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Ein Brief an alle, die mich fürs Kiffen verurteilen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SMOKES MARIJUANA
Seth McConnell via Getty Images
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Ich rauche Cannabis. Und das ist eine Botschaft an alle, die mich fürs Kiffen verurteilen.

Eine Botschaft an die, die mir in E-Mails drohen und mich wie einen Aussätzigen behandeln. Die mich wie einen Verbrecher gern an den nächsten Baum nageln würden. Und an alle, die immer nur Böses über Cannabis gehört haben. Wie mein Vater.

Ja, ich kiffe. Und nein, ich habe deswegen nicht angefangen, mir Heroin zu spritzen oder andere harte Drogen zu nehmen.

Manche sehen mich vielleicht vor ihrem geistigen Auge, wie ich mit einem Joint in einer heruntergekommenen Bude sitze. Orientierungslos und antriebslos.

Für diese Menschen habe ich Neuigkeiten: Ich bin anders, als ihr denkt. Nur weil ich kiffe, verschwende ich mein Leben nicht. Ich kann klar denken. Ich habe Ziele. Es gibt viele Dinge, die mir wichtig sind. Vor allem meine Familie.

Ich wünsche mir, dass das Thema in Deutschland endlich mit anderen Augen betrachtet wird. Objektiv. Dass die Menschen sehen, dass Cannabis vor allem positive Eigenschaften hat. Dass es glücklich machen kann. Und dass es helfen kann.

Mir zum Beispiel. Denn es gibt einen besonderen Grund, warum ich kiffe. Ich nehme Cannabis, um die Schmerzen zu lindern, die mir nach einem Motorrad-Unfall geblieben waren. Für mich gibt es keine bessere Medizin.

Cannabis hilft nicht jedem, genauso wie Aspirin nicht jedem hilft. Aber denjenigen, denen es damit wirklich besser gehen würde, wird es verwehrt. Das ist Deutschland im Jahr 2015. Kranke leiden, obwohl sie nicht müssten.

Das Cannabis-Verbot hat nichts gebracht - außer Leid und Elend für die Betroffenen. Jahrhunderte lang wurde die Cannabis-Pflanze zu medizinischen Zwecken verwendet. Bis sie eines Tages verboten wurde. Ich glaube, das ist passiert, weil sich die Cannabis-Pflanze nicht patentieren lässt - und weil sich mit ihr deshalb nichts verdienen lässt.

In vielen US-Bundestaaten gehen die Menschen in ein Geschäft, sie sagen, was ihnen fehlt und bekommen problemlos Cannabis, wenn es ihnen hilft.

In Deutschland muss jeder, der Cannabis als Medizin nutzen möchten, erst der Bundesopiumstelle nachweisen, dass er jedes gewöhnliche Arzneimittel der Schulmedizin ausprobiert hat.

Ich selbst versuchte herkömmliche Arzneimittel. Sie nahmen mir zwar Schmerzen, aber sie brachten mir auch neue, im Magen zum Beispiel. Oder Schlafstörungen, nass geschwitzt wachte ich auf.

All das musste ich über mich ergehen lassen, bevor ich Cannabis als Medizin nehmen durfte. Diese Prozedur ist eine Quälerei.

Auch andere Menschen sagen mir, dass sie gern Cannabis nehmen würden. Aber sie klagen, dass es so schwierig zu bekommen ist. Und dass sie sich schikaniert fühlen.

Die Bundesregierung hat angekündigt, dass sie etwas tun will für Patienten, die auf Cannabis angewiesen sind. Ich habe lange darauf gewartet, dass das passiert. Aber das reicht nicht aus. Die Gesellschaft muss verstehen, dass Cannabis nicht das ist, wozu viele es machen.

Damit nie mehr das passiert, was mit Robert Strauss passiert ist. Er war einer der wenigen Patienten, die wie ich die offizielle Erlaubnis zum Cannabis-Rauchen bekommen hatten. Weil andere Medikamente ihm nicht gegen die Schmerzen helfen konnten, die er hatte, weil ihm zwei Rückenwirbel nach einer Tumorerkrankung entfernt worden waren.

Aber die Polizei drangsalierte ihn. Kontrollierte ihn immer wieder. Sie stürmte seine Wohnung und nahm seine Cannabis-Vorräte mit. Er musste wieder auf die alten Medikamente umsteigen.

Weil ich ihm helfen wollte, stellte ich ihm eine Freundschaftsanfrage auf Facebook.

Er nahm sie nicht mehr an. Vor zwei Wochen ist Robert Strauss gestorben.

Video: Juristen, Mediziner und Suchtexperten: Cannabis soll endlich legalisiert werden