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Die Clownmethode

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Ein vielversprechender Ansatz im Umgang mit Fehlern

Fehler will niemand machen. Die Sorge zu scheitern sitzt jedem im Nacken. Wenn ein Fehler passiert, dann versuchen viele den Fehler irgendwie zu überspielen, den Fehler unsichtbar zu halten und darüber zu schweigen. Der Druck fehlerfrei, perfekt zu sein, lastet auf allen - auf den Führungskräften genauso wie auf MitarbeiterInnen. Doch dieses nach außen hin gespielte Bild der Perfektion erschafft eine verzerrte Wirklichkeit. Niederlagen vermeiden leugnet die Tatsache, dass Stolpern zum Leben gehört. Das führt in Folge dazu, dass Führungskräfte wie auch MitarbeiterInnen zu Notlügen greifen und manche sogar bewusst betrügen.

Karl-Theodor zu Guttenberg hat getäuscht, um andere nicht zu enttäuschen.

Dieses verzerrte Bild der Fehlerlosigkeit ist vor allem ein deutsches Problem. So liegen Deutschland und Singapur in Bezug auf die Fehlertoleranz im Vergleich mit 61 Ländern auf den letzten beiden Plätzen. Amerikanische Führungskräfte gehen mit einem Scheitern etwas anders um. Sie sprechen Ihr Scheitern sogar deutlich offen aus:

In Amerika gilt, nur wer schon mal richtig auf die Nase gefallen ist, ist eine gute Führungskraft.

Das soll selbstverständlich nicht der Aufruf sein, Fehler zu verherrlichen. Olaf Morgenroth spricht auch offen davon, dass es Fehler gibt, aus denen man nichts lernen kann. Abgesehen davon führt eine zu hohe Fehlertoleranz dazu, dass man aus Fehlern nicht lernt. Es geht eben nicht darum, Fehler zu machen, sondern mit gemachten Fehler verantwortungsbewusst umzugehen. Entscheidend ist, mit welchen Einsichten und welcher Haltung man nach einem Scheitern wieder aufsteht. Und da gibt es Menschen, die das Aufstehen nach einer Pleite in professioneller, verantwortungsvoller, humanistischer, unermüdlich sich weiterentwickelnder Weise kultivieren - Clowns.

Clowns sind FehlerexpertInnen

Clowns haben die Fähigkeit, jedes Scheitern als Chance zu sehen. Clowns gehen sogar so weit, dass alles was ein Clown anfasst, zuerst einmal zum Problem, zum Scheitern wird - ein entscheidender Punkt, worin gleichzeitig die Lösung liegt. Für viele Menschen sind Probleme, und die damit verbundene Sorge Fehler zu machen, der Aufruf in den Kampf dagegen zu gehen. Der Clown hingegen ist in der Lage, das Problem, das mögliche Scheitern spielerisch anzunehmen, sich vom Scheitern inspirieren zu lassen und neue Wege zu gehen. Chuck Jones, der Zeichner von Bugs Bunny ist überzeugt:

Wir lernen nicht aus Erfolgen. Wir lernen aus unseren Fehlern. Das ist zwar nicht das, was wir wollen. Aber erst wenn wir stolpern, merken wir wohin es uns wirklich treibt.

Und auch Albert Einstein, der Physiker, hat am eigenen Leib erfahren:

Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht.

Das mag für viele schon einleuchtend klingen. Das mag sogar die einen oder anderen motivieren, die Fehlerkultur im Unternehmen genauer zu durchleuchten. Aber nur wenige schaffen dann wirklich den Sprung, eine positive Fehlerkultur nachhaltig wirksam ins Unternehmen zu implementieren. Die Prägung, Fehler sind schlecht, sitzt jedem von uns tief im Nacken. Die damit verbundenen Ängste und der dadurch aufgebaute Stress erstickt leider jeden Versuch im Keim, Fehler positiv zu nutzen. Ein Clown hingegen lässt seine Ängste und den Stress zu. Deshalb versucht der Clown nicht dem Scheitern zu entrinnen, sondern steigt sogar voll in das Problem, in das Scheitern ein, und setzt sich in unterschiedlicher Weise mit diesem auseinander:

Der Clown spürt die Angst bzw. die Last der Angst vor Fehlern, die auf seinem Rücken hängt. Er spürt wie die Last ihn am Weitergehen hindert. Er verzerrt vor lauter Anstrengung sein Gesicht. Er fühlt sich gestresst. Er stöhnt, schimpft, versucht die Last loszuwerden. Er merkt, das geht nicht. Er versucht die Last einem anderen auf die Schultern zu laden. Es geht nicht. Er beginnt mit der Last zu diskutieren. Er wagt einen Blick in den schweren Sack. Mit einem tiefen Seufzer öffnet er den Sack. Er verschließt noch die Augen, dreht seinen Kopf weg. Dann wagt er es mit einem Auge in den Sack zu blicken. Zuerst sieht er nichts. Es ist dunkel. Er steckt den Kopf in den Sack. Er rührt mit der Hand im Sack herum, hat Angst, besänftigt seine Angst und redet seiner Angst gut zu. Manches was er aus dem Sack herauszieht ist gar nicht schön. Der Clown ekelt sich, schüttelt sich, verzieht sein Gesicht. Er bleibt aber neugierig. Er greift erneut in den Sack und siehe da, er findet zum großen Erstaunen auch etwas Spannendes, ....

Der Clown hat sich mit der Last der Angst vor Fehlern vertraut gemacht, und damit neue Einsichten und neues Handwerkszeug zur Lösung von Problemen und Fehlern gewonnen. An diesem Beispiel vom Clown zeigt sich die vielversprechende Qualität im Umgang mit Fehlern. In der Unternehmens-Praxis könnte das heißen: Dass beispielsweise bei einem Computer-Absturz nicht alle nur genervt herumsitzen, Angst haben die Arbeit nicht zeitgerecht fertig zu bekommen, und warten bis alles wieder läuft. Sondern man könnte den Fehler der IT nutzen, dass spontan ein außerordentliches Meeting einberufen wird - vielleicht sogar in der Eisdiele oder beim Italiener um die Ecke. Das mag jetzt bloß eine kleine Herausforderung sein. Nehmen wir beispielsweise an, in der Produktion ist ein größerer Fehler passiert und ein Kunde kann nicht rechtzeitig beliefert werden. Das hat wiederum rückwirkend Folgen auf Ihr Unternehmen. Was können Sie tun?

  • Eines ist gewiss: Alle schauen auf das Problem, auf den Fehler der Produktion. Hier bündelt sich die ganze Aufmerksamkeit. Genau das ist die Chance.
  • Die Last des Fehlers hängt am Unternehmen. Jetzt heißt es, die Angst vor dem Scheitern, Verlustängste u.a. Ängste anzunehmen, sprich die mit dem Fehler verbundene Last, den Fehler-Angst-Sack zu öffnen, und sich damit respektvoll auseinanderzusetzten.
  • Im Sack gibt es jedoch mehr als nur Ängste, Beschuldigungen, Ärger, Verleumdungen, ... Im Sack gibt es die in jedem von uns innewohnende Kraft der innovativen Fehlerbewältigung. Als Kinder waren wir Fehlerprofis. Clowns nutzen dieses kindliche Talent. Die Evolution selbst kommt auch nur mit dem Versuch-und-Irrtum-Modell voran.

Der Technikhistoriker Reinhold Bauer spricht sogar davon, dass der Erfolg die Ausnahme, und Scheitern die Regel ist. Michael Frese, Arbeitspsychologe und Fehlerforscher der Leuphana-Universität in Lüneburg unterstützt die Meinung von Bauer. In Japan zeigt man sich gegenüber Fehlern sogar schon offener als in Deutschland. Kaizen nennt sich die Fehlerphilosophie, bei der die Verbesserungen in Zusammenhang mit gemachten Fehlern im Fokus stehen, und weniger die Verurteilung von Fehlern. Aber wie schon eingangs in meinem Beitrag erwähnt, heißt das nicht, Fehler zu verherrlichen. Abgesehen davon bedarf es einer entsprechenden Unternehmenskultur, eine positive Fehlerkultur, so dass aus Fehlern tatsächlich erfolgsversprechend gelernt werden kann. Eines zeigt sich jedoch in der Auseinandersetzung mit Fehlern deutlich:

PerfektionistInnen trifft ein Fehler besonders schlimm.

Der/die PerfektionistIn trägt ein sehr hohes Soll in sich. Die Spannung zwischen dem hohen inneren Sollwert und dem tatsächlich Ist, ist für PerfektionistInnen oft unerträglich. So gesehen versuchen PerfektionistInnen keine Fehler zu machen. Sie versuchen alles mit 150% Einsatz zu tun, jeden möglichen Fehler aufzuspüren. Das macht aber Stress. Stress schwächt und führt in Folge zu Fehlern. Das Soll wird verfehlt. Der/die PerfektionistIn scheitert. Dieser Kreislauf ist das Hamsterrad, indem sich PerfektionistInnen täglich bewegen. Das muss das Ego aushalten und sucht nach einer Lösung. Eine davon ist das Anlegen einer Perfektions-Maske, hinter der sich das fehlerhafte Ich mit den damit verbundenen Ängsten verstecken kann. Nach außen hin gibt man sich als strahlender, fehlerfreier, erfolgreicher Held. Das darf nicht verurteilt werden, für PerfektionistInnen ist das ein Selbstschutz, der notwendig ist. Das Fatale daran ist, dass PerfektionistInnen meist nicht wissen, dass sie eine Maske tragen und sie tatsächlich meinen, man könnte fehlerlos agieren. Die Maske hindert aber jeden Lern- und Einsichtsprozess aus Fehlern.

So gesehen ist es für PerfektionistInnen wirklich wichtig, sich mit dem Scheitern auseinanderzusetzten. Das mag nicht angenehm sein, aber für das Wirken einer positiven Fehlerkultur unumgänglich. Hier ist die Clownmethode besonders vielversprechend. Mit Hilfe des Clowns kann spielerisch die Perfektion und die dahinter wirkenden Ängsten verständnisvoll, liebevoll und gewinnbringend in eine verantwortungsbewusste Art der Fehlervermeidung überführt werden. Es gibt viele Berufe, wo Perfektionismus auch wichtig ist. Die Perfektion sollte jedoch nicht zur Selbst- und Fremdausbeutung ausufern, sondern vielmehr als gute Basis zu nutzen verstanden werden. Dem Clown ist die Perfektion ebenfalls vertraut. Der Clown will eigentlich auch immer alles perfekt machen, aber merkt, dass es nicht geht. Die Fehler, eigene Fehler und von außen herangetragene Fehler, begleiten ihn, wie die Luft, die er atmet.

Der Clown träumt vom perfekten Leben. Der Clown will ein perfektes Haus, ein perfektes Auto, die perfekte Kleidung, ein perfektes Auftreten. Er trifft auf einen, der erscheint genauso perfekt, wie er es von sich selbst zu meinen glaubt. Der Clown versucht sein perfektes Haus und sein perfektes Auto ins beste Licht zu rücken. Der Clown zeigt sich im perfekten Outfit. Der Clown bewegt sich im perfektem Gang, stolpert jedoch mit seinem rechten Fuß über den Linken, und fällt auf den Boden. Der Clown ist entsetzt. Wie konnte ihm das passieren. So schnell es geht, versucht er seine perfekte Kleidung zu reinigen, während er den anderen von seinem Fehler abzulenken versucht. Die nächsten Schritte hin zu seinem perfekten Haus und seinem perfekten Auto, setzt der Clown noch konzentrierter, noch perfekter. Dabei übersieht er vollends den Tisch, der rechts von ihm steht. Der Clown bleibt mit seiner Jacke an der Tischkante hängen, und reißt sich seine Jacke auf. Er versucht nun hektisch und unauffällig seine Jacke notdürftig zu flicken. Der Clown meint, der andere hat es nicht bemerkt - super, sein perfektes Bild glänzt noch. Plötzlich fällt ein Vogel vom Himmel, verletzt sich beim Aufprall mit dem perfekten Auto vom Clown. Der Clown ist erschüttert - schon wieder ein Makel, jetzt auf seinem Auto und auch beim Vogel. Schnell und vom Unfall ablenkend reinigt er sein Auto. Den verletzten Vogel versucht er in seiner Jackentasche zu verstecken. Um diesen will er sich später kümmern, wenn der andere Perfekte weg ist. Der Vogel schreit aber, und bewegt sich wild in der Jackentasche umher. Verzweifelt versucht der Clown den Vogel in seiner Tasche ruhig zu stellen, versucht ihn unauffällig loszuwerden, ... bis er ihn irgendwann verzweifelt an sein Herz drückt. In diesem Moment vergisst er den anderen Perfekten. Der Clown beginnt jetzt dem Vogel sein Leid zu klagen. Er legt die Maske der Perfektion ab, ...

Was können Sie als Führungskraft konkret von Clowns lernen

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Viele mag vermutlich schon die Vorstellung abschrecken, von Clowns zu lernen. Jeder kennt die Figur des Clowns. Selbst jedoch ein Clown sein, bzw. sich in die Lage des Clowns hineinzuversetzen, das wollen vermutlich die wenigsten. Es geht in der Fehlereinsicht jedoch nicht darum, ein Clown zu werden, um das Scheitern besser zu verstehen. Selbstverständlich wäre das auch eine spannende Möglichkeit, aber soweit muss man nicht gehen. Man kann die, den Clowns innewohnende Kraft zu nutzen lernen:

  • Luft verschaffen, indem kräftig Luft geholt - sprich geatmet wird.
  • Ein gesundes Selbstvertrauen pflegen - sprich emotional, geistig und körperlich im Einklang mit sich sein.

Der Clown überzeugt nicht durch sein Können, sondern durch sein Sein. Der Clown findet vom Denken ins Fühlen, stabilisiert damit seine Haltung, sein Selbstvertrauen und legt so den Schatz der Kreativität frei. Er stellt sich den Kräften des Lebens. Er kann mit Druck und Gegendruck spielerisch umgehen. Er nutzt den eigenen wie auch äußeren Druck, wie das Windrad den Wind, und gewinnt neue Einsichten daraus. Auch in der Kampfkunst lernt man mit den Kräften des Lebens, mit Druck spielerisch umzugehen. Statt mit Gegendruck auf Druck zu reagieren, nutzt man den Druck (den Eigenen wie auch den Fremden), und vertraut sich der dem Druck innewohnenden Kraft an. Damit kann jede festgefahrene Situation in erstaunlich sanfter Weise aufgelöst werden. Neulinge in der Kampfkunst sind meiner langjährigen Erfahrung nach sehr oft unglaublich erstaunt, wie einfach ein Druck aufgelöst werden kann, ohne dass jemand Schaden genommen bzw. einer verloren und der andere gewonnen hätte. Dafür braucht es jedoch Übung, nicht wie so oft gemeint nur Kampfkunstübung, sondern grundvoraussetzend ein gutes Körpergefühl - genau das, was auch die Clowns praktizieren.

Ein Clown fühlt sich gut, weil er auch das Schlechte annehmen kann.

Achtsamkeit ist hierfür wiederum der Schlüssel, um das eigenen Körpergefühl, das Wirken der drei Kräfte in sich: Emotionen, Denken und Körper, besser und bewusster wahrzunehmen. Alles was wir denken, fühlen wir auch und wirkt im Körper - positiv wie auch negativ. Im Business scheint jedoch der Kopf das Sagen zu haben, die Gefühle und der Körper werden beiseitegeschoben. Auf Dauer ist das weder gesund, noch nachhaltig erfolgswirksam. Das soll absolut kein Vorwurf sein, wir alle haben es nicht anders erfahren. Das ist unsere Art und Weise im Beruf zu agieren. Gleichzeitig erleichtert es scheinbar das Agieren mit anderen. Niemand muss sich dann oberflächlich betrachtet mit den emotionalen Rührseligkeiten der anderen auseinandersetzen. Die Rührseligkeiten scheinen die objektiven Fakten und damit verbundenen Entscheidungen scheinbar nicht zu beeinträchtigen. Doch mit dieser Art zu handeln, bleiben viele Ressourcen ungesehen und ungenutzt - vielleicht genau jene, die unangenehme, weitreichende Fehler in Chancen transformieren könnten.

In der Clownmethode weicht man dem Druck nicht aus, sondern sucht ihn mit der entsprechenden Achtsamkeit.

Ihr Günther Wagner