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Die türkische Sprache

04/03/2015 11:37 CET | Aktualisiert 04/05/2015 11:12 CEST
Elet1 via Getty Images

Liebes Tagebuch

Wenn man so durch Europa Richtung Asien stolpert und die verschiedenen Länder, Kulturen, Menschen und auch Sprachen betrachtet, fällt eine dieser Sprachen vollkommen aus dem Rahmen, und zwar die türkische.

Heute glaubt ja jeder, der in der Türkei Urlaub gemacht hat, drei Wochen all inclusive, dass er dieses Land so gut kennt wie Bochum oder Wuppertal, und schnell versumpft jede Diskussion über die Türkei in Döner und Kopftuch.

Lässt man all diese Aspekte allerdings ausser acht und konzentriert sich nur auf die Sprache, dann kann man nur sagen: „Ach du Schande!", wie ist so etwas nur möglich? Dabei ist das noch nicht einmal böse gemeint, sondern zeigt vielmehr die persönlichen Grenzen auf, etwas Vertrautes in diesem fremdländischen Singsang zu finden.

Spanisch, Portugiesisch oder Italienisch usw., sie alle haben etwas an sich, das es einem ermöglicht, zuzuhören und sich eine Antwort oder Verständnis zurecht zu basteln. Bei diesen Sprachen ist man immer im Stand-by Modus, beim Türkischen hingegen ist man im sprachlichen Vakuum des Universums verloren.

Wer die Melodie einer Sprache sucht, wie im Italienischen oder Französischen, er wird sie im Türkischen nicht finden, und ich weiß, wovon ich rede: Waldorfschule Flötenchor Stufe 1 und 2.

Aber hast Du schon einmal einen Türken fluchen hören? Das nimmst Du noch am anderen Ende des Universums wahr.

Ganz klar, wie in jeder Kultur, gibt es auch unter den Türken wirklich liebenswerte Leute, und jeder schätzt die Gastfreundschaft in diesem Land, aber wenn Du so auf Türkisch angesprochen wirst, weisst Du nie, macht der Dich Ansprechende einen Witz oder musst Du um Dein Leben rennen?

Ein Italiener quatscht Dich ins Koma und bei einem Holländer musst Du immer schmunzeln, weil es so ein gestammeltes Etwas ist. Einen Engländer hingegen verstehst Du schon von Geburt an und ein Franzose klingt wie das Philharmonische Orchester persönlich. Aber ein Türke, da schaffst Du es einfach nicht, eine sprachliche Verbindung herzustellen, weil Du Dich schlichtweg nicht hineinhören kannst.

Selbstverständlich ist das kein Qualitätsurteil und sagt nichts über die Menschen aus, die Sprache ist Teil der Kultur und verdient den gleichen Respekt wie jede andere.

Aber dennoch, wenn es rein um Beziehungen geht, fragst Du Dich doch, wie sagt man da: „ Ich liebe Dich?" Das kann doch niemals so klingen, als ob man es ernst meint? Wie kann man sexuelle Bedürfnisse so zum Ausdruck bringen, dass es für jemanden, der die Sprache nicht spricht oder versteht, klar rüber kommt, ohne dass er um sein Leben fürchten muss? Händchen zu halten und sich beim Spaziergang anzulächeln ist eine Sache, aber seine Gefühle verbal zu äußern? Leidenschaft klingt einfach anders!

Also, alle Türken mögen es mir nachsehen, keine Ahnung ob es stimmt, aber wenn Du so im Internet nach Übersetzungen von Deutsch zu Türkisch sucht, kannst Du Dich nur wundern, dass da überhaupt etwas zustande kommt.

"Ich liebe Dich" heisst "Ben seni seviyorum". Meine Güte, da ist ja nichts dran, was Dir auch nur annähernd vertraut vorkommt.

Selbst ein einfaches "Guten Morgen" kommt als "günyadin" rüber, Günya was?, lässt Dich nur verzweifeln. "Willst du mich heiraten?" meint "benimle evlenir misin??". Na denen kannst Du nur das Beste wünschen und hoffen, dass Ihre Beziehung auch über die Hochzeitsnacht hinaus noch anhält.

Ob es überhaupt möglich ist, in der Sprache einen kurzen Lebenslauf zu schreiben, darf bezweifelt werden.

Wer von uns hat nicht schon einmal einen türkischen Film mit deutschem Untertitel gesehen? Also, da rede ich nicht von vom Winde verweht oder James Bond. Einfach nur zwei Minuten Mustafa-TV, das hat es in sich.

Egal, was Du Dir anschaust, Du möchtest am liebsten gleich umschalten. Überwindest Du diese Minuten und versuchst den Untertitel wegzulassen und Dich nur in die Sprache reinzuhören, ohne sie zu verstehen, es ist wie mit einem Porsche bei Tempo 300 gegen eine Wand zu fahren.

Du gleitest so in einen Trancezustand, kurz vor dem Übergang ins Koma und dem Licht am Ende des Tunnels, eine echte Nahtoderfahrung! Wie es wohl den Türken da mit dem Deutschen ergeht? Das ist eine echte Leistung, mit dieser Sprache aufzuwachsen und doch noch fähig zu sein Deutsch zu lernen; da ist ja die Mondlandung ein Kinderspiel dagegen.

Auf so einer Sprache wurde einmal ein Weltreich aufgebaut! Während wir, die wilden Horden des Nordens schon damals überall aneckten und uns jeder vom Gesicht ablesen konnte, ob ihn eine Keule oder eine Umramung trifft, geht eine visuelle Interpretation eines Türken in alle Richtungen, mit allen Möglichkeiten.

Wenn Du schon mal in der Türkei einen Einheimischen beim TÜV beobachtet hast, kurz bevor er zum Tsunami mutiert weil er sein Auto nicht drüber bringt, und siehst, was da für Gefühlsschwankungen möglich sind, bei denen jedem Westerupäer ein Valium verabreicht würde und der Klinikaufenthalt kurz bevorstünde, das ist eindrücklich.

Aufbrausende Italiener wirken da wie Schlaftabletten. Aber, und das darfst Du nicht vergessen, es liegt ganz klar an der Sprache. Einen Italiener oder Franzosen musst Du nicht verstehen, ihre Gestik, ihr Gesichtsausdruck und ihr Tonfall usw. sprechen für sich. Sollten aber jemals Ausserirdische ihren ersten Kontakt mit der türkischen Bevölkerung aufnehmen, können wir aufgrund der Sprache, einfach nur das Beste hoffen.

Eines ist an dieser Stelle gewiss, Türkisch wird niemals Weltsprache, dazu fehlt es einfach an der Melodie. Allerdings sollen wir uns auch davor hüten, Menschen und Kulturen, die nicht unserem Klangbild entsprechen, als weniger wertvoll und zivilisiert zu betrachten. Es ist vielmehr immer eine Bereicherung der eigenen Eingeschränktheit.

Dein Günter


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