BLOG

Was diese kleine Geste einer muslimischen Verkäuferin mir über Deutschland sagt

24/09/2015 18:22 CEST | Aktualisiert 24/09/2016 11:12 CEST
screenshot

Zunächst habe ich mich einfach nur gefreut. Es war früh am Morgen, ich war auf dem Weg zur Arbeit. Ich hatte Zuhause keine Zeit zum Frühstücken gehabt. Daher kam ich zu Ihnen, in Ihren kleinen Laden, um mir ein Brötchen zu holen. Als ich bezahlt hatte, reichten Sie mir eine Schale mit Bonbons: "Nehmen Sie, heute ist Bayram!"

Ich nahm mir eine Süßigkeit, steckte sie in meine Jackentasche, bedankte mich bei Ihnen und machte mich auf den Weg.

Eine kleine Geste - aber ich habe lange darüber nachgedacht

Im Büro angekommen, fiel mir Ihre kleine Geste wieder ein. Und ich merkte, dass ich gar nicht wusste, was "Bayram" ist.

Als ich googelte sah ich, dass "Bayram" die türkische Bezeichnung für das islamische Opferfest ist. Der höchste islamische Feiertag.

In diesem Moment wäre ich am Liebsten sofort zu Ihnen zurückgegangen. Um Ihnen alles Gute zu wünschen. Und um sie zu fragen, wie Sie den Tag feiern werden.

Um mich damit insgeheim dafür zu entschuldigen, dass ich von "Bayram" noch nie gehört habe.

Opferfest - ein bedeutender Feiertag

Das Bonbon, das Sie mir geschenkt haben, liegt gerade neben meiner Tastatur. Ich sehe es an und mir schießen viele Gedanken durch den Kopf. Ich halte mich für einen grundsätzlich offenen, liberalen Menschen. Ich möchte in einem Land leben, in dem sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen wohl fühlen. Und ich dachte immer, ich wäre tolerant und würde allein dadurch einen Beitrag zur Integration leisten.

Aber was mache ich schon? Ich weiß offensichtlich noch nicht mal, dass mehr als vier Millionen Menschen in diesem Land heute einen wichtigen Feiertag begehen. Aber wenn in einem türkischen Geschäft in der Weihnachtszeit Tannen-Deko hängt, halte ich das für selbstverständlich.

Was mache ich für die Integration?

Sie hingegen scheinen mir gerade viel besser integriert in diesem Land als ich. Denn Sie haben ihre Hand ausgestreckt und haben mich mit Ihrer freundlichen Geste darauf hingewiesen, was für ein besonderer Tag heute ist. Ein besonderer Tag für so viele Menschen in diesem Land.

Mehr als vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Das sind 5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Und trotz allem gibt es immer noch Menschen hier, die heftigst widersprechen, wenn jemand feststellt: "Der Islam gehört zu Deutschland."

Ich schäme mich immer, wenn ich solche Äußerungen höre. Denn für mich gehören Muslime selbstverständlich zu Deutschland. Sie leben hier, sie arbeiten hier. Muslime gehen hier zur Schule, sie wählen hier. Muslime lachen, leben, lieben in diesem Land. Wie jeder, der hier lebt und zu diesem Land gehört.

Wer gehört zu Deutschland?

Doch vielen Menschen ist das nicht genug. Sie fordern mehr Integration, mehr Anpassung. Diese Menschen meinen, Muslime in Deutschland seien in der "Bringschuld". Doch diese Menschen sehen nicht das Land, in dem wir leben. Unser Land ist bunt. Auch wenn die Braunen mit Dreck werfen.

Und je lauter diese Menschen nach mehr Integration schreien, desto leichter wird es zu vergessen, dass Integration uns alle betrifft - und von beiden Seiten kommen muss. Das hat mir Ihre kleine Geste heute morgen gezeigt. Sie haben mich daran erinnert, dass ich mit der Integration bei mir selber anfangen muss. Ich nehme mir das hier mit fest vor.

Jetzt gleich wickle ich das Bonbon aus dem Papier und freue mich über Ihre kleine Gabe. Und wenn ich Feierabend habe und Sie gleich noch in ihrem Laden stehen sollten, werde ich zu Ihnen gehen und Ihnen ein schönes Opferfest wünschen. Und alles Gute.

islam deutschland

5

Trinkhalke/kiosk 🍻 also Germany 🙌 #frankfurt #ffm #kiosk #frankfurtammain #germany #trinkhalle #259/365

Ein von Amanda Tormo (@amandatormo) gepostetes Foto am

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite

Umfrage auf der Straße: Die schockierenden Ansichten der Deutschen über den Islam