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Die Zeitmillionärin: Wir müssen wieder lernen, Langeweile zu ertragen

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GRETA TAUBERT
greta taubert
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Greta Taubert möchte einfach mal nichts machen und ihre wertvolle Zeit grob verschwenden. Sie glaubt, das sei die letzte wirkliche Rebellion gegen den Kapitalismus. Aber wie geht das eigentlich: nichtstun? Und warum reagieren die Menschen in ihrer Umgebung darauf so angepisst?

Die Suche nach dem süßen Nichts beginnt in Marrakesch. Was passiert, wenn nichts passiert - das wollte ich herausfinden und hatte mir absolut überhaupt gar nichts vorgenommen - außer etwa zehn Tage lang ausgiebig in der Straße rumzusitzen.

Keine Königsgräber, keine Kamelausritte, keine Souk-Bummeleien. Ich hatte keinen Reiseführer dabei und keinen Ehrgeiz, sondern wollte einfach mal sehr, sehr lange rumsitzen und meinen orientalischen Mann stehen - beziehungsweise sitzen.

Ich suchte mir das scheußlichste Café in der Innenstadt aus. Die Lederstühle waren durchgesessen, der schmierige Kellner stellte mir Minztee und einen Aschenbecher auf den Tisch. An jedem Tisch saß ein Mann, eingehüllt in ein warmes Gewand mit Wollzipfelmütze und trank aus einem kleinen Glas Kaffee.

Seelisch und geistig irgendwie offline

Meine Tischnachbarn guckten zuerst irritiert, sagten aber nichts. Nicht zu mir, nicht zueinander. Irgendwann hatten sie sich wohl an mich als Fremdkörper gewöhnt. Wir nippten und glotzten, obwohl es eigentlich überhaupt nichts zu glotzen gab.

Manchmal gingen zwei verhüllte Muslimas vorbei, manchmal knatterte ein junger Mann mit dem Moped staubaufwirbelnd die Straße entlang; der Höhepunkt war ein sturer Esel, der von einem Orangenbaum fressen wollte. Ich wunderte mich, dass keiner ein Gespräch führte, eine Zeitung las oder auf sein Telefon guckte. Sie rührten sich nicht und wirkten seelisch und geistig irgendwie offline.

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Es war keine Pause, die wir einlegten, um uns zu erholen. Dafür dauerte es einfach zu lang. Es war aber auch keine Meditation, die wir da vollführten. Dafür versenkten wir uns nicht genug. Und als Kontemplation konnte man dieses unheilige Stieren nun auch nicht wirklich bezeichnen. Es war einfach eine grobe Zeitverschwendung ohne ersichtlichen Sinn.

Ich beobachtete bei mir folgenden Verlauf: In der ersten Phase guckte ich mir alles sehr genau an - die Menschen, die Straße, das Kaffeegläschen, und sinnierte darüber, wie fremd das alles war und wie es sich normalisiert, wenn man nur lange genug draufguckt.

In der zweiten Phase dachte ich über dies und jenes nach, das sich in den letzten Stunden, Tagen, Wochen, ach überhaupt im Leben so angesammelt hatte. Das konnte sich zu einem sehr angeregten Selbstgespräch steigern, manchmal wechselte ich die Sprachen, übernahm groteske Gegenpositionen oder führte Filmdialoge innerlich weiter. Wie bei Jim Jarmuschs "Coffee and Cigarettes" - nur eben im Kopf.

Es war einfach eine grobe Zeitverschwendung ohne ersichtlichen Sinn.

Man musste aufpassen, es nicht zu wild zu treiben und dann unvermittelt loszulachen oder aufzustöhnen. Ein dezentes Kopfschütteln, mit der Zunge schnalzen oder seufzen, ging aber. In der dritten Phase verebbten die Gedanken dann so allmählich auf ein intellektuelles Minimum.

Ach, ein Vogel ... na, trink ich jetzt noch ... so was, ein Faden an meinem Mantel ... mach ich später weg. Die Rinnsale der Rationalität versickerten allmählich. Nach unzähligen Stunden war ich geistig vollkommen ausgetrocknet, erhob mich umständlich, nickte den Herren ernst zu, und sie nickten ernst zurück. Es war, als wüssten wir etwas, das wir gerade über Stunden gemeinsam geteilt hatten. Aber das Gegenteil war der Fall: Wir wussten gar nichts.

Der vielleicht erholsamste Urlaub meines Lebens

Nach einer Woche war ich derartig verschwendungsgeübt, dass ich manchmal direkt nach dem Hinsetzen schon in Phase drei übergehen konnte. Die äußere Welt erzeugte keine Fragezeichen mehr. Die innere Welt suchte keine Antworten mehr. Glas, Moped, Esel. Was gab es da noch mehr zu verstehen?

Es ist, wie es ist. Ich saß auf diesem unbequemen Lederstuhl und war einfach ein Teil dieser Welt und die Welt ein Teil von mir. Kein Grund, in Stress zu verfallen. Es war der vielleicht erholsamste Urlaub meines Lebens.

Zuhause in Deutschland, in meiner Stadt, in meiner Straße frage ich mich, warum diese Form des existenzialistischen In-der-Welt-Seins nur im Urlaub gelingen soll. Für die orientalischen Männer gehört es ja auch zum Alltag. Und als selbsterklärte Zeitmillionärin habe ich Zeit. Also setze ich mich in Positur.

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Es ist ganz angenehm warm, marokkanisch fast. Ich ziehe die Schuhe aus. Der Nagellack blättert von den Zehennägeln, ich betrachte das abgeschabte Muster eingehend. Phase eins. Schöne Farbe eigentlich, Karmin, schätze ich mal. Aber warum ist der schon so runter?

Phase zwei setzt ein und damit die mäandernden Gedanken: Also der Nagellack ist jetzt nur noch auf der oberen Hälfte des Zehs. Auf der unteren ist nichts. Da sieht man mal, wie die Zeit vergeht. An der Lackuhr. So was.

In der Ferne höre ich eine Kirchturmglocke schlagen. Ja, denke ich, dort oben ist die Zeit für alle gleich. Bevor sich die mechanische Uhr durchgesetzt hat, war der Alltag von natürlichen Rhythmen bestimmt: von den Jahreszeiten, dem Stand der Sonne, vom Wechsel der Gezeiten. Jeder Tag hatte dadurch seinen eigenen Rhythmus, und der Mensch damit auch.

Irgendwie sind wir alle zu Mönchen und Nonnen geworden, die ihr Leben und Arbeiten vertakten.

Die ersten Uhren waren eher grobe Zeiteinteilungen. Angefangen haben damit die Römer, die mit einer Sonnenuhr den Tag in zwölf gleich große Einheiten zerlegten. Nachts wurde die Zeit geschätzt. Die Mönche des Mittelalters wollten für ihre Gebete auch nachts die genaue Uhrzeit kennen und nahmen mit einer Wasseruhr genauer Maß.

Huch, ich mussmussmuss

Jahrhundertelang waren nur Klöster der Ort für das disziplinierte Leben nach der Uhr, in denen jeder Tagesablauf vereinheitlicht und vertaktet war. Die ersten mechanischen Uhren waren um 1300 noch zierende Herrschaftssymbole an Kirchen und Palästen. Einmal dort oben angebracht, dauerte es nicht mehr lange, bis die Uhr auch den Rest der Bevölkerung unter ihr Diktat stellte.

Irgendwie sind wir alle zu Mönchen und Nonnen geworden, die ihr Leben und Arbeiten vertakten. Die beim Glockenschlag, beim Weckerklingeln, beim Handyalarm hochschrecken und denken: Huch, ich mussmussmuss. Nicht beten, aber leisten.

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Max Weber behauptete, dass der Protestantismus (und insbesondere der Calvinismus) uns eine Ethik eingepflanzt hätte, in der Geschäftigkeit und Pflichtbewusstsein die obersten Tugenden wären. Um Gottes Ruhm zu mehren, musste der Protestant arbeiten. Dann war er ein guter Diener seines Herrn. Daraus ist eine Zweckrationalität des Lebens und der Lebenszeit entstanden, auf der der Kapitalismus prächtig gedeihen konnte.

Je mehr wir arbeiten, umso besser ist es für das Seelenheil. Dann sind wir gute Diener unseres Herrn. Die eigene Zeit mit Nichtstun oder Nagellackstudien zu vergeuden, ist nach Weber die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden. "Zeitverlust durch Geselligkeit, faules Gerede, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf - höchstens 6 bis 8 Stunden - ist sittlich absolut verwerflich."

Während ich hier auf der Holzbank sitze und in den Himmel starre, öffnen sich die Türen der Häuser und speien die fleißigen Arbeiter aus, die eiligen Schrittes in Richtung Produktivität ziehen, um später wieder von den Geschäftstüren eingesaugt zu werden in Richtung Konsum.

Sich dem Nützlichkeitsprinzip zu verweigern und sich stattdessen die ungehörige Freiheit zu gönnen, sich selbst und seine Kräfte wegzuwerfen, ist ein Akt der Rebellion.

Ein ewiges Rein und Raus: rein in den Betrieb, raus aus dem Betrieb, rein in den Laden, raus aus dem Laden. Das ist die Logik, die dieses Wirtschafts- und Sozialsystem zusammenhält. Sich ihr zu entziehen ist unwirtschaftlich und asozial. Mit diesem Prädikat muss man erst mal klarkommen.

Ich zünde mir eine Zigarette an und merke: Ich komme bislang damit ganz gut klar. Ach, wie ist das schön, so sittlich verwerflich auf einer Bank zu sitzen. Das Dogma zu sprengen. Ich summe "Watching the wheels" von John Lennon. "Well, they shake their heads. And they look at me as if I've lost my mind. I tell them, there's no hurry. I'm just sitting here doing time."

Als ich gerade in Phase 3 meiner Zeitverschwendungsübung übergehen will, spüre ich, wie Wasser auf meinen Kopf rieselt. Gerade war es doch noch sonnig. Der Blick in den Himmel verrät, dass das Wetter nicht umgeschlagen hat. Das Getröpfel weitet sich zum Strahl und läuft meinen Rücken hinunter.

Ich springe auf und bringe meinen Kaffee in Sicherheit. Scheiße, was soll das denn? Ein Typ aus dem ersten Stock schließt schnell sein Fenster. Er hat keine Blumen davorstehen. Hinter der Scheibe erscheint noch kurz sein hasserfülltes Gesicht. Dann verschwindet er. Ich rieche an meinen Klamotten. Pisse!

Zeitverschwendung ist Rebellion

Sich dem Nützlichkeitsprinzip zu verweigern und sich stattdessen die ungehörige Freiheit zu gönnen, sich selbst und seine Kräfte wegzuwerfen, sei ein Akt der Rebellion. Das hat der Philosoph Georges Bataille bereits in den Dreißigerjahren aufgeschrieben. Ich möchte lieber nicht - produktiv sein, pflichtbewusst sein, nützlich sein. Diese Absage irritiert, damals wie heute, weil sie eine Grenze überschreitet.

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Es ist ein "Nein" gegen gesellschaftliche Machtstrukturen und ein "Ja" zum persönlichen Lustprinzip. Damit sei der Mensch frei und souverän. Bataille nennt es die Gloriose Verschwendung.

"Der souveräne Mensch Batailles ordnet sich nichts unter und ist damit auch selbst keiner Instanz untergeordnet. Er lebt eine bewusst ruinöse Existenz, er verzichtet auf das Prinzip der Nützlichkeit zugunsten des Prinzips der Intensität. Die höchste Intensität erreicht er durch den Verlust, die Verausgabung, die pure Verschwendung", schreibt Jacques Derrida fünfzig Jahre später.

Nun bin ich also derartig ruinös und vogelfrei, dass man mir schon Pisse auf den Kopf schüttet. Ein Nachbar kommt vorbei und gibt mir ein Ei als Geschoss für einen etwaigen Rachefeldzug. Ein anderer schlägt vor, im Briefkasten einen Kackbeutel zu versenken. Selbst Luftgewehre werden für den Freiheitskampf der gloriosen Verschwendung angeboten. Ich denke kurz darüber nach und lehne dann ab, den Pazifisten John Lennon im Hinterkopf. "I'm just sitting here doing time."

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus Im Club der Zeitmillionäre: Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte
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