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Die unerwartete Revolution in Unternehmen

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Der Industriekonzern Thyssen-Krupp, das Technologieunternehmen Siemens und die Deutsche Telekom baten Peter Bostelmann, tätig bei SAP, um Unterstützung. Doch was tut Bostelmann konkret, was für diese Konzerne und andere Unternehmen so interessant ist?


Mindfulnesspraxis

Peter Bostelmann war ein effizienter Zahlenmensch und ist heute „Director of SAP Global Mindfulness Practice", sprich Achtsamkeitsdirektor. Er ist hauptberuflich dafür zuständig, SAP-MitarbeiterInnen weltweit beizubringen, wie man richtig entspannt - das glatte Gegenteil von dem, was die Silicon-Valley-Kultur nach außen hin ausmacht. Anfangs gab es Skepsis, doch dann hat sich die Achtsamkeitspraxis im Konzern zu einem Flächenbrand ausgeweitet. Das Programm ist fünf Jahre alt, und 5500 SAP-MitarbeiterInnen stehen auf Wunsch auf der Meditations-Warteliste. Bostelmann wird von 24 TrainerInnen und 50 BotschafterInnen an 20 Standorten unterstützt.

Bei SAP beginnen viele Meetings jetzt mit einer Minute Atmen - Erdung, wie Bostelmann es nennt.

Es muss einen Grund geben, warum dieses Training bei MitarbeiterInnen, wie auch beim Management so gut ankommt. Eine Studie von SAP zeigt sehr transparent, dass die durch das Achtsamkeitstraining geschulten MitarbeiterInnen seltener krank sind, engagierter, fokussierter, kreativer arbeiten und mit ihren Vorgesetzten besser klar kommen, im Vergleich zu jenen, die dieses Achtsamkeitstraining nicht absolviert haben. Auch die Studie des drittgrößten amerikanischen Krankenversicherers Aetna konnte belegen, dass mit Hilfe von Meditation im Arbeitsalltag die Krankheitskosten um 7 Prozent gedrückt werden können.

Bostelmann orientierte sich mit seinem Mindfulnesstraining an Chade-Meng Tan, der bei Google das Achtsamkeits-Programm „Search Inside Yourself" eingeführt hat. Tan´s Programm besteht aus drei Schritten:

  1. Aufmerksamkeitsschulung
  2. Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung
  3. Nützliche geistige Gewohnheiten

Als kleine Gedankenstütze bzw. als Einstieg zu diesem Thema möchte ich 3 Aspekte der Achtsamkeitspraxis, angelehnt an meinen Artikel „Slowness wird der Trend der Zukunft ...", anführen:

  • Achtsamkeit beginnt im Kleinen. Dabei, bewusst wahrzunehmen, was jetzt gerade in diesem Moment passiert - im Außen und im Inneren. Beispielsweise Sie lesen diesen Artikel. Sie nehmen wahr, dass Sie vielleicht zu schnell lesen, dass Sie vielleicht mit den Gedanken abschweifen und beim nächsten Meeting sind, oder sich über den Artikel ärgern.
  • Achtsamkeit kann mit Hilfe Ihres Körpers relativ schnell erfasst werden. Ihr Atem, Ihre Sitzhaltung, Ihre angespannten oder zu schlaffen Muskeln, Ihre gebeugte Haltung, Ihre hochgezogenen Schultern, ein mögliches Bauchzwicken, ... zeigen Ihnen sofort in diesem Moment, was jetzt gerade los ist. In diesem Moment entsteht eine Lücke im Denken. Das eröffnet für einen Moment einen erweiterten Denk- und Handlungsraum.
  • Das klingt eigentlich sehr einfach. Doch die Achtsamkeit wird durch 5 Aspekte gehindert bzw. verzerrt, die jeden von uns zu jeder Zeit beeinflussen und begleiten. Deshalb bedarf es einer Schulung, so wie es Tan und Bostelmann erfolgreich bei Google und SAP initiieren.

Auch Apple, BASF, Vodafone oder DM, um nur einige zu nennen, nutzen Meditation, um die Selbstwahrnehmung sowohl der MitarbeiterInnen als auch der Führungskräfte zu stärken, Konflikte besser zu lösen, zielfokussierter zu arbeiten und akzeptable, wertebewusste und nachhaltig wirksame Entscheidungen zu treffen.[8] Der Lebensmittelkonzern General Mills gilt sogar als Musterbeispiel für einen Konzern, der Meditation und Yoga in die Firmenkultur integriert. Die Nachfrage war dort so groß, dass das Unternehmen veranlasst hat, ein eigenes Institut zu gründen. Zu ihren Kunden zählen u.a. Procter & Gamble wie auch die US Airforce.

Doch in der deutschen Firmenwelt ist die Achtsamkeitspraxis noch relativ wenig verbreitet. Es hat einen religiösen Beigeschmack, und schreckt deshalb viele Unternehmen ab. Schade, denn der persönliche und auch unternehmerische Gewinn, und damit meine ich nicht bloß den finanziellen, sondern viel mehr auch den Wohlfühlgewinn und die psychische Gesundheit kann mit Achtsamkeitspraxis im Berufsalltag deutlich verbessert werden. So sagt Ray Dalio, Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater Associations:

Wenn ich meditiere, dann öffnet sich mein Geist, es entspannt und erdet mich. Meditation war mehr als alles andere in meinem Leben der wichtigste Faktor für jeden Erfolg, den ich hatte.

Kurt Faller, Management-Coach, bewertet die bisher laufenden Achtsamkeits-Programme grundsätzlich positiv, doch von einem „Achtsamen Management" kann bei vielen noch nicht gesprochen werden. Dafür müssen drei Ebenen der Achtsamkeitspraxis ineinandergreifend wirken:

  • Die Ebene der Selbstführung
  • Die Ebene des achtsamen Führens
  • Die Ebene der organisierten Achtsamkeit

Die Ebene der Selbstführung, und damit insbesondere der persönlichen Stressbewältigung, ist meiner Meinung und Erfahrung nach grundvoraussetzend, damit die beiden anderen Ebenen darauf aufbauend bzw. ineinandergreifend wirken können. Denn ohne Selbsterkenntnis und der damit zusammenhängenden Einsicht über die emotionalen Befindlichkeiten und empathischen, mitfühlenden Empfindungen für andere, ist der Weg hin zu einem achtsamen Führen nicht offen. Tan will mit Achtsamkeit ebenfalls nicht nur die Leistung der MitarbeiterInnen steigern, sondern auch helfen, das Gute in jedem zu finden - ebenso in den Führungskräften. Deshalb lautet Tans Jobbeschreibung: Gemüter erleuchten, Herzen öffnen, Weltfrieden schaffen. Genau dieser Ansatz mag zwar viele im Management abschrecken, aber genau darum geht es eben auch.

Es geht nicht bloß um Effizienzsteigerung mittels Achtsamkeit, sondern auch um Steigerung der Menschlichkeit im Arbeitsprozess. Die beiden Seiten gehören zu ein und derselben Medaille.

So hat laut einer weltweiten Studie von Regus, dem weltweiten Führer von innovativen Arbeitsplatzlösungen, seit Beginn der Wirtschaftskrise der Stress am Arbeitsplatz deutlich zugenommen. Es heißt in dieser Studie, dass die zunehmende Gewinnfixierung der Unternehmen für 35% der ArbeitnehmerInnen in Deutschland einen erheblichen Stressfaktor darstellt. Eine Studie der AOK zeigt die Auswirkungen ebenso deutlich mit den Folgen, dass daraus in Deutschland jährlich ein wirtschaftlicher Schaden von mindestens acht Milliarden Euro entsteht.

Die Studie des Managementzentrums St. Gallen belegt, dass 82% der Führungskräfte die Notwendigkeit für einen radikalen Richtungswechsel im Management einsehen und für unabwendbar halten. Bostelmann, Tan, u.a. sind vielleicht die VorreiterInnen und Vorbilder einer möglicherweise weltweit anbahnenden Strömung. Auch der Management-Denker Fredmund Malik fordert eindringlich ein Umdenken im Management, um mit der Komplexität und den Herausforderungen menschenwürdiger umzugehen. Lt. Bostelmann ist das der Anfang einer neuen Arbeitsweise. Statt auf dem Smartphone Fotos mit Filtern zu überziehen und auf Likes zu warten, werden die Menschen beispielsweise in der U-Bahn sich in Achtsamkeit üben, die Augen schließen und ruhig atmen.

Zum Abschluss von diesem Artikel möchte ich Sie einladen, 2 geführte Mediationen kennenzulernen, die bei ausreichender Praxiserfahrung helfen in stressigen bzw. unangenehmen Situationen Ruhe und Klarheit zu finden. In diesem Artikel schreibe ich nur ganz kurz, um was es geht. Wenn diese Meditationen mit Hilfe eines erfahrenen Trainers/Trainerin gut verinnerlicht sind, dann genügen bei Bedarf wenige Sekunden um deren Wirkung zum Einsatz zu bringen. Das heißt aber auch nicht, dass bei Verinnerlichung der Praxis, die Wirkung für immer vorhanden ist, und man jederzeit auf Abruf darauf zurückgreifen kann. Es ist mit der Achtsamkeit so wie bei SportlerInnen. Es braucht ein regelmäßiges Training, um die Kondition halten zu können. Am Anfang benötigt jedes Training vielleicht mehr Engagement, aber irgendwann gehört es zum Lebensalltag. Dann kann Achtsamkeit wirklich äußerst kraftvoll wirken.


2 Beispiele geführter Mediationen

Seemeditation

Tan führt seine Achtsamkeits-KursteilnehmerInnen beispielsweise zu der Vision eines klaren Bergsees. Ich kenne diese Vision von Jon Kabat Zin, emeritierter Professor an der University of Massachusetts Medical School in Worcester. Bei der Achtsamkeitsübung „See" lernt man, die Ruhe in der Tiefe eines Sees wahrzunehmen. Man nimmt wahr, wie beispielsweise die Oberfläche des Sees durch ein Gewitter stark in Unruhe ist. Man merkt, dass man jedoch nicht an der Oberfläche bleiben muss. Der See besteht eben nicht nur aus der Oberfläche, sondern geht auch in die Tiefe. Und in der Tiefe des Sees bleibt es beispielsweise trotz Gewitter ruhig.

Diesen inneren Ort der Stille kann man bei ausreichender Meditationserfahrung in Stresssituationen auf Abruf aktivieren.


Bergmeditation

In ähnlicher Weise wirkt die Bergmeditation von Jon Kabat Zin. Hier geht man in die Vorstellung ein Berg zu sein, fest wie ein Berg in der Umwelt zu stehen, mit einer kraftvollen Mitte. Es mag sein, dass ein starker Sturm um den Berg weht. Es mag sein, dass die Sonne unangenehm auf den Berg brennt. Unerschütterlich mit Ruhe übersteht der Berg jedes Ereignis. Im Gegenteil, der Berg erfreut sich an den Abenteuern, weil er weiß, nichts kann ihn in der Tiefe wirklich erschüttern. Er steht fest verankert im Boden, an seiner Oberfläche mag es Unangenehm sein, aber kein Ereignis währt ewig, und die Tiefe bleibt unantastbar und damit unerschütterlich.

Mit entsprechender Praxis kann man sich jederzeit die Kraft des Berges holen. Aus dieser Haltung heraus können unangenehme Situation mit mehr Geduld und Einsicht wahrgenommen und entsprechend einer entspannten Haltung anders gehandelt werden.

Wir sind nie frei von Bedingungen, wir sind aber immer frei, wie wir uns zu den Bedingungen einstellen. [Viktor E. Frankl]

Diese beiden Beispiele, die See- und die Bergmeditation veranschaulichen nur einen Bruchteil von dem, wie Meditation und Achtsamkeit trainiert werden kann. Das was vermutlich viele von Ihnen kennen, ist die stille Meditation. Das schließen der Augen und wahrnehmen, beispielsweise vom Atem. Das ist ein außerordentlich wichtiger Grundbaustein, der aber mit Hilfe von geführten Meditationen sehr gut ergänzt und erweitert werden kann. William James war ein Verfechter der Achtsamkeit, und erkannte deshalb sehr gut, wo es hacken könnte:

Niemand sei bei klarem Verstand, der nicht das Vermögen besitzt im Zustand der Achtsamkeit zu handeln. Eine Erziehung, die dieses Vermögen ausbildet, wäre die Erziehung par excellence. Doch ist es leichter, dieses Ideal zu definieren, als praktische Anleitungen zu seiner Verwirklichung zu geben.

Mit diesen Worten beende ich diesen Artikel. Möge die Achtsamkeit nicht bloß rational als neues Management-Tool gehypt werden, und von unzureichend geschulten TrainerInnen und Coaches weitergegeben werden, sondern auf hohem Niveau mit entsprechender Achtsamkeit hautnah und emotional erlebt, erfahren und in den Arbeitsalltag integriert werden.

Ihr Günther Wagner

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