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Hans Büchler - Ein Freund wird 75

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GUNTER WEISSGERBER
Gunter Weißgerber
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Foto: Süddeutsche Zeitung, 21.12.1994 / Fichtelgebirge

Es war Volkskammerwahlkampf in der DDR. Die SPD organisierte ihren ersten Wahlkampf unter der Überschrift „Die Einheit gestalten" und wollte diese über Artikel 146 GG („Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist. Bonn a. Rhein, am 23. Mai 1949") erreichen. Als gesamtdeutsche Sozialdemokraten befanden wir uns damit in der vorteilhaften Situation, unseren Wahlkampf nicht nur als freie aber eher unkundige Neupolitiker führen zu können. Wir konnten darauf setzen, gleichgesinnte und erfahrene sozialdemokratische Kollegen für unsere Veranstaltungen an die Seite zu bekommen. Dies war ungemein wichtig. Wir wollten die Einheit. Wir wussten auch in welchen Schritten und im ungefähren welche Aufgaben auf diesem Wege unserer und den Ostdeutschen harrten, doch die Erklärung des realen sozialen, wirtschaftlichen gesellschaftlichem Leben in der alten Bundesrepublik hätten wir nur aus unseren TV-Erinnerungen schildern können - wer von uns denn überhaupt Westfernsehen kannte.

Am 1. März 1990 war es dann soweit. Mein Wahlkampfkalender „sagte" Zwenkau bei Leipzig und Hans Büchler MdB/Deutschlandpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Hans Büchler kannte ich bis dahin aus der Tagesschau/ARD, Heute/ZDF und vor allem aus dem allmorgendlichen Hören des Deutschlandfunks. Ich war freudig gespannt. Vor allem auch, weil ich wusste, dieser Hans Büchler vertrat den Weg zur Einheit über den Artikel 23 GG („Dieses Grundgesetz gilt zunächst im Gebiete der Länder Baden, Bayern, Bremen, Groß-Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern. In den anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen") bereits seit Anfang November 1989!

Hans Büchler war bereits da. Völlig unprätentiös kam er auf mich zu, umarmte mich, sagte anerkennend, dass er mich in den letzten Monaten oft im Fernsehen gesehen habe und sich unbändig freue, den Kerl von da oben auf dem Balkon der Leipziger Oper endlich kennen lernen zu können. Für ihn war ich deutlich erkennbar kein Politlehrling sondern völlig gleichberechtigter Artgenosse/Politiker.

Die damaligen Wahlkampfveranstaltungen liefen immer ähnlich ab. Die Bevölkerung wollte wissen, wer denn die neuen Politiker seien, woher sie kamen, ob diese unbelastet waren und vor allem was sie außer DDR-abbauen denn noch an Vorstellungen hatten. Die erste halbe Stunde gehörte ausschließlich immer mir. Dann kamen die Fragen nach der Technik der möglichen staatlichen Einheit, nach den Verträgen, nach den Außenbeziehungen, wie Politik in der Bundesrepublik überhaupt organisiert sei, was mit der Ostwirtschaft passieren könne, was mit den Eigentumsverhältnissen im Bereich Häuschen, Garten, Garagen auf die Bevölkerung zukommen könnte. An diesem Punkt schlug immer die Stunde des erfahrenen westdeutschen Politikers, in der Veranstaltung also der Auftritt von Hans Büchler.

Hans Büchler schilderte kurz seinen Werdegang und stieg sofort in alle Fragen ein. Er liess zu keinem Zeitpunkt Zweifel an seiner Freude an der kommenden Einheit aufkommen. Im Gegenteil! „Vor dem Krieg fuhren wir zum Einkauf nach Leipzig. Die Hofer werden bald wieder nach Leipzig zum Einkaufen kommen können. Wunderbar!" - Originalton Hans Büchler/Hof. Sachkundig, geduldig und unaufgeregt skizzierte er die auf uns alle zukommenden Herausforderungen. Er machte auch keine Bogen um die Probleme in der Bundesrepublik. Hans Büchler konnte von den sozialen Spannungen reden und die Zuhörer hatten nicht das Gefühl, weggeekelt zu werden. Er sprach über die täglichen Aufwendungen der westdeutschen Steuerzahler für die Begrüßungsgelder und die notwendigen wirtschaftlichen Hilfen für die DDR. Anders als Lafontaine bejahte er diese Anstrengungen für den kommenden gemeinsamen Weg. Der Wahlkampftermin war rundum gelungen. Ich hatte einen politischen Freund und Mentor gewonnen.

Kurz danach traf ich ihn erneut, in Bonn. Welch' Wahnsinn! Wenige Wochen zuvor war noch klar, 31 Jahre wären es noch des Wartens gewesen, um nach Westdeutschland oder gar nach Bonn reisen zu können. Und jetzt nach Bonn zu den realen Obersozis, zu den Seeheimern! Das war toll.

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In Bonn traf ich ihn also sehr schnell wieder. Die Seeheimer wollten mit Ostdeutschen über die kommenden Wahlen und das Wie weiter sprechen. Mit mir reisten Wilfried Helmstreit/SPD Leipzig und Bernd Kunze/Colditz (damals parteilos und inzwischen SPD). Im Regierungsviertel liefen wir Hans Büchler über den Weg. Sofort änderte er seine Pläne, zeigte uns das den Langen Eugen, das Wasserwerk u.v.m. Zuletzt nahm er uns mit in die Parlamentarische Gesellschaft zu den Seeheimern. Immer stärker spürte ich, dieser Hans Büchler würde im Herbst, sollten wir zur schnellen Einheit kommen, allen ostdeutschen Sozialdemokraten mit seinen reichen Erfahrungen zur Seite stehen. So kam es dann ja auch.

Mit dem 3. Oktober 1990 wurden 144 Volkskammerabgeordnete zu Mitgliedern des Deutschen Bundestages.

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Sogleich kam Hans Büchler mit den ostdeutschen „Neuzugängen" in der Fraktion ins Gespräch. Es ging ihm dabei sofort um konkrete Politik. Seine Idee war die des späteren „Grünen Bandes", der naturbelassene ehemalige Grenzstreifen inmitten Deutschlands.
Hier ein Foto einer solchen Beratung zum Thema:

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Hans Büchler wurde wenig später von seinen SPD-internen Gegenspielern arg mitgespielt.
Als vormaliger deutschlandpolitischer Sprecher wollte er als stellvertretender Obmann der SPD im neuen Arbeitskreis „Neue Bundesländer" in der SPD-Bundestagsfraktion seine gewaltigen Erfahrungen in der Deutschlandpolitik zum Nutzen des gesamten deutschen Volkes einbringen.

Büchler hatte aber sozialdemokratisches Pech. „In der SPD darf man alles. Nur nicht recht haben!" (Norbert Gansel). Hans Büchler hatte gerade erst historisch recht bekommen. Immer wollte er die Einheit und verlor nie die Hoffnung. Sein sehr bekannter Gegenspieler Egon Bahr dagegen lebte noch am 1. Oktober 1989, als die Menschen in der DDR schon in erkennbaren Zahlen auf die Straße gingen und bereits Zehntausende in Ungarn, Polen und der CSSR per Massenflucht die DDR verlassen wollten in seiner Fiktion der ewigen Zweistaatlichkeit Deutschlands und des Bestandes der SED-Herrschaft auf scheinreformierten Füßen.

Bahr damals im Vorwärts: „Ist die staatliche Einheit in greifbare Nähe gerückt? Alle erkennbaren Faktoren in West und Ost sprechen nach wie vor dagegen. Wir haben keinen Grund .. uns irre machen zu lassen, dass die Wiedervereinigung die vordringlichste Aufgabe geblieben ist, während Kohl die NATO zur Staatsräson der Bundesrepublik erklärt. NATO und Einheit kann es zusammen nicht geben."

Ein Jahr und zwei Tage später standen Hans Büchler im historischen Licht und Egon Bahr im historischen Schatten. Zwei Monate später „zahlte" er die Rechnung. Statt seiner wurde ein mit deutschlandpolitischen Fragen nie befasster SPD-Kollege Stellvertreter im neuen Arbeitskreis. Hans ging in den Europaauschuß, in die Gremien der WEU und des Europarates.
1994 schied der deutschland- und europolitisch verdiente Sozialdemokrat Hans Büchler aus dem Deutschen Bundestag hoch erhobenen Hauptes aus.

Am 16. Januar 1989 erschien in der FAZ ein Artikel über Hans Büchler, der noch heute prophetisch wirk. Für Hans Büchler war es ein Ritterschlag:

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Hans Büchler feiert am 02.02. 2015 im Kreise seiner Familie seinen 75. Geburtstag. Er war Mitglied des Deutschen Bundestages von 1971 bis 1994. Sein Schwerpunkt lag in der innerdeutschen Politik. Von Februar 1979 bis Dezember 1990 war er der SPD-Sprecher für die Deutschlandpolitik im Innerdeutschen Ausschuss. Er war einer der wenigen Sozialdemokraten, die sich für eine konsequente auf die Deutsche Einheit abzielende Politik in der SPD und im Bundestag einsetzten. Als Delegationsleiter und als Einzelreisender suchte er immer Gespräche auf allen Ebenen und vor allem auch den Kontakt zur Bevölkerung. Die Krönung seiner politischen Arbeit sah er im Zusammenbruch der DDR, im Fall der Mauer und in der Deutschen Einheit. Seine letzte deutschlandpolitische Initiative war das „Grüne Band", die Erhaltung des auch von ihm bekämpften

Todesstreifens inmitten Deutschlands als Rad- und Wanderweg in einem Biosphärenreservat. Er war der Erfinder dieser wunderbaren Idee.

In seinen ersten Parlamentsjahren war er Initiator des PPP-Austauschprogramms. Ein Programm, welches seit dem sehr vielen jungen Leuten die Fähigkeiten erwerben half, die Welt nicht nur kennen zu lernen sondern in dieser Welt gut zurecht zu kommen. Mir gab er damals sofort den Tipp, dieses Programm in Leipzig bekannt zu machen. Da dieses Programm unter den neuen ostdeutschen Abgeordneten völlig unbekannt war, gab es beim ersten Mal auch nicht viele Kollegen, die jungen Leuten ihres Wahlkreises diese wunderbare Chance geben wollten. Dadurch hatte ich 1991 die Betreuung für 12 Schülerinnen und Schüler der gesamten Region Leipzig-Borna bekommen. Danach war es jährlich immer eine Betreuung. Bis zu meinem Ausscheiden aus dem Bundestag 2009 betreute ich insgesamt 30 junge Leute, die jeweils ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbrachten und sich eine gute Basis für ihr Leben schufen.

Hans Büchler ist Träger des C.B.E. (Commander of the British Empire, des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und des Bayerischen Verdienstordens.

Lieber Hans, ich danke Dir und wünsche Dir und den Deinen alles erdenklich Gute!