Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Gunda Windmüller Headshot

Unverheiratet, kinderlos und Mitte dreißig: Das ist das echte Problem

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WOMAN FILTER
Zoonar RF via Getty Images
Drucken

Es war ein wunderbarer Tag. Er war tatsächlich so wunderbar, dass ich mich fragte, ob ich nicht zufällig in ein Hollywood-Filmset reingestolpert war. Die warme Frühlingssonne schien, die Blumen waren perfekt arrangiert und meine Freundin sah einfach umwerfend aus. In ihrem Hochzeitskleid. Sie wirkte so glücklich, und ich konnte nicht anders, als mich für sie zu freuen.

Kurz bevor die Zeremonie anfangen sollte, stellte ich mich an die Bar, um ein Glas Prosecco zu holen. Ich unterhielt mich mit einem anderen Gast. Wir sprachen darüber, wie wir die Braut kennengelernt hatten und wie wunderschön die Location sei, als sie plötzlich fragte: „Und, wo hast du geheiratet?"

Ich antwortete: „Ich bin nicht verheiratet."

Kennt ihr diesen kurzen Moment, wenn jemand zögert, auf das zu antworten, was man eben gesagt hat? Als ob man ihm oder ihr gerade erzählt hätte, dass man als Beruf Kätzchen tötet? Ja, genau diesen Moment meine ich.

Dann sagte sie einfach nur „oh" und verschwand.

Verwundert stand ich mit meinem Glas Prosecco in der Hand da und bemerkte plötzlich, dass ich ein Problem hatte. Ein großes Problem.

Ich bin Mitte Dreißig, aber ich bin nicht verheiratet.

Und ich habe keine Kinder. Bis jetzt hatte ich mich deswegen nicht schlecht gefühlt ... doch ich hatte mich wohl geirrt.

Ich realisierte, dass ich mich vielleicht mehr rechtfertigen sollte, wenn ich Leuten erzähle, dass ich nicht verheiratet bin. Vielleicht sollte ich mehr Wert darauf legen, dass Menschen nicht so peinlich berührt sind, wenn sie mich treffen. Ich bin eine Schande. Ich bin Single. Ich war kurz davor, mich mit einer Menge Prosecco zu betrinken. Ich bin immer der Hochzeitsgast, nie die Braut. Und ich hab nicht mal eine Katze.

Was soll die Welt nur mit mir anfangen? Was soll ich mit mir selbst anfangen?

In diesem Moment zuckte ich nur mit den Schultern und ging zurück zu meinen Freunden. Ich erzählte ihnen von dem „Oh-Moment" und wir lachten darüber.

Ich wurde wütend.

Aber am nächsten Tag, als die Hochzeit vorbei war und ich die Welt wieder ohne diesen romantischen Filter wahrnahm, wurde ich wütend. Dieses „Oh" war nicht das leichtsinnige „Oh" einer rücksichtslosen Person, nein. Es war ein bisschen mehr. Es war nicht das erste Mal, dass ich - oder ein paar meiner Freundinnen - mit diesem „Oh" konfrontiert worden waren. Wir hatten es alle schon viele Male gehört. Dieser leicht verhaltene Ausdruck von Mitleid, von Besorgnis: „Sie ist nicht verheiratet?! Was ist nur los mit ihr?"

Mal sehen. Ich bin glücklich. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber generell bin ich glücklich. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so gefühlt. Was für ein Geschenk! Dazu kommt: Ich bin gesund. Und ich fühle mich geliebt. Meine Familie ist für mich da, immer. Ich habe tolle Freunde, die alles für mich tun würden, genau wie ich für sie.

Ich mag meinen Job. Ich genieße es, das zu tun, was ich jeden Tag tue. Manchmal mehr, manchmal weniger. Und ich treffe Männer. Ich gehe auf Dates, das genieße ich. Manchmal mehr, manchmal weniger. Ich fühle mich wohl in meiner Haut, mit meinem Alter. Ich bin außerdem dankbar für all die Erfahrung, die ich gemacht habe, gute wie schlechte. Durch sie bin ich eine starke Frau geworden. Kann ich es wagen, es zu sagen?

Eigentlich geht es mir doch ziemlich gut!

Aber wenn ich das alles mal überdenke, fällt mir auf, dass ich vielleicht doch ein Problem habe, allerdings ein ganz anderes, als Leute denken.

Ich habe durchaus ein Problem mit Menschen, die annehmen, dass irgendetwas nicht mit mir stimmt. Vor allem weil das meistens Leute sind, die ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden.

Viele von uns sehen sich als sehr liberale Menschen.

Wir akzeptieren Sex vor der Ehe. Wir bewundern unabhängige und erfolgreiche Frauen. Wir wissen, dass man mit über 40 sehr wohl Kinder bekommen kann. Wir haben für die gleichgeschlechtliche Ehe gekämpft.

Wir wissen auch, dass monogame Beziehungen nicht ein voll erfülltes Leben mit Liebe garantieren. Wir wissen, dass in Ländern mit hohen Scheidungsraten „für immer und ewig" nicht zu wörtlich genommen werden sollte.

Wir akzeptieren - und befürworten sogar - so viele verschiedene Lebensweisen, wie wir es noch nie getan haben. Das ist großartig. Würde irgendjemand gerne in einem anderen Jahrzehnt leben? Dachte ich mir.

Dennoch haben wir immer noch ein Problem mit unverheirateten Frauen. Denn eine Gesellschaft, in der eine unverheiratete Frau mit Mitte dreißig mit einem erstaunten „Oh" abgestempelt wird, kann wohl doch nicht so liberal sein. Was ich mich frage ist, wie liberal wir in Wirklichkeit also sind.

Als dieser Hochzeitsgast mich mit diesem mitleidigen Blick anstarrte, konnte ich fast fühlen, wie sie mich vorsichtig analysierte: „Was stimmt nicht mir ihr?"

Mit uns Singlefrauen ist aber alles in Ordnung! Wir sind fantastisch - das hat uns "Sex and the City" ja wohl gelehrt. Und fantastisch zu sein, hat nichts damit zu tun, ob man in einer Beziehung ist oder nicht.

Eine Beziehung, eine Ehe sogar, ist nicht das Nonplusultra aller Lebensstile. Ganz im Gegenteil: Noch nie war ich so unglücklich wie ich es in einer unglücklichen Beziehung war. Pärchenweise Einsamkeit, das ist die schlimmste Einsamkeit.

Mitte dreißig, weiblich, Single. Ich sag euch, was ich wirklich vermisse: Eine Gesellschaft, die aufhört mir zu sagen, dass es mir an Zufriedenheit mangelt. Das, so scheint es zumindest, ist mein wirkliches Problem.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Neue Studie enthüllt: Diese vier Dinge zerstören jede Beziehung

Lesenswert: