre Vereine und Verbände den ehemaligen Chef der New Yorker Philharmoniker und „schmücken" sich selbst durch Einladungen, Auszeichnungen und Preise mit ihm. Wie stark Kurt Masur, dem neunmal die Würde „Doktor honoris causa" verliehen wurde, mit den Mächtigen der SED-Diktatur verwoben war, das ist im charakterfreien Elite-Lobbykratie-Kalkül bedeutungslos.

Da ist es uninteressant, dass Masur mit dem kommunistischen Diktator Honecker - wie unter Genossen üblich - per du gesprochen und sich niemals systemkritisch geäußert hat oder dass er bereits mit 43 Jahren die Ehrenwache in der Leipziger Oper am aufgebahrten Leichnam des SED-Bezirkschefs hielt. Paul Fröhlich, der meistgehasste Leipziger Eiferer für das SED-Regime, auch Politbüro-Mitglied, hatte 1953 in Leipzig den Befehl zum Schießen auf die Aufständischen vom 17. Juni erteilt - er war demzufolge ein Mörder - und 1968 die Sprengung der Universitätskirche gegen erbitterten Widerstand vieler Bürger durchgesetzt.

Roland Mey bei OSIRIS Druck Leipzig

Der Finger am Drücker: 9. Oktober 1989

Deutsche Demokratische Revolution

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