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Brief an meine Großmutter: Was es heute bedeutet, eine Frau zu sein

03/04/2015 12:34 CEST | Aktualisiert 07/06/2015 11:12 CEST
Gunda Windmüller

Liebe Maria,

ich habe Dir schon lange nicht mehr geschrieben. Kurz nach Deinem Tod habe ich Dir ab und zu noch einen kleinen Brief geschrieben, aber damit habe ich irgendwann aufgehört.

Aber aufgehört an Dich zu denken, habe ich nie. Du warst die beste Großmutter, die es für mich hätte geben können. Ich vermisse Dich.

Gestern ist etwas passiert, das mich nachdenklich gemacht hat. Deshalb habe ich beschlossen, Dir noch einmal zu schreiben.

Ich habe ein altes Foto von Dir gefunden. Damals warst Du noch jung, wohl etwa in meinem Alter. Als ich dieses Foto sah, merkte ich, wie unfassbar ähnlich ich Dir mittlerweile sehe. Die Augen, das Gesicht, das Lachen.

Und gleichzeitig fiel mir auf, dass diese Frau auf dem Foto und ich nicht unterschiedlicher sein könnten.

Auf dem Foto stehst Du in der Küche, hast eine Schürze umgebunden, hältst einen Säugling in den Armen. Ich habe Dich selten ohne Schürze gesehen. Fast immer standest Du hinter dem Herd, hast geschnippelt und eingekocht.

Dein Tagesablauf hat sich nach den Arbeitszeiten Deines Mannes gerichtet, nach den Bedürfnissen Deiner Familie.

grossmutter

Ich dagegen bin mit Anfang 30 noch ungebunden. Ich habe eine Arbeit, die mir Spaß macht. Und nie könnte ich mir vorstellen, dass mir jemand etwas vorschreibt. Ich mit einer Schürze? Das wäre schon ein komisches Bild.

Es hat sich sehr viel geändert für Frauen in den letzten Jahrzehnten. Seit ich Dein Foto in den Händen gehalten habe, beschäftigt mich vor allem eine Frage: Was würdest Du denken, wenn Du wüsstest, was Frauen heute alles tun können? Und was sie alles nicht tun müssen?

Kannst Du Dir vorstellen, dass ich fast nie koche? Wenn dann höchstens für Freunde. Am Wochenende.

Du hast jeden Mittag gekocht. Schnitzel mit selbstgemachten Pommes und Erbsen, rheinischen Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen oder Reibekuchen. Mit ganz viel Apfelmus für mich, „dat Kind". Und fast jeden Nachmittag gab es Kaffee und Kuchen.

"Wir können trinken, lachen, flirten"

Was denkst Du darüber, dass ich mit Freundinnen ausgehen kann, wann immer ich will? Wir können trinken (auch zuviel), rauchen, laut lachen. Wir tragen Hosen, Röcke, was wir wollen. Wir können flirten und wenn uns danach ist, können wir auch einem Mann einen Drink bezahlen. Oder zwei. Und was dann passiert, liegt an uns selbst.

Ich muss niemanden um Erlaubnis bitten. Keinen Vater, keinen Ehemann, keinen Bruder. Ich muss keine Sorge haben, dass jemand denken könnte, dass es sich für eine Frau nicht schickt, feiern zu gehen. Denn an Wochenenden gehen unzählige junge Frauen alleine aus.

Das war für Dich und Deine Schwester noch nicht möglich. Als junge Frau konnte man nicht alleine losziehen. Ausgelassenes Feiern schickte sich nicht. Dann hatte man gleich einen Ruf weg.

Aber ihr hattet als junge Frauen auch andere Sorgen.

Mit Anfang 20 hast Du schon einen Weltkrieg überlebt. Hast drei Brüder verloren. Bist ausgebombt worden, musstest flüchten. Und hast als Trümmerfrau geholfen, Deine Heimatstadt wiederaufzubauen.

Nachts schliefst Du in einem Bett mit vier anderen Frauen. Die halbe Stadt war zerstört.

"Ich hatte ganz andere Chancen"

Kannst Du Dir vorstellen, dass ich meinen Beruf selbst gewählt habe? Und dass es mir noch nie in den Sinn gekommen ist, mich finanziell von einem Mann abhängig zu machen? Keinen Beruf auszuüben, Hausfrau zu sein, das wäre für mich undenkbar.

Du hast nicht darüber nachgedacht, Karriere zu machen. Diese Möglichkeit hattest Du gar nicht. Als du ein junges Mädchen warst, hat man Dir erklärt, dass gebildete Frauen unattraktiv seien. Mehr als Volksschule war für ein Mädchen aus ärmeren Verhältnissen nicht vorgesehen.

Stattdessen solltest Du schnell heiraten, damit Du Deiner Familie nicht mehr auf der Tasche liegst.

Heute haben wir die Freiheit, Single zu sein

Wenn Du wüsstest, dass ich immer noch nicht verheiratet bin, würdest Du Dir vermutlich Sorgen machen. Viele meiner Freundinnen sind es auch nicht. Und weißt du was? Es macht mir gar nichts aus.

Du hast schon mit 25 Jahren geheiratet. Wenn eine Frau früher mit Anfang 30 noch unverheiratet war, wurde sie komisch angeguckt.

Das klingt alles ziemlich wunderbar, nicht wahr? Aber weißt Du was? Wenn ich Dein Foto sehe, denke ich an diese Freiheiten, die ich habe. Aber zugleich frage ich mich auch, was sie wert sind.

Denn obwohl ich so vieles darf, muss ich zugleich auch viel mehr leisten. Von jungen Frauen heutzutage wird erwartet, unabhängig zu sein. Wir sollen Geld verdienen, eine Karriere anstreben. Aber wir dürfen auch nicht verbissen dabei sein.

Wir müssen ständig beweisen, was wir alles sind und, dass wir es im rechten Maße sind: Bin ich erfolgreich genug? Bin ich schön genug? Bin ich schlank genug? Bin ich weiblich genug?

Wir tragen Hosen, sollen dabei aber bloß nicht aussehen wie Männer. Wir sollen schlank sein und viel von dem Essen, das für Dich normal war, ist für viele junge Frauen heute eine Sünde, die sie sich nur selten „gönnen".

Und wenn wir Kinder bekommen, ist das keine Ausrede mehr für eine Gewichtszunahme. An jeder Ecke gibt es ein Magazin zu kaufen, das Dir erklärt, wie Du nach der Geburt schnell wieder ein sogenanntes „Normal-Gewicht" erreichst. Ich muss gerade ein bisschen grinsen. Denn ich glaube, Du könntest das gar nicht verstehen.

Wenn man das alles ernst nimmt, ist das ganz schön anstrengend. Denn es ist ein Leben, in dem viel mehr kontrolliert wird, als Du es Dir hättest vorstellen können.

Ja, wir dürfen mehr, aber wie wir es erreichen, wird uns vorgeschrieben.

Es gibt zum Beispiel eine sehr erfolgreiche Managerin in den USA, ihr Name ist Sheryl Sandberg. Sie hat ein Buch geschrieben, für uns Frauen. Dort behauptet sie: Jede Frau kann erfolgreich sein, sie kann es schaffen, wenn sie nur will. Sie muss sich nur reinknien. Und dabei betont sie ständig, wie wichtig es ist, als Frau zu lächeln.

Maria, wäre das Freiheit für Dich?

Wenn ich Dein Lächeln auf dem Foto sehe, frage ich mich, was Du von diesem Tipp halten würdest. Würdest Du mir das auch raten? Wahrscheinlich nicht. Oder würdest Du mich fragen, warum ich mich so anpasse? Würdest Du mir nicht vielleicht einfach sagen, dass ich gut genug bin? Und mich nicht ständig verbessern muss? Die Menschen nennen das heute „optimieren".

Wenn ich Dein Lächeln auf dem Foto sehe, wünsche ich mir so sehr, Dir von meinem Leben erzählen zu können. Ich wüsste so gerne, was Du dazu sagen würdest. Ich wünsche mir das, sollte ich mal eine Enkelin haben, sie ganz anders Frau sein kann. Und dabei weniger „soll" und „muss", sondern freier wählen kann.

Und das sie mir vielleicht auch irgendwann einen Brief schreibt. In dem sie mir hoffentlich erzählen wird, wie viel sich seit meiner Jugend für Frauen getan hat.

Ich denke an Dich.


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