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Ich war blind - jetzt erst erkenne ich, was wirklich zählt

12/11/2015 16:31 CET | Aktualisiert 12/11/2016 11:12 CET
Oliver Rossi via Getty Images

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Ich weiß gar nicht, wie lange ich schon so dasitze und schaue. Eine Minute, fünf, zehn? Keine Ahnung. Ich sitze einfach nur da. Und beobachte, wie das frisch gefallene Blatt vom Wind umpustet wird. Es ist gelb, knallgelb. Noch völlig unversehrt. Mitten auf einen Teppich an platt getretenen roten, rostbraunen Blättern ist es gefallen und wendet sich nun wie ein kleiner, goldener Prinz umher.

Nach einiger Zeit frage ich mich, wieso ich so selten auf diese kleinen Dinge achte? Und mir scheint, dass ich damit nicht alleine bin. Die kleinen Dinge, sie genießen keinen guten Ruf.

Wir schauen alle nicht oft auf die kleinen, alltäglichen Dinge. Denn auch der Alltag hat einen schlechten Ruf. Er ist der fiese Knecht, der einen in die Mühle treibt; der fade immergleiche Trott der uns am Aufleben hindert. Keiner will mehr Alltag. Wir wollen alle nur noch Steigerungsform. Besonders einzigartige Erlebnisse. Spektakuläre Momente, exotische Reisen. Das beste Essen, den meisten Spaß.

Wir wollen ein aufregendes Leben; es soll groß sein, nicht klein. Unsere Ambition ist das Glück hinter dem Horizont.

Dabei sind es die kleinen Dinge, aus denen wir das Glück eigentlich ziehen können. Sie umgeben uns, sind überall.

Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee. Ein hüpfender Spatz auf der Straße, ein Mandelplätzchen, das satte Schnurren der Katze auf unserem Schoß. Das Knirschen des Einbands beim Öffnen eines neuen Buches. Eine alte Postkarte an der Kühlschranktür.

Wir haben aber verlernt, diese kleinen Dinge zu sehen. Warum fällt uns das nur so schwer?

Michael Foley, Wissenschaftler und Autor des Buches "Embracing the Ordinary" ist dieser Frage auch nachgegangen.

Er macht den schlechten Ruf des Alltags für diesen blinden Fleck verantwortlich. Unser Alltag sei nicht dramatisch genug, von Wiederholung geprägt: "So erweckt das Alltägliche den Eindruck, uninteressant, trivial, belastend und unbefriedigend zu sein." Wir wollen also schon gar nicht mehr hinschauen.

Dabei lohnt es sich, unseren Blick umzugewöhnen. Denn der Blick auf die kleinen Dinge, die Dinge mit denen auch unser Alltag vollgestopft ist, der lohnt sich.

Denn je mehr wir auf die kleinen Dinge schauen, desto unvoreingenommener schauen wir auf die Welt. Wir lernen die Welt neu sehen und können vielleicht ein wenig Abstand nehmen vom ständigen Bewerten und Abwerten.

Wenn wir uns mal ein bisschen aus der Tretmühle des Alltags befreien und auf die scheinbaren Nebensächlichkeiten achten, können wir unser Leben auch wieder intensiver genießen. Wir sollten aufhören, nur auf außergewöhnliche Dinge zu achten. Denn der Fokus auf kleine, scheinbar triviale Dinge kann dazu führen, dass wir alles wieder intensiver wahrnehmen.

Forscher an der University of Utah/USA haben sogar herausgefunden, dass die Aufmerksamkeit für den Alltag uns hilft, unsere Gefühle und Launen besser zu kontrollieren.

Außerdem können wir so sogar besser schlafen! "Menschen, die den kleinen Dingen größere Aufmerksamkeit schenkten, hatten auch ihre Gefühle und ihr Verhalten im Alltag besser im Griff. Zusätzlich waren sie zur Schlafenszeit mit weniger Gedanken beschäftigt, was ihre Schlafqualität beeinflusst. Und auch Stress reduzieren kann", erklärte eine der beteiligten Forscherinnen, Holly Rau.

Alltag ist etwas Großartiges. Denn im Alltag verstecken sich viele kleine Schätze. Sie müssen von uns nur bemerkt werden, dann können wir sie auch heben.

Wie das tanzende Blatt vor meinem Fenster. Es ist nur etwas Flüchtiges. Aber zugleich kann es soviel bedeuten. Vielleicht nichts. Vielleicht alles. Lassen wir uns darauf ein.

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Mehr Dinge, die glücklich machen, gibt es hier.

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