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Sind „Gender Studies" Wissenschaft?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GENDER
Shannon Stapleton / Reuters
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Die „Gender Studies" haben sich seit den 80er - Jahren des 20. Jahrhunderts als Fortführung der „Frauenforschung" der 70er - Jahre entwickelt. Sie kreisen um den zentralen Begriff des „sozialen Geschlechts", aber dieser Begriff wird weder biologisch im allgemeinen, noch sexualwissenschaftlich im besonderen noch soziologisch im Sinne der Rollentheorie gefasst. Das ist ein erstaunlicher Befund, weil das Nächstliegende und das eigentlich zu Erwartende hier gerade nicht der Fall ist.

Meine These dazu lautet, dass: „ "Gender" (...) als angeblich sozialwissenschaftlicher Begriff nur dann Sinn (macht), wenn der verschwiegene Bezug auf die Homoerotik berücksichtigt wird; dieser Bezug ist in „Gender Mainstreaming" enthalten, und das war so auch intendiert. Die Vorgeschichte und die Geschichte der Weltfrauenkonferenz von Beijing (1995) zeigt genau das. Man sagt „Gender" oder „Diversity" und man meint „Homoerotik", die auf diese Art und Weise neutral angesprochen und zur Geltung gebracht werden kann. Nur das ist die sprachpolitische Funktion des Gender-Begriffs, ebenso wie die des Diversity-Begriffs." (1)

Die „Gender Studies" können insgesamt als politischer Versuch gedeutet werden, insbesondere die weibliche Homoerotik, den Lesbianismus also, aufzuwerten und im gesellschaftlichen Bewusstsein zu normalisieren, und zugleich alles zu tun, um die Heteronormalität zu zersetzen, speziell in der Gestalt der heteronormalen Familie, aber auch in der der Männlichkeit in ihren verschiedenen Facetten, darunter speziell der der Väterlichkeit. Daher wird der Familienbegriff so umgedeutet, dass er nicht-heteronormale Gruppenbildungen einschließt (Diversität). Die Bedeutung der biologischen Fortpflanzung wird dabei bagatellisiert oder verleugnet, oder sie wird medizintechnisch oder juristisch ermöglicht, um Normalität fingieren zu können.

Die Gender Studies sind erst nach jahrzehntelanger Selbstisolation zum Thema der Kritik geworden, weil die Gender Studies zunehmend in andere Disziplinen migrieren, wofür Stellen zu schaffen sind, und diese Kritik hat nun apologetische Reaktionen hervorgerufen, die in Artikeln des „Tagesspiegels" in Berlin veröffentlicht wurden und werden. Neben der wissenschaftlichen Auseinandersetzung geht es somit unvermeidlich um materielle Interessen.

1 Kritische Anmerkungen zu Ilse Lenz

Ilse Lenz hat am 1. September 2015 unter der Überschrift „Keine Angst vorm bösen Gender"
einen Artikel im Tagesspiegel veröffentlicht, der polemisch abwehrend auf eine vermeintlich polemische Kritik an den sogenannten Gender Studies eingeht:

„Man wundert sich schon über selbst ernannte wissenschaftsferne (Hass-)Prediger, die beliebig festlegen wollen, was „unwissenschaftlich" sein soll. Wie steht es angesichts der massiven Abwertungs- und Abschaffungskampagne und besonders der Bedrohung von Forscher_innen heute um die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Forschung in der Bundesrepublik?" (2)

Und sie behauptet (ebd.):
„Selbstverständlich ist Kritik an der Geschlechterforschung wichtig und willkommen, aber sie sollte auf ernsthafter inhaltlicher Auseinandersetzung beruhen."
Diese Behauptung ist nicht mehr als eine Schutzbehauptung, denn sie steht im Widerspruch zu den Tatsachen. Dafür gibt es einen aktuellen Beweis, nämlich das Verhalten der Philipps-Universität Marburg, auf das Prof. Kutschera mit einer Absage reagierte (3).

Und was die Prüfung der Wissenschaftlichkeit der Gender Studies angeht, behauptet sie:
"Diese haben die deutschen Wissenschaftsinstitutionen wie die Universitäten, die relevanten Fächer und die DFG vollzogen. Im Ergebnis haben sie die Geschlechterforschung nach langen Debatten und einer Reihe von Evaluierungen aufgenommen und institutionalisiert."

Wenn das so sein sollte, dann sollten die Wissenschaftsinstitutionen doch die entsprechenden Prüfverfahren und -inhalte publizieren, so dass Dritte erkennen können, wer da wann was anhand welcher Kriterien geprüft und wie bewertet hat. Ich habe zum Beispiel stichprobenartig und vergeblich versucht, an solche Informationen zu gelangen, um sie vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen als akkreditierender Hochschullehrer einschätzen und bewerten zu können.

Das stimmt natürlich nachdenklich. Und meine Auseinandersetzung mit und meine Kritik der Forschungsevaluation der Gender Studies in Niedersachsen (4) hat bei mir Zweifel daran genährt, dass hier eine wissenschaftliche Forschung überhaupt stattgefunden hat. Denn es wurden keinerlei Forschungsergebnisse benannt, und also konnten keine gewürdigt werden, und das in einer Forschungsevaluation, aufgrund derer im Nachgang weitere finanzielle Mittel bewilligt wurden.

Ein derart schockierendes Ergebnis wirft die Frage auf, ob es Akkreditierungen von Studiengängen und Evaluierungen von Studiengängen und Forschungsleistungen für Gender Studies überhaupt jemals gegeben hat. Es wäre Sache der Wissenschaftsinstitutionen, diese Zweifel auszuräumen und die offenen Fragen zu beantworten.

Weiter schreibt Frau Lenz:
„Die Genderforschung stellt nicht infrage, dass es „die Biologie" gibt und sie eine wichtige Bedeutung hat. Aber sie hat beobachtet, wie unterschiedlich biologische Zusammenhänge kulturell interpretiert und gestaltet werden."

Dieses Zitat dient offensichtlich nur dazu, die Gender Studies gegen Kritik seitens der Biologie zu immunisieren; denn andernfalls hätte konkret benannt werden können, in welcher Art und Weise in den Gender Studies an die biologische Wissenschaft angeknüpft wird. In diesem Fall sollte erwartet werden, dass der derzeitige wissenschaftliche state of the art der Biologie und der Sexualwissen-schaft als selbstverständliche Voraussetzung erkennbar aufgenommen würde, um daran anzuschließen. Genau das ist aber nicht der Fall, weil der biowissenschaftliche state of the art vermutlich gar nicht bekannt ist, obwohl ständig betont wird, man forsche interdisziplinär.

Stattdessen wird der allerdings altbekannte Sachverhalt stark hervorgehoben, dass es Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte gibt, die auch die Lebensweise der Menschen verändern und mit ihr die Art und Weise der Kooperation zwischen den beiden Geschlechtern.

„Die Geschlechterforschung hat die weltweiten Variationen von Gender und die damit verbundenen Machtverhältnisse untersucht und sie hat daraus geschlussfolgert: Im Zusammenhang mit Geschlecht zeigen sich ganz unterschiedliche soziale Strukturen, es wird also: sozial gestaltet oder konstruiert."

Aber: Was meint hier „Gender", und was sind „Variationen von Gender"?

Die Fehlinterpretation liegt hier im übrigen offen zutage, wenn gesagt wird: „es wird also: sozial gestaltet oder konstruiert." Eben nicht. Was hier eingeschmuggelt wird, das ist das Dogma des Sozialkonstruktivismus. Soziale Beziehungen werden keineswegs zweckrational „konstruiert", sondern sie entwickeln, differenzieren und verändern sich allmählich als eine sich jeweils bewährende oder nicht bewährende gesellschaftliche Praxis.

Der Philosoph Alexander Ulfig hat den Sozialkonstruktivismus einer Kritik unterzogen (5).

„Dabei ist die Geschlechterforschung grundlegend, um Gesellschaften und besonders ihren gegenwärtigen Wandel zu verstehen. Seit jeher werden über Geschlecht Macht, Chancen und Ressourcen verteilt - Geschlecht bildet also zum einen eine Strukturkategorie für soziale Ungleichheit.

Zum anderen wird diese Ungleichheit oft mit der Geschlechterdifferenz begründet. Die Genderforschung trennt diese Fragen nach Geschlechterungleichheit und -unterscheidung analytisch, auch wenn sie zusammenhängen."

Hier sind wir nun in der Soziologie und stoßen sofort auf die dogmatische Behauptung, dass „über Geschlecht Macht, Chancen und Ressourcen verteilt" würden, dass also „Geschlecht zum einen eine Strukturkategorie für soziale Ungleichheit" bildet. „Zum anderen", so wird behauptet, „wird diese Ungleichheit oft mit der Geschlechterdifferenz begründet."

„Geschlecht" ist hier eine rein soziale und zugleich zentrale Kategorie, was aber wieder nicht begründet, sondern dogmatisch gesetzt wird. Dieser kulturalistische Geschlechtsbegriff ist das feministische Axiom schlechthin und daher der Ausgangspunkt aller deduktiv-dogmatischen oder deduktiv-normativen Interpretationen, die daraus folgen.

In der Geschichte der Soziologie sind es jedoch ganz andere Kategorien, die soziale Unterschiede begründen, Klassen-, oder Standes- oder Schichtunterschiede vor allem, ebenso sozioökonomische Kategorien wie die der Vermögensverteilung, und diese Kategorien schließen sämtlich beide Geschlechter ein, sind also übergeordnet.

Mit Blick auf die Kritik an der Wissenschaftlichkeit der Gender Studies und mit der ebenso starken wie massiv anzuzweifelnden Behauptung:

„Gender ist ein innovativer kritischer Begriff zum Forschen und (Hinter-)Fragen mit offenem Ausgang"

verweist Ilse Lenz auf ein umfangreiches Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, Theorie, Methoden, Empirie (2010), 968 S., (5), in dem angeblich auch die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Gender Studies dargelegt sein sollen. Es handelt sich jedoch um ein Sammelwerk, zu dem zahlreiche Autorinnen kürzere Beiträge zu unterschiedlichsten Themen abgeliefert haben.

Bevor ich darauf näher eingehe, sei, mit Blick auf die Überschrift des Lenz-Artikels noch angemerkt, dass „Gender" nicht „böse" ist und dass auch niemand „Angst" davor hat. Wenn Gender als biowissenschaftliche Kategorie aufgefaßt wird, dann gilt, dass sie „die Ausbildung männlicher bzw. weiblicher geschlechtsreifer Individuen bei Tieren und Pflanzen im Verlauf der Entwicklung, bezogen auf die Population" bezeichnet. (7)

Wird Gender jedoch als nicht-biowissenschaftlicher, sondern kulturalistischer Begriff verwendet, wie das in den Gender Studies der Fall ist, dann ist Gender schlicht ein überflüssiger und irreführender Begriff, und zwar auch in soziologischer Hinsicht; siehe oben.

Zur Fortsetzung: http://cuncti.net/geschlechterdebatte/947-sind-gender-studies-wissenschaft

Anmerkungen:
(1) http://www.gender-diskurs.de/2016/01/warum-der-gender-begriff-ueberfluessig-und-irrefuehrend-ist/
http://frankfurter-erklaerung.de/2014/11/pornografisierung-der-schule/
(2) http://www.tagesspiegel.de/wissen/serie-gender-in-der-forschung-1-keine-angst-vorm-boesen-gender/12258504-all.html
3) http://frankfurter-erklaerung.de/2016/03/silke-lorch-goellner-frauenbeauftragte-der-universitaet-marburg/
http://www.gender-diskurs.de/2016/03/artikelhinweise-ulrich-kutschera-und-universitaet-marburg/
http://www.gender-diskurs.de/2016/03/kurzrezension-ulrich-kutschera-das-gender-paradoxon/
4) http://serwiss.bib.hs-hannover.de/frontdoor/index/index/docId/405
5) http://alexander-ulfig.de/2016/03/14/der-mythos-von-der-sozialen-konstruktion/
(6) Singer, Mona, Feministische Wissenschaftskritik und Epistemologie: Voraussetzungen, Positionen, Perspektiven, in: Becker, Ruth / Kortendieck, Beate (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, Theorie, Methoden, Empirie, 2. Aufl., Wiesbaden 2008, S, 285 - 294.
(7) Kutschera, Ulrich: Das Gender Paradoxon. LIT-Verlag: Berlin 2016, S. 425; sowie:
http://www.gender-diskurs.de/2016/01/warum-der-gender-begriff-ueberfluessig-und-irrefuehrend-ist/
http://cuncti.net/gesellschaft/421-diversity-management-wem-nuetzt-das

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