BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Günther Wagner Headshot

Visionen zum Leben erwecken statt Ziele setzen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MANAGEMENT
xavierarnau via Getty Images
Drucken

2017-07-20-1500548708-8108472-visionenblog.png

Vor einer Woche habe ich über Ziele im Management bringen keinen Erfolg geschrieben. Zum einen stimmt es, dass heute - in VUCA-Zeiten - das Festhalten an starren Zielevereinbarungen Unternehmen zum Wanken bringt. Doch wie soll ein Unternehmen, das Management ohne Ziele handeln?

Vision als Realutopie

Es wird heute von relativen und flexiblen Zielvereinbarungen, statt fixer Ziele gesprochen. Doch das genügt meiner Erfahrung nach nicht, um das Unternehmen auf Kurs zu halten, bzw. das Unternehmen erfolgreich durch die Stürme der VUCA-Zeiten zu führen. Meinem Empfinden nach fehlt es an gelebten Visionen. Visionen werden zwar oft von Unternehmen formuliert, aber gelebt werden diese kaum.

  • Das Problem liegt zum einen an der greifbaren Formulierung klarer Visionen. Die meisten wissen streng genommen nicht, was eine Vision eigentlich ist.

  • Zum anderen werden in Verbindung mit den Visionen Zielvereinbarungen, die meinem Wissen und meiner Erfahrung nach den Visionsumsetzungsprozess tatkräftig unterstützen, falsch gesetzt. Visionen werden allzu oft mit Zielen bzw. Unternehmensstrategien verwechselt.

Die Vision wächst aus einer religiösen bzw. philosophischen Erkenntnis heraus. Es ist eine Offenbarung, eine Verkündigung bzw. eine Idee. Es ist eine gedankliche Erscheinung, die die Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive zu betrachten vermag, und damit den Weg in die Zukunft in anderer Weise zu denken im Stande ist. [wiki] Reinhold Messner, der Grenzgänger und Erfinder einer effizienten Logistik, versteht es so:

Der Wert einer Lebensform und damit auch einer Vision und den darin begründeten Teilzielen ist zu bemessen an ihrer Nachhaltigkeit, an ihrem internen Veränderungspotential, und am Reichtum und Wohlbefinden des Ganzen. [Reinhold Messner]

Was macht eine erfolgsversprechende Vision aus

Zum Einstieg kann dazu gesagt werden, dass das Silicon Valley nicht aufgrund des Technologie-Know-Hows europäischen Firmen voraus ist, sondern mehr Mut zu Visionen zeigt. [t3n]

Visionen tun weh, und wenn Visionen auf ein freundliches Kopfnicken stoßen, dann sind es keine Visionen, sondern Binsenweisheiten. [t3n]

Eine Vision zu haben, bedeutet genau zu wissen, wie man die Welt verändert haben möchte. Die Vision von Facebook lautet, jeden mit jedem zu vernetzen. Airbnb will die Welt gastfreundlicher gestalten, Google möchte der ganzen Welt alle Informationen zugänglich machen, und Uber will shared rides als Hauptverkehrsmittel etablieren. Eine Vision zu haben, bedeutet jedoch noch nicht, dass das Unternehmen besonders sozial oder idealistisch ausgerichtet sein muss. [t3n] Aber gerade in Bezug auf soziale Visionen zeigt sich, wie dynamisch und aussichtsreich Visionen sein können, wie beispielsweise bei Nelson Mandela, Martin Luther King oder Mahatma Gandhi.

Hier stellt sich mir die Frage, was konkret diesen Persönlichkeiten die Kraft gegeben hat, ihre Visionen zu finden, und daran zu glauben:

  1. Zum einen war es vielleicht die Fähigkeit, die kindliche Energie zu bewahren, der unbeirrbare kindliche Glaube, trotz großer Hindernisse etwas erreichen zu können [t3n], gepaart mit der kindlichen Experimentierfreudigkeit und Kreativität neue Wege zu finden. Im Management gibt es da und dort Anstöße, dieses in der Kindheit so kraftvolle Tun zu reaktiveren. Neue Denkschulen, wie Design Thinking und Art Thinking, versuchen die mit dem kindlichen Vermögen verbundenen Ressourcen wieder in Aktion zu bringen.
  2. Neben der Kreativität und Experimentierfreudigkeit brauchen Visionen zugleich die Kraft des Nicht-Denkens. Angelehnt an die Worte von Reinhold Messner werden Visionen durch das Vordenken im Nicht-Denken [Reinhold Messner], durch die achtsame Aktivierung der nicht-dominanten Gehirnhälfte zum Wirken gebracht, durch die Intuition genährt. Genau genommen ist das ebenfalls eine kindliche Fähigkeit. Die Intuition der Erwachsenen unterscheidet sich jedoch von jener der Kinder. Die Intuition verstärkt sich im Laufe des Lebens durch die täglich anwachsenden Erfahrungen und Eindrücke, und begleitet Erwachsene dadurch in anderer Weise als die Kinder. Leider ist der Zugang bei den Erwachsenen zu ihrer Intuition, zu ihrem Bauchgefühl, aufgrund der Überbewertung der rationalen Fertigkeiten der dominanten Gehirnhälfte, nur selten klar und deutlich zu spüren.
  3. Darüber hinaus verlangen Visionen eine Art Opferbereitschaft, das Verlassen der Komfortzonen. Gerade dieser Punkt, das Verlassen der Komfortzonen macht Eindruck auf andere. Damit gewinnt man Anerkennung, wird Vorbild und lädt zum Nachahmen ein. Entscheidend ist somit auch, in welcher Weise die Vision bzw. die mit der Vision einhergehenden Ziele angeordnet werden. Es macht einen unfassbaren Unterschied, ob die Visionen von den VisionsträgerInnen selbst gelebt und aus tiefer Überzeugung heraus gemeinsam mit den anderen aufgebaut, oder nur rein formal, technisch von „Oben herab", aus der Komfortzone heraus, ohne Selbstbetroffenheit und Gefühl angeordnet werden. [Angelehnt an einen Kommentar zu Artikel Ziele ...]

Mut, so wie dieser im Silicon Valley gerne als Visionsträger propagiert wird, ist in Bezug auf Visionen nur ein Aspekt. Angelehnt an Reinhold Messners Erfahrung als Visionär und Grenzgänger bedarf es für erfolgsversprechende Visionen eines brauchbaren Managements mit Bezug zu einer lebenswerten Welt.

Wer Verantwortung für Menschen und Güter trägt, sollte sich die Zukunft eindringlich vor Auge halten. [Reinhold Messner]

Visionen dienen u.a. dazu, die Zukunft im Gesamtblick zu erfassen, sich über die Zukunft Gedanken zu machen, nicht bloß über den eigenen Erfolg und den Erfolg des Unternehmens, sondern auch über die Umwelt, die Gesellschaft und die Folgen des eigenen Handelns in Bezug auf die Umwelt. Doch zu oft wird bloß in kurzen Zeitintervallen und begrenzt auf Eigenerfolg die Zukunft berechnet. Ressourcen wie Zeit, Energie und Geld werden dabei verschwendet. [Christian Haak]

Das stößt mich an, daran zu erinnern nicht gleich die Schuldigen zu suchen oder in einen neuen Aktionismus zu verfallen, sprich Ziele abschaffen und Visionen schaffen. Zum einen muss man sagen, dass die Bemühungen im Management, es besser zu machen, ohnehin groß sind. Es mangelt vielmehr an neuen Tools und qualitativ hochwertigen Hilfestellungen, die neuen Tools verantwortungsbewusst zum Einsatz zu bringen. Die neuen Tools, wie beispielsweise Design Thinking, Art Thinking, Achtsamkeit können nicht wie die bisherigen, meist nur rational ausgerichteten Management-Werkzeuge, in einem 1-3 Tages-Workshop erlernt werden. Die neuen Tools, worunter auch die Visionssuche fällt, benötigen eine äußerst erfahrene, ganzheitlich geschulte Begleitung. Die neuen Tools wirken eben nicht nur auf der rationalen, sondern auch auf der emotionalen Ebene.

Visionssuche wagen

Visionquest als Visionsaufbauinstrument wird kaum in Unternehmen angewandt. Die Visionssuche ist im ethnologischen Sinn eine spirituelle Praxis zur Erlangung tieferer Lebenseinsichten. [wiki] Der Ablauf ist ziemlich einfach: Es wird ein Ort gesucht, an dem die Suchenden ungestört sein können, dem Himmel in gewisser Weise näherkommen. Man verbringt dann eine gewisse Zeit ganz alleine mit sich und den Fragen für die Zukunft. Die Nahrungsaufnahme wird ebenfalls reduziert.

Man übt sich verstärkt in der Achtsamkeit, der Meditation. Man reinigt seine Gedanken, seinen Körper und öffnet sich für das Ganze, für das Leben im umfassenden Sinn. Das ist der Punkt, an dem die Vision bereit ist sich zu zeigen. Das Privatissimum, die Klausur, die ich bei Anfrage maßgeschneidert und diskret begleite, wirkt in sehr ähnlicher Weise.

Mag sein, dass Sie diese Art und Weise neue Ideen zu generieren abschreckt. Das ist durch und durch normal. Denn nur wenige Menschen im Management wagen den Blick über den Tellerrand in das Feld der allzu gerne als esoterisch abgestempelten Wirkungsmechanismen. Das kann niemandem zum Vorwurf gemacht werden. Das ist die gängige Praxis und alle, die es anders machen, werden vielleicht sogar als Spinner abgestempelt.

Doch vielleicht sollte man es wagen, die Vision anzudenken, das Management neben all dem rationalen, technischen Know-How auch in Intuition, u.a. mit Hilfe von spirituellen Erkenntniswegen, zu bilden. Ich wage das kaum so zu formulieren. Doch wenn ich über Visionen schreibe, so sollte ich mir selbst auch eingestehen, inwieweit ich es wage, Visionen auszudrücken. So stelle ich mir selbst und Ihnen die Frage: 

Was ist der größtmögliche positive Wandel in der Welt, den wir Kraft unserer Leidenschaft und Ressourcen bewirken können? 

Mit dieser Frage möchte ich diesen Artikel beenden. Mir ist bewusst, dass ich heute vielleicht mit meinem Andenken einer intuitiv ausgerichteten Vision für das Management einige unter Ihnen abschrecke. Das nehme ich mit großem Respekt an. In einer rational ausgerichteten Welt verunsichert das Nicht-Rationale enorm. Das Rationale gibt Schutz, das Altbekannte verbindet die Menschen, und jeder der sich auf etwas Neues einlässt, verliert das Vertraute und auch die Anerkennung und den Schutz der Gemeinschaft.

Vielleicht muss dieser Punkt, diese Einsicht: Angst davor zu haben, als Outsider abgestempelt zu werden, und damit evtl. Macht, Einfluss und Schutz zu verlieren, vertrauensvoll mit sich selbst geklärt sein, bevor irgendein Tool zur Verbesserung der Fähigkeiten und Fertigkeiten zum Einsatz kommt.

Ihr Günther Wagner