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Die Macht vom Restrisiko

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"Wir leben heute in einer Welt des relativen Reichtums und der absoluten Ungewissheiten. Keiner hat sein Los in der Tasche. Es wird immer neu gezogen. Eine flatterhafte Gesellschaft und die sich selbst beschleunigende Technik ergeben einen Problemcocktail, dessen Wirkung sich der Vorhersage weitgehend entzieht."

So formulierte es Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblattes. Das Leben und Wirken von heute fördert die Geburt der Schwarzen Schwäne.

Diese verkörpern das Restrisiko, die lebende Wahrscheinlichkeit, dass es anders kommen kann, als man angenommen hat. Viele werden jetzt vermutlich sagen, das wissen wir doch ohnehin! Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schwarzer Schwan auftritt ist dennoch gering, und falls dieser Vogel tatsächlich auftreten sollte, dann hat man eben Pech gehabt.

  • Ist jedoch bekannt, dass das Restrisiko, sprich die Geburt von Schwarzen Schwänen sich erhöhen kann?
  • Ist bekannt, dass wir selbst u.a. sogar die Quelle, die Auslöser dafür sind, dass das Restrisiko ansteigt?

Die Geburt der Schwarzen Schwäne

Einer, der den Begriff „Schwarzer Schwan" populär gemacht hat, ist Nassim Nicholas Taleb. Er arbeitete u.a. als Spezialist für komplexe Finanzderivate in mehreren Wall-Street-Unternehmen, bevor er eine zweite Karriere als Wissenschaftler/Forscher in den Bereichen Statistik, Zufall und Epistemologie begann. In dem 2007 erschienenen Bestseller, der Schwarze Schwan, prognostizierte er die Finanzkrise, die dann tatsächlich eintrat. Taleb beschäftigt sich mit den Methoden zur Berechnung und Interpretation von Zufallsereignissen und dem Umgang mit unvorhersehbaren seltenen, aber wirkungskräftigen Ereignissen - den Schwarzen Schwänen.

Taleb ist der Meinung, dass viele, insbesondere auch EntscheidungsträgerInnen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Opfer einer Illusion sind. Sie überschätzen den Wert rationaler Erklärungen für beobachtete Daten, und unterschätzen das Auftreten unerklärbarer Zufälligkeiten in genau diesen Daten. Taleb kommt zu dem Schluss, dass wir viel weniger wissen als wir meinen zu wissen, und wir die Vergangenheit nicht dazu benutzen sollten, die Zukunft zu prognostizieren.

Nach Taleb sollten wir unsere Überzeugungen nicht nach ihrer Plausibilität bewerten, sondern nach dem Schaden den sie anrichten können.

Steingart schreibt, dass es in den vergangenen zehn Jahren zu einer spürbaren Zunahme von Freak-Events kam - sprich das Verrückte, das Unwahrscheinliche, der Schwarze Schwan zum Leben erwacht. Bisher waren die Ängste größer als die Wirklichkeit, aber das gilt so nicht mehr. Die Wirklichkeit überholt aktuell die Ängste. Bei Auftauchen eines Schwarzen Schwans werden schnell Schuldige gefunden, u.a. ein Seebeben. Aber das ist beispielsweise gegenüber dem Seebeben äußerst unfair. Früher schlugen die Wellen auf eine unberührte Küste. Heute hat man dem Meer, u.a. in Japan, eine als Kraftwerk getarnte Atombombe in den Weg gebaut. Das lockt, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, die Schwarzen Schwäne an.

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Das Gegenstück zum Restrisiko der Kraftwerksbetreiber in Japan war das systemische Risiko des neuen Bankensystems. Die Komplexität, und damit auch der Geburtenanstieg von Schwarzen Schwänen ist Menschenwerk. Uran als Brennstoff war kein Gotteseinfall. Die Produkte der Investmentbanker wirken unterschwellig ebenso als Geburtshilfen für Schwarze Schwäne wie die Kommunikationsmittel des 21. Jahrhunderts. Steingart und Taleb kritisieren nicht die Unwissenheit der Menschen in Bezug auf das Wirken der Schwarzen Schwäne, sondern viel mehr die Ignoranz darüber, diese zu leugnen.

Der Schwarze Schwan im Kleid der Fortuna

Mit den Schwarzen Schwänen hat es jedoch noch etwas auf sich. Schwarze Schwäne stehen nicht nur für die scheinbar unerwarteten Ereignisse, die schwerwiegende bis dramatische Folgen mit sich ziehen. Schwarze Schwäne werden vielleicht sogar bevorzugt als Hoffnungsträger gesehen. Man setzt auf das Schicksal, auf die Zufälligkeit und bittet Fortuna um das Glück des Zufallstreffers. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, sucht man sogar die Schwarzen Schwäne, und fordert diese heraus sich zu zeigen. So gesehen ist der Schwarze Schwan ein Paradoxon. Zum einen wird der Schwarze Schwan negiert, zum anderen hofft man auf das Glück. Beide Aspekte laufen meist unbewusst in uns ab, und damit scheinbar nicht existent. Das ist nicht verwerflich, sondern schlichtweg menschlich.

Menschen neigen dazu, die Karte fälschlich für das Territorium zu halten. Man konzentriert sich auf die Karte, man gibt der Karte sogar den Vorzug. Die geordneten Strukturen der Karte werden der ungeordneten Lebensnatur vorgezogen. Wenn dann aufgrund dieser begrenzten Sichtweise ein Fehler passiert, dann erkennen wir diesen leider erst im Rückblick. Dabei sehen wir wiederum nur die augenfälligen und sichtbaren Konsequenzen. Die unsichtbaren, nicht ins Auge stechenden Konsequenzen nehmen wir weiterhin nicht wahr.

Die lineare Welt gibt es eben nur in den Klassenzimmern und Lehrbüchern. In der Wirklichkeit ist die Linearität eine Ausnahme. Und doch kann man sich von der Sichtweise der Linearität nicht trennen. Menschen wollen das als Real ansehen, um das Leben erklärbar zu machen. Menschen versuchen damit die Zufälligkeiten - Negative wie auch Positive - in den Griff zu bekommen. Man glaubt lieber dem Eigenanteil am Erfolg, der bis zu einem bestimmten Maß sicher auch gegeben ist, als dem Zufall bzw. Glück. Der Internet-Partnermarkt ist ein Beispiel dafür, dass man sogar das Glück in der Liebe wie mit einem Systemlottoschein zu erkaufen glaubt.

Das was jeder einzelne über das Glück und die Existenz der Schwarzen Schwäne glaubt, das prägt das Denken und Handeln maßgeblich.[9]

Werden die Schwarzen Schwäne ignoriert, vertraut man lieber nur den Karten, den Plänen anstatt der gesamten uns alle umgebende Natur. Von diesem Standpunkt aus werden andere Entscheidungen getroffen, als wenn man Schwarze Schwäne bewusst als Wegbegleitung wahrnimmt. Das verlangt Reflexion, das verlangt Demut, Achtsamkeit und ein entsprechendes Risikomanagement in Verbindung mit der Überwindung von Weiterbildungs-Allergien.

Der Schwarze Schwan liebt die Hasardeure, meidet jedoch die Nachdenklichen.

Diese Aussage von Steingart mag sicher nicht nur urteilen, sondern vielmehr wachrütteln - insbesondere jene in der Wirtschaft. Die Karte ist eben nicht das Territorium. Auf der Karte findet sich vermutlich kein einziger Schwarzer Schwan. In der Karte zeigen sich vermutlich auch keine Emotionen und andere menschliche Regungen. In der Karte werden die Folgen der Klimaerwärmungen vielleicht ganz klein irgendwo erwähnt. Migrationsströme zeigen sich vermutlich auch nur in der Fußnote, und die Digitalisierung wird unter Umständen wie eine linear abzuarbeitende Notiz angefügt - mit dem Hinweis: Wenn man brav nach Plan vorgeht, dann wird die Digitalisierung gelingen. Die möglichen Folgen, die Geburt zahlreicher Schwarzer Schwäne werden übersehen bzw. nicht so schlimm gesehen. Dann mag es heißen: Das sind doch nur die SchwarzmalerInnen, die wollen bloß alles negativ machen. Von einem Standpunkt aus stimmt diese Aussage, aber von einer anderen Seite aus betrachtet, sieht man auch die Schatten der Erfolge. Der bewusste Blick zum Schatten ist meist jedoch so unangenehm, vielleicht sogar erschütternd, dass man schnell wieder wegsieht.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.pngDie wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Ich weiß, das ist alles andere als das, was man in der Wirtschaft als erfolgsversprechende Zukunftsprognosen mit entsprechenden Handlungshinweisen sucht. Das mag viele abschrecken, das mag Kritik auslösen. Das mag anfangs vielleicht sogar genau das Gegenteil bewirken - das bewusste Negieren der Schwarzen Schwäne, unbewusst geht jetzt nicht mehr. Und gleichzeitig ist es genau das, was es braucht - ein Rütteln. Ob wir wollen oder nicht, wir verlassen die Komfortzonen nicht, solange es gemütlich ist. Das ist menschlich normal, und braucht genauso Respekt wie der Schwarze Schwan, der irgendwann jeden einmal im Leben trifft - manche mehr andere weniger. Das mag Zufall, Glück bzw. Pech sein. Doch man kann daran arbeiten, das Glück einzuladen und gleichzeitig den Schwarzen Schwan nicht auszusperren. Dabei fällt mir ein ganz bestimmtes Märchen ein:

Es war einmal ein König, dem seine Frau nach langer Zeit endlich ein Kind gebar. Der Vater war überglücklich, und wollte für seine Tochter die besten Gaben des Lebens: Reichtum, Schönheit, Klugheit, ... Seine Gaben-Wünsche konnten die 13 Feen des Landes erfüllen. Eigentlich gab es für jedes Menschenkind bloß 2-3 Gaben, doch die Feen, reich beschenkt vom König, wollten ihm alle Wünsche gewähren. Dazu gab der König ein großes Fest, für welches er veranlasste, ein außerordentliches Tafelgeschirr eigens für die Feen anzufertigen. Doch bei der Produktion von diesem kam es zu einem Problem. Es konnten nur 12 Teller hergestellt werden. Und so kam es, dass der König die 13. Fee, die Schicksalsfee, wieder ausladen ließ. Der König meinte, das wäre ohnehin nicht schlimm, die 13. Fee hätte seiner Tochter im Vergleich zu den anderen Feen kein wirklich wertvolles Geschenk überreicht. Wer braucht schon das Schicksal, das Wissen über die dunkle Seite des Lebens, wenn seine Tochter all die wunderbaren Gaben der 12 anderen Feen bekommt?! Doch das wurde dem Königreich, wie sicher die meisten von Ihnen Wissen, zum Verhängnis.

Ich wage jetzt die Aussage, dass es in der Wirtschaft auch nicht so viel anders ist. Das Märchen interpretiere ich sicherlich in meiner sehr persönlichen Weise. Mag sein, dass Sie das Märchen anders verstehen. Doch eines möchte das Märchen sicher allen sagen: Das Leben lässt sich nicht alles vorschreiben. Das Leben als Ganzes hat eine enorme Kraft, die wenn wir es nicht achten, in der einen oder anderen Weise etwas lauter auf sich aufmerksam machen wird - unter Umständen in einer Weise, wo dann die nächste Generation, Ihre und meine Kinder, ähnlich wie im Märchen, für die Ignoranz der Eltern büßen müssen.

10 Prinzipien im Umgang mit Schwarzen Schwänen

An diesem Punkt möchte ich noch einmal die Aussage von Taleb heranziehen, weil diese meinem Empfinden nach wirklich den Kern im Umgang mit den Schwarzen Schwänen trifft. Er ist der Meinung, dass wir unsere Überzeugungen, unsere Pläne, unsere Entscheidungen nicht nach ihrer Plausibilität bewerten sollten, sondern nach dem Schaden den sie anrichten können.

Taleb hat 10 Prinzipien im verantwortungsbewussten Umgang mit Schwarzen Schwänen abgeleitet. Er meint, dass die Schwarzen Schwäne umgänglich sind - sofern man diese nicht ignoriert. Seine Prinzipien mögen den einen oder anderen unangenehm Aufstoßen - das tut es selbst bei mir. Hier geht es jedoch meinem Empfinden nach weniger darum, seine Prinzipien eins-zu-eins zu übernehmen, sondern zu reflektieren - das eigene Verhalten und das Verhalten im Unternehmen, intern und global, und ebenso im Umgang mit den Ressourcen unserer Welt. Taleb spricht vom robusten Umgang mit den Schwarzen Schwänen, das heißt für ihn:

  1. 1. Nichts darf je zu groß werden, um zu scheitern.
  2. 2. Wenn die Verluste sozialisiert werden, dürfen die Gewinne nicht privatisiert werden.
  3. 3. Man sollte mit klugen Leuten zusammenarbeiten, mit solchen, die nicht nur an Macht und Gewinn interessiert sind.
  4. 4. Jemandem, der eine Leistungs-Prämie bekommt, darf man beispielsweise nie die Leitung eines Atomkraftwerks übertragen.
  5. 5. Komplexität sollte durch Einfachheit ausgeglichen werden. Es geht nicht um Vereinfachung der Komplexität, sondern um eine Balance zwischen komplex und einfach.
  6. 6. Es braucht weit mehr Schutzprogramme für komplexe Finanzprodukte.
  7. 7. Es sollte nie nötig sein, dass der Staat das Vertrauen wiederherstellen muss.
  8. 8. Die Wirtschaft, insbesondere die Finanzwirtschaft vergleicht er mit einem Süchtigen. Und einem Süchtigen, der unter Entzugserscheinungen leidet, darf man keine weiteren Drogen geben. Der braucht einen Entzug in einer Reha.
  9. 9. Das wirtschaftliche Leben sollte entfinanzialisiert werden. Man sollten lernen, die Märkte nicht als Lagerhäuser für Werte zu benutzen.
  10. 10. Das Wirtschafsleben muss wieder eingehender mit der biologischen Umgebung im Einklang wirken. Es braucht mehr Respekt für die Mutter Natur.

Seine Prinzipien sind vielleicht für viele im Business unrealistisch in der Umsetzung. Ich persönlich sehe es so, dass ein erweiterter Blick mit mehr Achtsamkeit und Demut auch schon einiges bewirken kann - sofern man bereit ist daran zu glauben, dass Schwarze Schwäne existieren und auch kommen können. An dem Punkt möchte ich wirklich niemandem zu nahetreten. Es ist eine persönliche und zu respektierende Haltung, ob man den Anstieg von Restrisiken, das vermehrte Auftauchen von Schwarzen Schwänen anerkennt oder nicht.

Neugierde ist vielleicht gerade hier an diesem Punkt eine helfende Hand. Leider zeigt sich jedoch in vielen Studien, dass gerade die Neugierde jenseits des 20. Lebensjahres nachlässt - wenn diese nicht schon während der Schulsozialisierung durch rigide Pläne an Kraft verloren hat. Eine schwache Neugierde, ein kaum vorhandener Blick über die eigenen Weltanschauungen hinaus, hindert aber tatsächlich das Wahrnehmen der Schwarzen Schwänen, und im selben Atemzug auch die Wahrnehmung von positiven Zufällen - die, so nehme ich an, gewiss nicht ignoriert werden wollen.

Und so lande ich wieder einmal bei der Einsicht: Man sollte sich selbst besser wahrnehmen, sich selbst besser spüren - mit den positiven und negativen Befindlichkeiten wie auch mit den aufkommende Widerständen, beispielsweise in der Auseinandersetzung mit den Schwarzen Schwänen. Und erst dann kann man einen Schritt weiter gehen, die Herausforderungen sehen und neue Wege einschlagen.

Ihr Günther Wagner

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