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Warum es für Mossul nur eine schwache Hoffnung gibt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOSSUL
dpa
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Mitte Oktober begannen irakische Truppen und Verbündete den lange erwarteten Angriff auf Mossul, die Hauptstadt der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Obwohl Bagdad die ersten kleinen Erfolge in der Umgebung der Stadt groß feierte, könnten die Kämpfe länger dauern. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass der IS hier bereits seit 2006 seine wichtigste Hochburg hatte.

Ohne ihre Strukturen im Mossuler Untergrund wäre die Organisation wahrscheinlich schon 2007/2008 zerschlagen worden und ohne die dort erpressten Schutzgelder wäre es dem IS 2013 und 2014 nicht gelungen, so schnell riesige Gebiete in Syrien und im Irak zu erobern.

Mit seinen im Jahr 2014 rund zwei Millionen Einwohnern war Mossul die größte Stadt des Nordirak und die drittgrößte des gesamten Landes - heute dürfte noch mindestens eine Million Menschen dort leben. Die überwiegende Mehrheit seiner Bewohner sind arabische Sunniten, doch das ist nur ein Grund für die dortige Stärke des (sunnitischen) IS.

Die „Stadt der Offiziere" stellte bis zum Sturz des Regimes von Saddam Hussein im Jahr 2003 überdurchschnittlich viele führende Militärs und wichtige Angehörige der damals regierenden Baath(=Wiedererweckungs)-Partei.

Nachdem die amerikanische Besatzungsmacht im Sommer 2003 die Armee, alle Sicherheitskräfte und die Staatspartei auflöste, verloren besonders viele Bewohner von Mossul ihre Arbeitsstellen, Status und Einkommen. Zahlreiche Ex-Militärs aus der Stadt und der sie umgebenden Provinz Nainawa schlossen sich deshalb in den folgenden Jahren dem Aufstand gegen die US-Truppen und den neuen irakischen Staat an.

Der IS konnte diesen Rekrutierungspool vor allem seit 2007/2008 nutzen, weil damals viele von ehemaligen Militärs getragene Rebellengruppen den Kampf aufgaben, ohne dass sich den Kämpfern neue Zukunftsperspektiven eröffneten. Diejenigen, die den bewaffneten Kampf fortsetzen wollten, schlossen sich fortan häufig dem IS an.

Seit spätestens 2010 prägte das Bündnis zwischen Dschihadisten und ehemaligen Offizieren die Organisation, was die erstaunliche militärische, geheimdienstliche und administrative Professionalität des IS erklärt.

Den Militärs dürfte die Zusammenarbeit mit den Islamisten gar nicht als Widerspruch erschienen sein, denn sie hatten ihre Karrieren in den Jahren kurz vor 2003 gemacht, als die Baath-Partei Saddam Husseins längst nicht mehr dem Säkularismus ihrer frühen Jahre anhing, sondern viele islamistische Elemente übernommen hatte.

Die künftigen Eroberer

Die feste Verankerung des IS in Mossul würde jedem Eroberer große Schwierigkeiten bereiten. Das wichtigste Problem der Angreifer ist aber, dass die Bevölkerung von Mossul sie fast alle als feindselige Besatzer betrachten wird.

Dies gilt zunächst für die Truppen der Kurdischen Regionalregierung, die sogenannten Peschmerga, die die Offensive mit Angriffen auf Dörfer in der großen Ebene östlich von Mossul einleiteten. Ihre Führung verkündet aber schon seit Monaten, dass sie nur die ehemals von Kurden bewohnten Stadtteile am Ostufer des Tigris einnehmen und nicht in die arabischen Viertel einmarschieren werde.

Sie zieht damit die Konsequenz aus den Erfahrungen der Vergangenheit nach 2003, als kurdische Truppen und Polizei in (West-)Mossul die Kontrolle über Mossul hatten, die Sicherheitslage aber nie in den Griff bekamen.

Mehr zum Thema: Sturm auf Mossul: Was die Schicksalsschlacht gegen den IS für die Region und Europa bedeutet

Ähnliches gilt für die Truppen der irakischen Zentralregierung. Diese dominierten bis Juni 2014 in Mossul, bis der IS mit weniger als 2000 Kämpfern bis zu 25.000 Mann irakisches Militär und Polizei innerhalb von wenigen Tagen besiegte.

Das hatte viel mit der weit verbreiteten Korruption in den Streitkräften und unfähigem Führungspersonal zu tun, aber auch damit, dass die mehrheitlich schiitischen Sicherheitskräfte in Mossul fremd waren und der Bevölkerung verhasst waren.

Dies könnte auch nach der Wiedereroberung von Mossul zu einem Problem werden, vor allem, weil die Regierungstruppen von einem schiitischen Milizenbündnis unterstützt werden. Diese „Volksmobilisierungskräfte" wurden ab Juni 2014 aufgebaut, weil das irakische Militär im Kampf gegen den IS so offenkundig versagt hatte.

Ihre wichtigsten Teilorganisationen sind Milizen, die schon in den Jahren nach 2003 die US-Truppen und sunnitische Rebellen bekämpften und dabei teils fürchterliche Verbrechen an der sunnitischen Zivilbevölkerung begingen. Die Regierungsoffensiven der Jahre 2015 und 2016 wären ohne diese Hilfstruppen vermutlich gescheitert, doch machten sie sich wieder zahlreicher Übergriffe schuldig.

Auch wenn die meisten Sunniten von Mossul den IS spätestens nach der Schreckensherrschaft der letzten zwei Jahre ablehnen, fürchten sie die schiitischen Mörderbanden mindestens ebenso sehr. Nur wenn diese von der Stadt ferngehalten werden können, besteht überhaupt eine Aussicht auf eine Verbesserung der Lage nach der Niederlage des IS.

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Die neue Ordnung

Will die irakische Regierung die Situation in Mossul stabilisieren, muss sie dafür sorgen, dass einheimische und damit mehrheitlich sunnitische Sicherheitskräfte sofort nach der Eroberung die Kontrolle über die Stadt übernehmen. Mindestens 3000 Mann unter dem Kommando des ehemaligen Gouverneurs Athil an-Nujaifi stehen bereit und mehrere Tausend weitere potenzielle Sicherheitskräfte werden ausgebildet.

Doch hat die irakische Regierung in den letzten Monaten mehrfach gezeigt, dass sie nicht bereit ist, die Macht im Land mit Sunniten und Säkularisten zu teilen. Ministerpräsident Abadi mag den entsprechenden Aufrufen der US-Regierung gewogen sein, doch ist seine Position schwach.

Die Vertreter eines kompromisslosen schiitischen Anspruchs auf die Herrschaft über den gesamten Irak sind stark und werden von Iran gestützt, der auch das Kommando über die wichtigsten schiitischen Milizen im Irak hat.

Setzen sich die Extremisten durch, wird die Lage in Mossul schwierig bleiben und der IS als Terrororganisation im Untergrund viel Unterstützung erhalten und überleben. Die einzige Hoffnung der Bewohner Mossuls und des gesamten Irak ist, dass die Schiitenregierung in Bagdad die Lektionen ihrer Niederlage gegen den IS von 2014 gelernt hat. Es ist eine schwache Hoffnung.

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