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An die Eltern, die ihre Kinder zu Bewegungslegasthenikern erziehen

25/08/2015 10:43 CEST | Aktualisiert 25/08/2016 11:12 CEST
Thinkstock.com

Als ich 6 Jahre alt war, bin ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einen Baum geklettert. Und zwar ganz schön hoch. Dabei war ich kein übermäßig sportliches Kind. Außerdem war ich auch eher vorsichtig. Aber diesen Baum, den wollte ich unbedingt hoch.

Meine Freundinnen saßen schon oben und riefen mir zu. Und ich gab mir einen Ruck, setzte den linken Fuß in ein kleines Astloch und zog mich mit beiden Händen langsam hoch. Als ich fast oben war, griffen mir meine Freundinnen unter die Arme und plötzlich saß ich stolz und aufgeregt neben ihnen.

Ich wollte es unbedingt schaffen

Neulich musste ich wieder an diesen Tag denken. Ich war mit einer Freundin wandern und wir kamen an einem Ehepaar mit seinen beiden Kindern vorbei. Um den Weg weiterzulaufen, musste man einen kleinen Hügel hochgehen. Der Weg bestand aus großen, ausgetretenen Steinen.

Es war wirklich keine besonders herausfordernde Stelle. Doch die beiden Kinder hatten große Mühe. Statt einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen, gingen sie ängstlich auf die Knie und kletterten auf allen Vieren hoch. Warum? Weil sie auf zwei Beinen das Gleichgewicht nicht halten konnten.

Kinder können ihr Gleichgewicht nicht mehr halten

Ich schaute meine Freundin entsetzt an. Sie zuckte nur mit den Schultern. Meine Freundin ist Lehrerin und war nicht wirklich überrascht von diesem Erlebnis.

Sie erzählte mir, dass das kein Einzelfall sei. Dass sie Kinder erlebe, die Mühe hätten, einen Ball weiter als einen Meter zu werfen. Die nicht mal mehr über eine Sportbank springen können. Die schon Seilspringen koordinativ überfordere.

Ich blickte sie etwas ungläubig an. Doch sie erzählte noch mehr: Sie sehe immer wieder Kinder, die im 5. Schuljahr noch nicht wüssten, wie man einen Stift richtig in der Hand halte. Stattdessen hielten sie ihn krampfhaft in der Faust fest. Heraus komme dabei ein Gekrakel, das kaum lesbar sei.

Zehnjährige, die keinen Stift halten können

Es gebe sogar Kinder bei ihr in der Klasse, die könnten sich selbst die Schuhe nicht zubinden. Die würden daher Sportschuhe tragen, die mit einem Clip zugemacht werden könnten.

Ich wollte lachen, doch irgendwie blieb mir der Spott dann doch im Halse stecken. Ernsthaft? Keinen Stift halten? Keine Schuhe zubinden? Ich möchte mich nicht über unsportliche Kinder lustig machen. Die gab es schon immer und das ist auch nicht schlimm.

Aber das ist ein ganz neues Level von Unsportlichkeit. Das ist eine mittelschwere Entwicklungsstörung.

Heute gibt es nicht mehr viele Kinder, die auf Bäume klettern. Es gibt überhaupt nicht mehr viele Kinder, die sich ausgelassen bewegen. Kinder, die Kraft und Beweglichkeit ihrer Körper austesten, die springen, hüpfen, um die Wette rennen.

Denn sie haben es einfach nicht gelernt. Ihre Eltern haben sie nicht zum Spielen "nach draußen" geschickt. Aus Angst, dass ihnen etwas passieren könnte. Ihre Eltern haben nicht ihre eigene Angst heruntergeschluckt. Sondern die Kinder lieber in Watte gepackt.

Aber Kindern müssen auch mal etwas riskieren dürfen, liebe Eltern! Wenn ihr den Horizont eurer eigenen Angst als Grenze für eure Kinder zieht, werden sie es schwer haben, auf eigenen Beinen zu stehen. Kinder müssen auch mal raus, müssen sich auch mal Schrammen holen.

Grenzen müssen erfahren werden

Grenzen erfährt man nur, wenn man sie spürt. Das solltet ihr euern Kindern zugestehen. Auch wenn sie sich dabei weh tun. Stattdessen zeigt ihr ihnen früh, wie man mit einem Finger über einen Bildschirm wischt. Wie man sitzenbleibt. Sie sind zu kleinen, bequemen Stubenhockern geworden. Und was Eltern ihren Kindern damit antun, ist wirklich ziemlich erschreckend.

Guckt euch eure Kinder an! Merkt ihr denn nicht, was für Bewegungslegastheniker ihr da aufzieht? Seht ihr nicht, wie sie es nicht schaffen, einen Schleife zu binden? Warum setzt ihr euch nicht mit ihnen hin und bringt es ihnen bei? Warum lasst ihr sie nicht toben und laufen?

Denn Bewegung, gerade im Kindesalter ist essentiell für unsere Entwicklung. Durch Bewegung wird unser Skelett geformt, unsere Muskeln ausgebildet. Wir werden im Laufe unseres Lebens noch genug Zeit unbeweglich vor Bildschirmen verbringen. Wir sollten unseren Kindern das nicht schon in jungen Jahren zumuten.

Denn wenn sie nicht die Chance bekommen, einen stabilen Körper zu entwickeln, wie sollen sie dann im Erwachsenenalter darauf aufbauen?

Ein Kind, das geschickt auf einem Smartphone herumwischt, trainiert zwar seine optischen Sinne. Aber für die Körperkoordination tut es nichts. Denn um ein Körpergefühl zu entwickeln, muss der ganze Körper bewegt werden. Sonst fällt man bei der nächsten Gelegenheit auf die Nase.

Arme schwenken, Bälle fangen, mit den Füßen treten, schaukeln, wippen, springen, rennen. Dies alles kann kein Smartphone, keine App der Welt ersetzen.

Bewegung ist wichtig für unser Selbstbewusstsein

Aber es geht nicht nur um Koordination und Kraft. Bewegung ist auch wichtig für unseren Intellekt und unser Selbstbewusstsein. Wer sich mit seinem Körper auszudrücken lernt, erfährt auch, wie man kommuniziert. Ein Kind das weiß, was der eigene Körper kann, erfährt ein Selbstbewusstsein und eine Selbständigkeit, die anders nicht gelernt werden kann.

Ich bin die Letzte, die behaupten würde, dass früher alles besser war. Das wird schnell gesagt über nachwachsende Generationen. Gestimmt hat es nie. Aber wie viele Kinder heutzutage nicht mal mehr wissen, wie man über ein Seil hüpft. Wie man einen Ball wirft.

Das ist wirklich erschreckend. Und das sollte sich ändern. Es kann nicht sein, dass wir es zulassen, dass eine ganze Generation von Bewegungslegasthenikern heranwächst.

Denn es geht auch nicht nur um die Entwicklung unserer Kinder. Es geht auch um ihre Freude. Wenn wir sie mit Smartphones abspeisen, sie nicht mal nach draußen schicken, geht ihnen diese Freude verloren.

Die Freude, die es macht, über Stock und Stein zu springen. Die Freude, die es bringt, völlig außer Atem, aber auch völlig glücklich über eine Zielmarke zu sprinten. Die Freude die es macht, etwas zu schaffen, was einem noch nie zuvor gelang. Und ohne diese unbändigen Momente in der Kindheit, wenn wir uns zutrauen, sich auf unsere Körper zu verlassen, werden wir nie lernen, unsere Grenzen auch einmal zu verschieben. Ohne dabei ständig auf die Nase zu fallen.


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