BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Guido Bosbach Headshot

Fuck you, Technology! - Die ÔÇ×bessere" Zukunft kommt NICHT aus dem Silicon Valley.

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
WORK PEOPLE
xavierarnau via Getty Images
Drucken

Ich war zugegeben nie ein Fan von Vorstandsreisen ins ÔÇ×Tal der Tr├Ąume", vielleicht habe ich einfach selbst zu lange im Technologiebereich gearbeitet habe oder es liegt daran, dass das Managementverst├Ąndnis dort so gar nicht das meinige ist.

Insbesondere damit scheine ich nicht ganz alleine da zu stehen, wie ich dem Artikel von Arlat von Kittlitz in der ÔÇ×Zeit" entnehme.

Nat├╝rlich kann man s├╝dlich von San Francisco, gerade aus Sicht eines ansonsten pers├Ânlich eher toptechnologieagnostischen Top-Managements einiges mitnehmen.

Man kann sich ansehen, an welchen Ideen Start-ups arbeiten, wie schwer entrepreneurische Leichtigkeit ist und vor allem kann man sich Argumentationshilfe daf├╝r beschaffen, warum die Digitale Transformation f├╝r uns hier so wichtig ist - dies auch, weil oftmals so schmerzlich bewusst wird, dass wir den Entwicklungen dort um 5 - 10 Jahre hinterherhinken.

Nat├╝rlich geht es dabei immer um ÔÇ×die Zukunft", konkreter die technologische Zukunft. Die jedoch hat mit einer ÔÇ×besseren" Zukunft, wie wir sie und alle in der einen oder anderen Form erhoffen, sicherlich nur am Rande zu tun.

Haben Sie sich schonmal selbst gefragt

Was ist Zukunft?
Was ist eine ÔÇ×gute" Zukunft?
Was ist eine ÔÇ×bessere" Zukunft?
Wie sieht meine ÔÇ×beste" Zukunft aus?

Der Digitale Wandel - als einer der Treiber in diese ÔÇ×Zukunft" - ist kein technologisches Ding. Der Wandel hat (mindestens) drei Komponenten, von denen ÔÇ×das digitale" nur den aktuellen Ausl├Âser f├╝r umfassende Entwicklungen darstellt.

Der Wandel beinhaltet zwar, wie die Nutzung von Technologie unser Arbeitsleben ver├Ąndert, etwa indem ganz anders als vor 5 Jahren kommunizieren, zusammenarbeiten und uns immer mehr durch ÔÇ×Maschinen" jedweder Form dabei unterst├╝tzen lassen.

Er beinhaltet dar├╝ber hinaus - und das halte ich f├╝r viel wesentlicher - allerdings auch, wie wir durch die Nutzung dieser Technik neue Organisations- und Managementsysteme gestalten k├Ânnen (und m├╝ssen) und dabei uns selbst und der Zwischenmenschlichkeit Raum geben sollten.

Doch gerade diese letzten beiden Punkte lassen sich selbst bei einem 6-monatigen Tripp ├╝ber den gro├čen Teich nicht abkupfern - allein, weil sie dort oftmals auch nicht gelebt werden.

Und selbst wenn dort alle Unternehmen auch in diesen Bereichen f├╝hrend w├Ąren, w├╝rde der Versuch all das zu kopieren an den gleichen Problemen scheitern, wie schon vor 25 Jahren, als europ├Ąische (und damals auch amerikanische) Manager die Ans├Ątze von Kaizen und - wie wir es heute nennen - ÔÇ×Lean" in Fernost zu internalisieren versucht haben: An den unterschiedlichen Kulturen, an unterschiedlichem Verhalten und unterschiedlichen Haltungen.

Der (wenn man genauer hinschaut und wie ich finde ma├člos ├╝bersch├Ątzte) amerikanische Traum, die Chance zu scheitern und wieder aufzustehen, das ÔÇ×hire & fire", das im Rampenlicht stehen und viele weitere andere kleine Elemente der Kultur, die dem Valley zugrunde liegt, passen einfach nicht zur deutschen Gr├╝ndlichkeit, dem schnurgeraden Lebenslauf, der beruflichen Kontinuit├Ąt, dem Respekt (und manchmal Duckm├Ąusertum) vor Alter und Stellung.

Er passt einfach nicht zu den vielen kleinen Elementen unserer alten Kultur, unserer alten Sozialisierung und unserer alten Bildungs- und Managementsysteme.

Wir sind noch nicht an der Stelle angekommen, an der Ideen m├Âglich sind und gew├╝rdigt werden - egal von wem sie kommen -, wo Kreativit├Ąt und Querdenken als wichtig und gut angenommen werden, wo alte Regeln ungestraft in Frage gestellt und reflektiert werden d├╝rfen.

Wir leben hier noch nicht in einem Land und einem Gemeinverst├Ąndnis, das es guthei├čt Neues auszuprobieren, Fehler und Irrt├╝mer zu machen, daraus zu lernen und dieses Lernen wom├Âglich ├Âffentlich zu machen, damit alle daran partizipieren k├Ânnen.

Um an dieser Stelle zu kommen und mit ÔÇ×dem digitalen" eine ÔÇ×bessere Zukunft" f├╝r uns - und manchmal tats├Ąchlich in jedem einzelnen Unternehmen - zu gestalten, brauchen wir Organisations- und Managementstrukturen, die zu uns passen, die diese Freir├Ąume geben, die in der Lage sind den organisationsindividuellen Entwicklungsweg mitzugehen, sich den Gegebenheiten anzupassen und dennoch gleichzeitig den weiteren Wandel unterst├╝tzen. Wir brauchen dazu das Verst├Ąndnis, wie die Systeme - die Technik, die Menschen und die sie umgebenden Strukturen - ineinandergreifen und was dies unterst├╝tzt, und was es behindert.

Noch etwas ist im Tal unserer Hoffnung anders, als wir es mit unserem Glauben an die Propheten aus dem ehemals wilden Westen wahrnehmen. Es geht dort im Kern nicht um Technologie. Es geht um Geld!

Es geht nicht um DIE Zukunft der Menschheit, sondern um die Zukunft der Gr├╝nder, der CEOs, der Investoren und all jener, die nach der Gr├╝ndung vor allem ihre Sch├Ąfchen im trockenen haben wollen.

Denn attraktiv ist dieser amerikanische Traum noch immer! Gerade auch dort, wo, wie es aussieht, manche es eben doch geschafft haben. Wie bei jedem Goldrausch sieht man die Gewinner und vergisst die Verlierer.

Auch wenn es dort gelingt Silikon zu vergolden, liegt hier bei uns anderes Gold auf der Stra├če. Doch scheitern wir noch immer daran, diesen Stein der Weisen zu erkennen und zu gebrauchen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Wir k├Ânnten f├╝hrend sein.

Wir k├Ânnten tats├Ąchlich f├╝hrend sein, trotz all unserer tief verinnerlichten Altlasten. Als das Land der Dichter und Denker k├Ânnten wir die Ressource, von der wir so unglaublich viel haben, die Reste von Bildung, geistiger St├Ąrke und Menschlichkeit dazu nutzen, die Verbesserung unserer Welt umfassender zu begreifen. Nicht nur als bessere Technologie, sondern als bessere Lebensgrundlage.

Wir k├Ânnten das Verst├Ąndnis von und f├╝r Technologie mit dem Bewusstsein f├╝r Nachhaltigkeit und der Erkenntnis des Wertes von Menschlichkeit verbinden!

Bei dem was auf uns zukommt, geht es immer weniger darum spezifische F├Ąhigkeiten zu entwickeln und zu sich daran festzuhalten, als darum das Gesamtsystem im Auge zu behalten. ├ľkologische, ├Âkonomische und vor allem auch soziale Nachhaltigkeit in unser Arbeitsleben zu integrieren.

F├╝r jeden einzelnen und f├╝r alle gemeinsam geht es darum Flexibilit├Ąt zu verinnerlichen, Kreativit├Ąt zu nutzen, um immer wieder frei und manchmal spielerisch neue Kompetenzen zu erwerben und so die immer neuen Herausforderungen zu meistern.

Wir k├Ânnten an dem komplexen, aber gerade deshalb so wichtigen und erfolgsversprechenden Verst├Ąndnis f├╝r das Gesamtsystem ÔÇ×Welt(wirtschaft)" arbeiten - statt nur am kleinen Thema Technologie.

Doch dazu sollten wir den so (sur)realen Trump-Wahnsinn in vielen (auch hiesigen) Unternehmen ├╝berwinden. Wer eine Jobhistorie mit mehr als drei Chefs besitzt kann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur von Narzissmus, Autokratie und Alleinvertretungsanspruch bez├╝glich neuer Wahrheiten berichten.

Wo gibt es nicht auch Projekte, deren Status dem von Melonen entspricht. Von innen betrachtet tiefrot und von au├čen alles im gr├╝nen Bereich - ÔÇ×alternative Fakten" lassen gr├╝├čen.

Die gute Nachricht - es geht. Man kann an den Themen Haltung und Verhalten arbeiten - wenn man sich traut in den Spiegel zu schauen, oder wenn der Druck von au├čen zu gro├č wird. Und wir leben in einer Zeit, in der es sowohl leichter wird den Spiegel zu Hilfe zu nehmen, als auch der Druck mit zunehmenden Geschwindigkeit w├Ąchst. VUCA l├Ąsst gr├╝├čen.

Die Digitalisierung fordert einen Technologiewandel in einem Bereich, der seit fast 100 Jahren kaum updates und upgrades erfahren hat: der Managementtechnologie.

Je mehr Manager und F├╝hrungskr├Ąfte sich von dem Glauben befreien, der Kopf der vielen arbeitenden H├Ąnde sein zu m├╝ssen, je klarer wird, dass die anderen K├Âpfe auch sehr kreative und zielf├╝hrende Dinge denken k├Ânnen, je bewusster wird, dass man - auch in Unternehmen - gemeinsam mehr erreichen kann, als jeder alleine in seinem K├Ąmmerchen, je mehr werden wir gemeinsam am L├Âsungen arbeiten k├Ânnen, die wirklich eine bessere Zukunft bedeuten.

Eine bessere Zukunft f├╝r die Unternehmen, weil bessere Zahlen das Ergebnis besserer Arbeit ist. Eine bessere Zukunft f├╝r die Menschen, weil Arbeits-Leben dann mehr Sinn und Zufriedenheit mit sich bringen kann und eine bessere Zukunft f├╝r die Gesellschaft, weil mehr Sinn und Zufriedenheit vieler die Gemeinschaft st├Ąrkt.

F├╝r all das brauchen wir (neben dem Zugang zum Silicon Valley, und den Technologien von dort) drei ganz einfache Dinge:

  • die mentale Freiheit Bildung und lebenslanges Lernen als etwas Positives zu erkennen, flexibel und neugierig zu bleiben
  • die soziale Kompetenz uns in heterogenen, interdisziplin├Ąren, bunten, kreativen Netzwerken aktiv auszutauschen
  • und den individuellen Mut aufeinander zuzugehen und uns gegenseitig auf dem Weg zu unterst├╝tzen.

Von diesen sehr individuellen Ankerpunkten aus k├Ânnen wir Verbindungen aufbauen, die Bereitschaft und Offenheit st├Ąrken auf allen Ebenen neu zu denken. Es entsteht der Raum der sowohl individuell als auch gemeinsam in Unternehmen und der Gesellschaft diese bessere Zukunft m├Âglich macht.

Denn am Ende geht es uns allen nur dann gut, in dieser Zukunft, wenn es jedem einzelnen besser geht.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.