BLOG

80 Prozent Ausländeranteil: Was ich mit Problemkindern erlebte, hat alle meine Erwartungen übertroffen

20/11/2015 15:51 CET | Aktualisiert 20/11/2016 11:12 CET

Es ist kalt. Es ist windig. Und es regnet mir waagerecht entgegen. Ich stehe vor einer Berliner S-Bahn-Station und versuche im Windschatten einer abgerissenen Baustellenabdeckung auf meinem Smartphone den Weg zu finden.

Meine Mütze ziehe ich mir in die Stirn und laufe über holprige Bordsteine Richtung Norden. Vorbei an einem türkischen Kulturverein, einem Handyladen, einem verrammelten Café.

An einem Platz bleibe ich stehen. Überall abgebrochene Äste, Blätter. Eine verloren dahintreibende Plastiktüte. Auf der Mitte des Platzes eine Skulptur. Tanzende Menschen aus Bronze.

Erlebnisse im "Problemviertel"

Ein trostloses Tableau. Aber der Hintergrund von alarmierenden Schlagzeilen. Schlagzeilen, die vielen von uns weit weg erscheinen mögen. Doch hinter denen genausoviel Wahrheit steckt, wie hinter unserer eigenen Wirklichkeit.

Dort ist die Rede von solchen "Problemvierteln" und vor allem von "Problemkids", die hier leben. Von zunehmender Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber allen Autoritäten. Verwahrloste Gebäude, Lehrer an der Grenze der Belastbarkeit. Keine Perspektive, Vandalismus aus Langeweile und Wut.

Von Kindern aus sozial benachteiligten Familien, Kindern aus Einwandererfamilien. Mit dringlicher Sorge wird von Klassen berichtet, in denen der Anteil von Kindern aus Familien deutscher Herkunft um die zehn Prozent liegt. Schulhöfen, auf denen in allen Sprachen beleidigt wird. Sich alle angegriffen, aber keiner verstanden fühlt.

Wie kann man auch verstanden werden? Ich biege nach rechts, ich habe die richtige Straße gefunden. Schließlich bin ich da, stehe vor dem Eingang zu einer sogenannten "Problemschule".

Vorlesen in einer Problemschule

Ich bin hier, weil ich etwas vorlesen soll. Ganz altmodisch. Ich soll Kindern vorlesen, die sonst nicht viel lesen. Die vielleicht gar nicht lesen. Die erstaunt sind, wenn man ihnen ein Buch zeigt: "Haben Sie das ganz gelesen?"

Die Lehrerin holt mich ab und warnt mich direkt: "Eben war's sehr schwierig. Die machen schon die ganze Zeit Quatsch. Ignorieren Sie das einfach." Klar, und sie parkt mich in einem Aufenthaltsraum, bis die Stunde beginnt. Um mich herum ziemliches Chaos.

Ich sitze verlegenheitsbrav auf einem Sofa, Hände auf den Knien. Neben mir wirft sich Kayla auf Tugce, die blöde Bitch. Ali spielt zehn Minuten lang die ersten Takte von Beethoven's "Für Elise" auf dem Klavier. Der Rest lümmelt. So ging es auf meinem Bonzen-Gymnasium auch zu, denke ich und mache kleine Abstriche: Meine Klassenkameraden hatten Markenklamotten.

Dann ist es soweit, drei Mädchen führen mich in einen Klassenraum. Etwa 20 Schüler sitzen auf dem Boden, ich mittendrin auf einem Stuhl. Mit meinem Buch in der Hand und bin rasend nervös.

Ich erzähle ihnen kurz, worum es in dem Buch geht. Als ich sage, dass die Mutter des Ich-Erzählers Alkoholikerin ist, rufen ein paar "wie schrecklich". Und ich bin ziemlich gerührt von soviel Mitgefühl für eine fiktive Figur.

Dann beginne ich zu lesen und lese und schaue zwischendurch nervös in die Runde. Erstes Kapitel. Nichts. Zweites Kapitel. Nichts. Es passiert nichts. Sie hören einfach zu.

Sie sollen Fragen stellen

Als ich aufhöre, sollen Fragen gestellt werden. Ein Junge links neben mir reckt die Hand: "Können Sie vielleicht noch etwas mehr lesen?"

Und ich habe noch etwas mehr gelesen. Als ich fertig bin, klatscht die Runde. Ich bedanke mich und gehe mit der Lehrerin aus dem Klassenraum. Die schmalen Stiegen hinunter auf den Schulhof, durch den tropfenden Regen und dann stehe ich schon wieder auf der Straße. Und freue mich. Ich freue mich sehr.

Denn was ich gerade erlebt habe, hat mit dem Wort "Problemkids" so gar nichts zu tun. Das sind Kinder, keine Probleme. Nette, lustige, freche, gelangweilte Kinder. Kinder halt.

Junge Menschen die, eigentlich egal aus welchen Verhältnissen, Geschichten lieben. Geschichten von Abenteuern, vom Verliebt-Sein, vom Verbotene-Dinge tun, von großem Glück und plötzlichem Pech.

Wie wir alle. Und welche Geschichte unser eigenes Leben wird, liegt eben nicht immer in unserer Hand. Doch statt sich dem Schicksal solcher Kinder anzunehmen, bekleben wir sie lieber mit dem Label "Problemkind".

Aber wie kann denn ein Kind ein Problem sein? Wir sind doch diejenigen, die die Probleme für das Kind erst schaffen!

Kinder sind erstmal einfach da. Und wenn wir ihnen keine Chance geben, sich eine Welt vorzustellen, in der mehr möglich ist als eine Karriere als "Problemkid", dann haben wir versagt. Und nicht das Kind.

Vielleicht sollten wir alle mehr Geschichten lesen, damit wir wieder lernen, wie eine Welt jenseits der Etiketten aussieht, mit der wir sie versehen haben. Was ich auf jeden Fall heute gelernt habe: Klar, es gibt Probleme. Aber es gibt keine Problemkids.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.