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"Integration als ein Aushandlungsprozess unserer Identität"

29/01/2016 09:49 CET | Aktualisiert 29/01/2017 11:12 CET
Sean Gallup via Getty Images

Ist eine klar konturierte, selbstbewusst vertretene Landesidentität ein Vorteil oder ein Nachteil für die Integration von Neuankömmlingen?

Auf den ersten Blick scheint eine selbstbewusst vertretene Identität für die Integration von Neuankömmlingen förderlich zu sein: Sie ist klar erkennbar und gibt diesen den Auftrag, sich zu integrieren. Eine schwach erkennbare Identität lässt offen, welche integrativen Anstrengungen von wem geleistet werden sollen. Es ist aber nicht geklärt, was Identitätsbildung bedeutet.

Aus der Migrationsforschung kennt man zwei Antworten. Die erste betont die Festigkeit der Identität, die zweite weist auf ihren Prozesscharakter hin. Im Sinne der ersten Antwort sichert die Identität eines Landes dauerhaft die soziale Gliederung, die Sitten, das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben.

Die Festigkeit einer Identität ist allerdings nicht ein für alle Mal gegeben, sondern muss durch immer neue Grenzziehungen gegenüber Kräften der Veränderung bewahrt werden. Ihre ursprüngliche Definition muss permanent neu justiert werden.

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Angst die eigene Identität zu verlieren

So soll die Identität des Aufnahmelands durch Forderungen gesichert werden, die die Neuankömmlinge zu erfüllen haben. Je autoritärer sie vertreten wird, desto schwieriger wird die Integration. Von den Parteien des rechten Spektrums wird sie, soweit sie nicht einfach abgelehnt wird, als vollkommene Assimilation verstanden.

Forciert selbstbewusstes Auftreten von Landesidentität verrät die Angst, bei Offenheit der Grenzen und Zuzug von Fremden, die eigene Identität zu verlieren. Anders wird Identitätsbildung im Sinne der zweiten Antwort aufgefasst: als ein Aushandlungsprozess zwischen Aufnahmegesellschaft und Neuankömmlingen.

In einem solchen dialogischen Geschehen werden auch die Neuankömmlinge gehört, und ihnen wird ein Platz in der Aufnahmegesellschaft zugestanden (ein Beispiel für diese Identitätspolitik ist Brasilien). Die dialogische Struktur erleichtert die Integration, macht aber eine Steuerung der Identitätsentwicklung schwierig, wenn nicht unmöglich.

Eine selbstbewusst vertretene Landesidentität gibt klare Regeln

In den Augen der Vertreter einer starken Landesidentität erscheint dieser Prozess als ein Verfall der Autorität des Staats. Eine selbstbewusst vertretene Landesidentität gibt klare Regeln, Werte und Anforderungen an Verhalten und Lebensweise vor; das macht ihre Stärke aus.

Eine Politik der permanenten Grenzziehung wird den Zuzug von Neuankömmlingen deutlich erschweren oder sogar (wie der Front National) zu unterbinden suchen. Die Politik der Aushandlung lässt hingegen die Landesidentität schwächer erscheinen, als sie ist, gibt aber den Neuankömmlingen größere Integrationschancen.

Ihr Problem sind jene Gruppen der einheimischen Bevölkerung, die der Aushandlungsprozess generell verunsichert und die Beteiligung von Fremden verstört. Keine der beiden Antworten bietet eine Lösung der Frage nach der Integration.

Denkbar ist ein Kompromiss: Integration als ein Aushandlungsprozess, bei dem die Institutionen des Aufnahmelands (in Staat, Bildung und Kultur, Wirtschaft und Arbeitnehmervertretungen) eine faire Behandlung der Neuankömmlinge zusichern. Dies wäre eine Art der Lösung, die der Identität unseres Landes entspricht.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der aktuellen Ausgabe vom deutschsprachigen Philosophie Magazin veröffentlicht: "Was tun? 27 Philosophen beantworten die drängendsten Fragen zur Flüchtlingskrise"

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