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Es reicht, Herr Lafontaine! Ein Brief an den damaligen Kanzlerkandidaten der SPD

17/02/2015 10:32 CET | Aktualisiert 19/04/2015 11:12 CEST
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Dieser Beitrag ist der achte Teil der Reihe "Wie die SPD ihre Stärke verspielte". Hier geht es zu Teil 1, Teil 2,Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6 und Teil 7.

Dieser gesamte Prozess war spannend, höchst arbeitsreich und nie frei von Querschüssen. Hierzu gibt es viel Literatur. Mir geht es in diesen Beiträgen um die SPD-hausgemachten Probleme 1989/90. Weil diese zu den Hauptursachen des schlechten ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlergebnisses für die SPD zählten.

Die politische Konkurrenz will einer anderen Partei nie was Gutes. Darüber lohnt das Schreiben nicht all zu sehr. Die eigenen Fehler sind es, die der tiefgründigen Betrachtung besonders wert sein müssen.

Also, Lafontaines Kurs hatte der SPD-Ost die Volkskammerwahl maßgeblich verhagelt. Mit Ach und Krach langte es über die Notwendigkeit der verfassungsgebenden Mehrheit, den kommenden Weg mitzubestimmen. Ohne die SPD-Ost ging es nicht in der Volkskammer, ohne die SPD-West ging es ohnehin nicht in Bundestag und Bundesrat. Eigentlich eine gute Chance, die Ausgangssituation für die kommenden Bundestagwahlen erheblich zu verbessern. Nicht jedoch mit dem kommenden Kanzlerkandidaten der SPD!

Mit dem „besoffenen Einheits- und Nationalstaatsgesäusel" der meisten Deutschen in und außerhalb der SPD konnte Lafontaine nichts anfangen. Das war ihm spürbar zuwider. Auf die Ostdeutschen zugehen? Nicht mit ihm!

Er wusste, dass die Menschen zwischen Fichtelberg und Kap Arkona dies spürten und er bei ihnen keinen Blumentopf holen würde. Er baute seine Strategie auf dem Egoismus der Westdeutschen auf. Den Leuten nur oft genug täglich die Kosten der Einheit aufs Butterbrot schmieren und sie würden in einer Wahl Kohl die Stimme verweigern.

Lafontaine verrechnete sich wiederum, gerade zu Lasten seiner Partei. Die Mehrheit aller Deutschen gab ihm am 2.12. 1990 eine Abfuhr und zelebrierte Kohl ein glänzendes Ergebnis. Dazu später.

Was tun mit dem Mann aus Saarbücken, der wie alle linken Weltenretter über das Elend auf dem Globus zu schwadronieren wusste und mit den Ostdeutschen im eigenen Haus nicht umzugehen wusste? Helmut Schmidt fiel als glaubwürdige Alternative aus, Lafontaine war nicht zu verhindern.

Also musste dem SalonKommuSozialisten aus dem Saarland eine Chance höheren Erkenntnisgewinns offeriert werden. Ich setzte mich hin und skizzierte einen Brief an Lafontaine, den ich der Volkskammerfraktion wörtlich vortrug. Fast geschlossen votierte die Fraktion dafür, diesen Brief an Lafontaine zu senden.

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Warum ausgerechnet ein Arbeiterwohnheim als Schnelluniversität des Lebens für den künftigen Kanzlerkandidaten? Weil er dort keine einzige offene Tür mit seiner Anrede Genosse oder seiner abgehobenem Sozialismusverwendung gefunden hätte.

Er hätte sofort bemerken müssen, dass die Menschen mittels Floskelwiederholungen für die Arbeiterpartei SPD nicht von hinter dem Ofen vor zu locken gewesen wären. Der Crashkurs war für ihn keine Option. In der nächsten Fraktionssitzung ließ mich die Vorstandsriege bei seinem Besuch als Briefschreiber nicht einmal zu Wort kommen, sicher auf seine Bitte hin. Egal. Mein Brief war draußen und der gute Mann wusste Bescheid.

Das mit dem Zuhauselassen seines Kochs hatte folgende Bewandtnis. Der Spiegel schrieb im Juni 1990 über die Saarländische Landesvertretung in Bonn und kam nicht umhin, Lafontaines Leibkoch im Artikel herausgehoben zu erwähnen.

Diese Replik konnte ich mir nicht entgehen lassen. Widerspiegelte diese doch wie in einem Brennglas das Lafontainsche Ostproblem 1989/90. Hier nachindustriell-hedonistisches Wohlleben, da der sozialistisch verursachte Crash einer sozialistischen Volkswirtschaft.

25 Jahre später tauchte ein SPD-Vorsitzender plötzlich inmitten einer Veranstaltung der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung mit Vertretern und Gegnern der Pegida- Demonstrationen als Privatmann auf. Welch ein Unterschied zu Lafontaine 1990!

Sigmar Gabriel scheint das Format zu haben, welches Lafontaine nicht besaß und sicher nie besitzen wird. Gabriel musste von niemandem aufgefordert werden, sich die Dinge vor Ort selbst anzuschauen.

Der SPD hätte 1990 ein Vorsitzender und Kanzlerkandidat mit diesem Mumm zur Realität gut getan. Gewonnen hätten wir mit ihm sicher am 2. Dezember 1990 auch nicht. Doch mehr als die damals historisch mickrigen 33,5 Prozent wären für die SPD rausgekommen. Was gut für die anstehenden Aufgaben Treuhand, Eigentumsregelungen, soziale Angleichung gewesen wäre.

Fortsetzung folgt

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