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Was fehlt dem Management heute im Jahr 2017

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An alle, die es wagen anders zu denken

  • Die Rebellen, die Idealisten, die Visionäre, die Querdenker, die, die Dinge anders sehen können.
  • Wir können sie zitieren, ihnen widersprechen, sie ablehnen oder heimlich bewundern.
  • Das was wir nicht können, ist sie zu ignorieren, weil sie im Stande sind Dinge tatsächlich zu verändern.

Business im freien Fall

Der Sprung von Felix Baumgartner hat 8 Rekorde gebrochen. Sein Wagnis war äußerst umstritten. Red Bull musste einiges an Negativmeldungen in Bezug auf diesen Sprung bzw. auch sonst hinnehmen. Doch niemand kann bestreiten, dass dieser Sprung nicht berühren würde - positiv oder negativ. Es war riskant, es war historisch.

Unternehmen wie auch Führungskräfte können von diesem Sprung und den Vorbereitungen dafür lernen - weit mehr als man vielleicht vermuten würde. Der Getränkehersteller und Sponsor von diesem Event, Dietrich Mateschitz, zielte ebenso darauf ab, daraus zu lernen, medizinische und technische Daten zu sammeln, um die Sicherheit künftiger Raummissionen zu erhöhen. Selbstverständlich ging es auch um die mediale Vermarktung seiner Marke Red Bull. NTV erreichte mit der Übertragung von der „Mission Stratos" die beste Einschaltquote in der Geschichte des Senders.

Der Sprung von Baumgartner wird für immer mit „Red Bull" in Verbindung stehen.

Die Kritik, Mateschitz veranstalte einen modernen Gladiatorenkampf, mag zum einen berechtigt sein, zum anderen sind es jedoch auch die AthletInnen selbst, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur und Ihrer Visionen bereit sind, Neues zu wagen. Gemeinsam, mit der Unterstützung von Mateschitz, der ein hohes Maß an Professionalität und charakterstarker Individualität neben sportlichem Talent verlangt, werden einzelne Träume wahr - wie beispielsweise im Fall von Felix Baumgartner.

Mag sein, dass Sie Red Bull und seinen AthletInnen kritisch gegenüberstehen. Ich selbst bin kein Freund von dem Getränk und hinterfrage vieles, von dem was Mateschitz tat und noch tut. Aber das Buch über Felix Baumgartner und die Mission Strato [Himmelsstürmer. Mein Leben im freien Fall], worauf ich mich in diesem Beitrag beziehe, hat mich positiv berührt. Es hat mir äußerst klar veranschaulicht, was alles notwendig ist um Projekte und Visionen greifbar, sichtbar und nachhaltig erfolgreich umzusetzen. Vieles davon war mir nicht neu, aber das was damit möglich ist, das habe ich selbst in voller Größe wie bei Baumgartner noch nicht erlebt. Die 5R, Reinvent, Relate, Repeat, Reframe und Reshape (näheres dazu auf meiner Webseite) haben das Potential einen Quantensprung zu bewirken - wenn die Menschen sich selbst in ihrem Tun besser kennenlernen wollen.

Ein 2-3 Tages-Workshop wird das jedoch nicht bewerkstelligen können. Doch genau das wollen viele Führungskräfte. Nicht aus Ignoranz heraus, sondern vielmehr aus Zeitnot. Doch kein Projekt und kein wirklich erfolgreicher Change lässt sich durch 3 Trainings-Tage im Jahr umsetzen. So gesehen ist das Beispiel Baumgartner ebenfalls gut, denn er hat 5 Jahre investiert, mit Überwindung vieler Höhen und Tiefen, um seinen Sprung zu wagen. Die Tiefen sind für Außenstehende nicht sichtbar, aber begleiten jeden und jedes Projekt. Genau an diesen Tiefpunkten entscheidet sich, ob ein Projekt wirklich gut läuft oder nicht. Am Beispiel von Baumgartner, seinem Team und dem Sprung als I-Punkt für die Bestätigung, dass das Projekt im Gesamten erfolgreich gelaufen ist, zeigt sich, dass es mehr braucht als nur bestes technisches Equipment und beste körperliche Fitness.

Bedingungslose Liebe und Hingabe kann Grenzen überwinden.

Dort beginnt alles, egal in welchem Bereich, auch in der Wirtschaft. Das Team von Baumgartner hat sich bedingungslos auf ihn eingestellt. Baumgartner hat sich im Gegenzug dem Team gegenüber verantwortlich gezeigt, indem er es nach 2 Jahren gewagt hat, seine großen Schwächen zu zeigen. Spät, aber immerhin.  Man mag es vielleicht nicht glauben, aber Baumgartner hatte beispielsweise mit dem Druckanzug heftige Probleme, regelrechte Panikattacken. 2 Jahre lang versuchte er dieses Problem zu verheimlichen. Baumgartner hat gut getrickst und das Team angelogen bis zu dem Tag, wo er seinem Projektleiter Art Thompson zugestand, dass er jetzt dringend seine Familie daheim in Salzburg braucht und nach Hause fliegen möchte. Baumgartner stand am Ende, am tiefsten Punkt seines höchsten Sprunges. Art reagierte mit: Ich verstehe dich. Der Druck ist einfach zu groß für dich. Mach dir keinen Kopf. Flieg nach Hause, das Projekt versuchen wir währenddessen in anderer Weise weiterzuführen.

Der Projektleiter Art schaffte es, trotz höchstem Leistungsdruck menschlich emotional zu agieren und eine Brücke zu bauen, zwischen dem was ansteht und dem was jetzt gerade möglich ist.

Wäre es in der Wirtschaft ebenfalls denkbar ähnlich menschliche Fragen in Bezug auf die Tätigkeit und die damit verbundenen Sorgen und Ängste anzusprechen, beispielsweise ...:  

  • Wie geht es Ihnen jetzt gerade mit Ihren Aufgaben, mit Ihrem Team?
  • Können Sie so weitermachen, oder brauchen Sie etwas Zeit um das neu zu überdenken?
  • Haben Sie eine Idee, was Sie benötigen um fortfahren zu können?

Vielleicht braucht es manchmal wirklich nur eine Auszeit von beispielsweise 11 Stunden. Baumgartner hat während seines Heimflugs Zeit gehabt, um seine Ängste, seine Bedenken, seinen Ehrgeiz und sein Ziel zu überdenken, und sich selbst zu sortieren.

In Salzburg unterzog sich Baumgartner in einem eigens für ExtremsportlerInnen ausgerichteten Trainingszentrum verschiedenen Tests. Doch genau das widersprach dem, was Baumgartner aus Vorerfahrungen seiner Extremleistungen kannte und von seinem Projektleiter Art gewohnt war. In diesem Trainingszentrum wurden die SportlerInnen streng nach Vorgaben und gemessenen Daten beurteilt und entsprechend trainiert. Baumgartner war sehr enttäuscht. Es können viele Tests, medizinische und psychologische lt. Wertung negativ ausfallen, und doch heißt das nicht, dass deshalb das Projekt nicht durchgeführt werden kann. Umgekehrt kann es sein, dass die Tests perfekte Daten liefern, aber der/die KandidatIn dennoch die Leistung nicht erbringen kann.

Am Beispiel von Baumgartner zeigt sich deutlich, dass die erfolgreiche Umsetzung eines Projektes maßgeblich vom Einwirken und Zulassen der Individualität und Menschlichkeit abhängt.

Art Thompson hat Baumgartner dort abgeholt, wo er emotional und mental im Moment stand. Dafür braucht es Empathie und den Mut, die Pläne neu auszurichten und Vertrauen, dass das Ziel trotzdem erreicht werden kann. Im Management wird oft mit allen Mitteln versucht, lieber streng nach Plan vorzugehen. Das gibt scheinbar Sicherheit und Vertrauen. Das ist sehr gut nachzuvollziehen, denn jede Abweichung vom Plan verunsichert. Mag sein, dass jetzt einige meinen, dass das Projekt Strato ein Sonderfall ist, und das Business anders läuft als solche Extremprojekte. Doch ich sage aus meiner Erfahrung heraus, dass eigentlich jedes Projekt in gewisser Weise ein Sonderfall ist, an dem Menschen an ihre Grenzen kommen. Wie sehen Sie das?  

  • Versuchen Sie als Führungskraft Ihre Projekte und Changeprozesse so gut es geht streng nach Plan durchzuführen?
  • Wieviel Raum geben Sie Gefühlen und Widerständen in Projekten - mit der Gefahr, dass ein Projekt damit eventuell anders läuft als nach Plan?
  • Wieviel Menschlichkeit und Individualität wagen Sie selbst in ein Projekt einfließen zu lassen? Und wieviel Individualität und Menschlichkeit gestehen Sie Ihrem Team zu?

Am Beispiel von Baumgartner zeigt sich jedenfalls, dass er und sein Team es wagten, Gefühle zuzulassen. Baumgartners Team war nach seinem Outing, dass er den Druckanzug nicht tragen könne und er sie 2 Jahre lang damit hinters Licht geführt hat, irritiert und haben das Vertrauen in ihn als Springer, und damit das Projekt in Frage gestellt. Baumgartner hat das nicht einfach so im Raum stehen lassen und hat viel getan, um das Vertrauen von seinem Team zurückzugewinnen. Er hat das nicht bloß mit Worten getan. Er zeigte seinem Team sehr deutlich, dass er ein Fehlverhalten an den Tag gelegt hat, entschuldigt sich dafür und ändert seinen Arbeitsstil sichtbar für sein ganzes Team. Er zeigt ihnen, dass sie wieder auf ihn zählen können und dass sie gemeinsam Ängste und Hindernisse in Chancen und neue Möglichkeiten transformieren können.

Das Projekt Strato klingt aufregend, und genau das war es auch über den gesamten Weg hinweg. Es war deshalb aufregend und motivierend, weil man eben nicht nur streng nach Plan vorgegangen ist. Intuitiv hat Baumgartner gemerkt, dass ein langweiliges auf diesen Extremeinsatz ausgerichtetes körperliches und mentales Training ihn niemals zu dem Punkt gebracht hätte, wo er hätte sagen können: Ich habe die Reife für den Sprung erreicht, es passt. Baumgartner und sein Team haben vielmehr versucht, ihre jeweiligen Leidenschaften und intuitiven Fähigkeiten gebündelt zum Wirken zu bringen. So kam es, dass Baumgartner sein Problem mit dem Druckanzug mit Hilfe von Tauchkursen zu lösen suchte. Das Tauchen stärkte deutlich sein Selbstvertrauen. Dieser Weg mag völlig entgegengesetzt wirken zum dem, was man meinen würde trainieren zu müssen, um bestmöglich für den Fall aus knapp 39.000 Meter Höhe vorbereitet zu sein. Doch genau diesen Umweg und diese Ergänzung hat es gebraucht.

  • Haben Sie als Führungskraft auch schon Umwege auf sich genommen, um ein Ziel erreichen zu können?
Baumgartner, der es eigentlich gewohnt war Extremsituationen zu meistern, musste jedoch für dieses Projekt seine Komfortzonen verlassen. Das Tauchen war nicht nach seinem Geschmack. Das mag vielleicht von Ihrer und meiner Sicht aus etwas merkwürdig klingen. Aber selbst Baumgartner hat sich so gut es geht in seinem Wirken als Extremsportler in Komfortzonen bewegt, die selbstverständlich woanders liegen als unsere. Das zeigt jedoch auch, dass jedes Projekt das Verlassen der Komfortzonen braucht, wenn es erfolgreich umgesetzt werden will. Der spannende Punkt daran ist, dass viele das unbewusst wissen. Gerne wird das jedoch auf die anderen geschoben. Sollen doch die anderen ihre Komfortzonen verlassen und ihr Verhalten ändern. So muss ich mich selbst auch immer wieder aufs Neue fragen, wo ich mich im Moment gerade in einer Komfortzone befinde und ob ich offen genug bin, diese Komfortzonen zu verlassen?  

  • Kennen Sie Ihre Komfortzonen?
  • Sind Sie bereit, Ihre Komfortzonen zu verlassen und neue Wege auszuprobieren?

Komfortzonen verlassen mag nicht immer mit Anerkennung erfüllt sein. Das Projekt Strato von Red Bull wurde beispielsweise von der NASA mit einem gewissen Argwohn betrachtet. Die NASA meinte, nur sie kennen sich wirklich aus mit dem Weltall. Die Air Force zeigte sich hingegen kooperativ. Und dann gab es noch den Anzughersteller Clark, der über lange Zeit unwillig war nur einen einzigen Druckanzug an Baumgartner bzw. an Red Bull zu verkaufen. Das mag vielleicht so nicht dramatisch klingen, aber von diesem Anzug hing alles ab. Daran zeigt sich, dass jedes Projekt durch einen einzigen nicht funktionierenden Aspekt scheitern kann. Da heißt es, dranbleiben und neue Lösungen finden. Am Beispiel Baumgartner stand die Idee im Raum, ein amerikanisches Projekt mit einem russischen Raumanzug - politisch betrachtet ein kaum fassbarer Grenzgang. Schlussendlich war es dann doch nicht notwendig, die Komfortzonen so weit zu verlassen, aber in der Not kam es auch zu dieser Idee. Und die Konkurrenz schlief ebenfalls nicht. Selbst bei so einem gigantischen Projekt wie diesem gab es bereits Mitbewerber.

Der Druck stieg und Baumgartner fing an die Leistung von seinem Projektleiter Art, gemeinsam mit Red Bull Chef Mateschitz zu bezweifeln. Art sei zu weich, hieß es dann und sie brauchen einen härteren Projektleiter, der die Zügel fester im Griff hat. Baumgartner fiel diese Entscheidung gar nicht leicht, weil gerade Art mit seiner weichen Art es war, der ihn durch die tiefen Abgründe im Projekt erfolgreich durchgeführt hat. Art wurde nach einigem hin und her dann doch durch einen neuen Projektleiter ersetzt. Aber zum Staunen aller hat sich das gesamte Team gegen den neuen Leiter gestellt. Der warf ziemlich bald das Handtuch und Art wurde zurückgerufen. Sie alle haben daraus gelernt. Was sie über eine Phase hinweg als unbewusst gut empfanden, nämliche die weiche Seite von Art, haben sie dann als lebensnotwendig für den Verlauf des Projektes eingesehen. Und die fehlende Struktur und Analyse von Art konnten sie mit einer ergänzenden Führungspersönlichkeit zu Art, sicherstellen. Diese Doppelspitze erwies sich dann wirklich als Quantensprung.

Vermutlich kennen Sie diese Situation als Führungskraft. Sie haben jemanden, der vielleicht emotional menschlich agiert, aber unter Umständen die vereinbarten Ziele nicht einzuhalten im Stande ist bzw. sonst auch etwas chaotisch agiert.  

  • Versuchen Sie dann wie im Fall von Baumgartner, eine/n besser strukturierte/n MitarbeiterIn zu finden?
  • In wie weit berücksichtigen Sie die emotionalen Kompetenzen von Ihren MitarbeiterInnen bei der Bewältigung der Aufgaben? Schenken Sie den rational und gut Strukturierten mehr Vertrauen?
  • Wagen Sie es selbst als Führungskraft, Ihre weichen Seiten zu zeigen, und in ihre Arbeit einfließen zu lassen?

Das Stratos-Projekt beinhaltete von Beginn an alles, was es gibt an Emotionen, Strategien, Lügengeschichten, Gerichtsverhandlungen, Kündigungen und geschäftlichen Desastern. Was die anderen vor den Bildschirmen sehen, ist schlussendlich nur ein winzig kleiner Ausschnitt (ca. 9 min. im Vergleich zu 5 Jahren) von dem was das Projekt ausgemacht hat - ein Blick durchs Schlüsselloch. Ich persönlich kann sehr viel von diesem Projekt für mich und meine Arbeit herausnehmen. Damit will ich nicht sagen, dass ich alles gut heiße, was Red Bull tut. Ich möchte jedoch die Leistungen auch nicht mindern, sondern anerkennen was es wirklich anzuerkennen gilt.

Jedes Projekt und jeder Change ist ein Ereignis, dass uns alle fordert das Menschsein im Projekt selbst nicht zu vergessen.

Ihr Günther Wagner

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