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Furcht gebiert Furcht

30/03/2016 12:43 CEST | Aktualisiert 31/03/2017 11:12 CEST
Martin Dimitrov via Getty Images

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Die Ausübung von Macht im Sinne legitimer Herrschaft benötigt Furcht auf der Seite der zu Beherrschenden. Bereits Platon beschrieb ausführlich die wichtige Funktion des Wächterstandes, der den Philosophenkönigen im Idealstaat beizustehen hatte, um die Mitglieder des Nährstands durch seine schiere Präsenz von einer Veränderung der einzig stabilen Ordnung abzuhalten.

Aristoteles popularisierte die Vorstellung von einem Verfassungskreislauf, über den die öffentliche Ordnung immer dann einen immensen Schaden nehmen würde, wenn sich die Masse der unvernünftigen Bürger anmaßte, Politik zu machen.

Cicero mahnte vor den Gefahren, die im Verlust von Bürgersolidarität schlummerten. Augustinus und die Kirche verwiesen auf die Bestrafungen für irdische Verfehlungen durch eine letzte Instanz.

Und auch in der Moderne waren verschiedene Autoren wie Machiavelli, Hobbes, Kant oder Schmitt - jeder natürlich auf seine eigene Weise - überzeugt von der grundsätzlichen Bedeutung, die der Furcht unter den Beherrschten für die Herstellung einer öffentlichen Ordnung innewohnt.

Die Quelle der Furcht

Unterschiede gab es mit Blick auf das Objekt der Furcht: ob ein Einzelner oder ein leitendes Gremium, ob der Zwangsapparat des Staates oder sein Rechtssystem, ob individueller oder kollektiver Freiheitsverlust, ob innere oder äußere Feinde, die Quelle der Bedrohung für den Bürger wurde in der klassischen bzw. modernen Staatstheorie nicht einheitlich verortet.

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Seit Beginn des Medienzeitalters im 20. Jahrhundert ist es weniger eine Frage des Objekts als eine nach den Mechanismen der Furchterzeugung: Jedes erdenkliche Objekt kann mittlerweile zur Bedrohung werden und Furcht auslösen, wenn es durch Propaganda im öffentlichen Raum nur entsprechend inszeniert wird.

Tageszeitungen, Rundfunk, Fernsehen und das Internet spielen eine entscheidende Rolle in ihrer Funktion als Quellen von Informationen, die tatsächlich bereits konstruierte Sinnzusammenhänge darstellen. Interessant wird in diesem Zusammenhang die Überlegung, inwieweit noch von einem wie auch immer gearteten politischen Kalkül hinter der Produktion von Furcht ausgegangen werden kann.

Furcht muss nicht mehr unbedingt einem konkreten Zweck dienen

Lange Zeit diente die Furcht des Bürgers vor allem dazu, die Ausübung von politischer Macht durch wenige im Lichte einer konkreten Bedrohung für viele als angemessen und legitim erscheinen zu lassen. Im Medienzeitalter und einem fortschreitenden Prozess der Individualisierung und Entsolidarisierung scheint sich diese Konstellation ausdifferenziert zu haben.

Die Konstruktion und Verbreitung von Sinnzusammenhängen hat sich jeder Kontrolle entzogen und steht auch nicht mehr unbedingt in Zusammenhang mit der Legitimierung politischer Entscheidungen. Ebenso können Profitinteressen, aber auch Eitelkeiten oder persönliche Willkür die entscheidende Rolle für die Inszenierung von Bedrohungen spielen.

Das heißt, Furcht muss nicht mehr unbedingt einem konkreten Zweck dienen, sei dieser politisch oder wirtschaftlich definiert. Die postmoderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist der Wirkungskreis der Aufsteiger ohne Eigenschaften, ein Regime der Geltungssucht, der Selbstvermarktung sowie des ungebremsten Sendungsbewusstseins.

Und im Kontext einer nahezu ausschließlich medial vermittelten Öffentlichkeit geht es oft schlicht und ergreifend darum, an der Inszenierung von Bedrohungen teilzuhaben, um der Einsicht in die eigene Bedeutungslosigkeit zu entgehen. Abermals und in einem anderen Sinn bestätigt sich so das bekannte geflügelte Wort: Furcht gebiert noch mehr Furcht.

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