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Diana Neumerkel hatte keine Lust mehr auf den Büroalltag - also stieg sie aus und wurde Zeitmillionärin

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ZEITMILLIONAERIN
Greta Taubert
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Greta Taubert trifft in Halle/Saale eine junge Frau, die ihre Zeit gegen Gemüse und Gemeinschaft tauscht

Die Gewitterschwüle drückte vom Himmel in den kleinen Hinterhof des Gründerzeithauses, in dem Diana Neumerkel in einer Wohngemeinschaft in Halle/Saale wohnt. Dort standen wir schwitzend, und Diana stellte eine Karaffe Wasser mit selbstgezüchteter Minze auf den Tisch.

Dazu selbst geerntete Äpfel. Zwischen einer Feuerstelle und einer Sitzgruppe stand ein Klettergerüst mit roter Partnerschaukel. "Wollen wir?", fragte ich, und sie nickte.

Wir klemmten unsere Hintern auf die winzigen Sitzflächen der Schaukel, verkeilten die Knie umständlich ineinander, schaukelten quietschend erst mal eine Runde und begannen die Suche nach dem Punkt, ab dem sie zur Zeitmillionärin geworden war.

Dianas Werdegang beginnt geordnet: Die gebürtige Dresdnerin lässt sich zur Gestaltungstechnischen Assistentin ausbilden, findet einen Job in einer Potsdamer Internetagentur, die bankrottgeht. Heuert in einer Dresdner Werbeagentur an, arbeitet dort die üblichen acht Stunden am Tag. Büro, Rechner, Kaffeetasse.

"Da sitzt du dann vor einem weißen Dokument und merkst, dass du gerade nicht kreativ sein kannst. Dass jetzt einfach nichts passiert in deinem Kopf und du trotzdem deine Zeit absitzen musst."

Mehr zum Thema: Im Club der Zeitmillionäre: Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte

Das Funktionieren in vorgegebenen Zeitabläufen widerstrebt ihr. Es wächst ein Unbehagen, so viel von der eigenen wertvollen Zeit an Strukturen hergeben zu müssen. "Acht Stunden arbeiten ist sowieso zu viel", sagt sie. Sie kündigt und nimmt ein Studium an der Burg Giebichenstein in Halle/Saale auf.

An der Kunsthochschule beginnt, was sie rückblickend einen kontinuierlichen Weg zu mehr Selbstbestimmtheit nennt. Sie trifft Dozenten und Kommilitonen, für die alle klar ist, dass Arbeit mehr ist als bloßer Gelderwerb. Zusammen organisieren sie Ausstellungen, Festivals, Projekte, die nicht darauf abzielen, dass mehr verkauft oder konsumiert wird. Im Gegenteil.

"Mir sind die Themen Umwelt, Bildung und Nachhaltigkeit immer wichtiger geworden", sagte Diana. Und ihr war klar, dass sie nach dem Studium nur frei und freiberuflich arbeiten kann.

Lieber Gemüse statt Gehalt

"Wie sieht das genau aus?", fragte ich, und Diana erzählte von ihren verschiedenen Spielfeldern. Die Hälfte der Woche lebt und arbeitet sie in einer Biogärtnerei außerhalb von Halle. "Ich komme raus aus der Stadt, habe meine Hände im Boden, spüre die Jahreszeiten."

Sie wird für ihren Einsatz nicht mit Geld, sondern mit Gemüse bezahlt.

Außerdem hat sie noch kleinere Nebenjobs in einem Biosupermarkt und in einem Café in Halle, die auch von der Biogärtnerei beliefert werden. Dadurch kann sie es sich leisten, bei Grafikaufträgen darauf zu achten, wer der Auftraggeber ist. "Es gibt keinen Tag, an dem ich mich langweile", sagte sie, "weil ich alle Aufgaben gern mache."

Ich: "Und wie viel arbeitest du jetzt am Tag?"

Diana: "Das kommt natürlich darauf an, was ich mache: Wenn ich auf dem Feld arbeite, dann bin ich schon nach zwei Stunden erschöpft. Aber wenn ich nachts an meinem Schreibtisch an einer Grafikarbeit sitze, kann ich auch schon mal in einen Sechs-Stunden-Flow kommen. Mehr als fünf bis sechs Stunden möchte ich aber nicht am Tag arbeiten."

Ich: "Welchen Stellenwert hat Geld für dich?"

Diana: "Meine finanziellen Ziele sind relativ gering. Miete, Essen, Reisen, Krankenversicherung und Bafög zurückzahlen. Dafür reichen die 800 bis 1000 Euro, die ich als Kleinunternehmerin verdiene. Für Konsumgüter gebe ich sehr, sehr wenig aus, und es befremdet mich regelrecht, durch Einkaufsstraßen zu laufen."

Stell dir vor, es ist Kapitalismus, und keiner geht hin

Während Diana erzählte, musste ich an eine soziologische Studie aus dem Jahr 1991 denken. Sie brachte das erste Mal den Terminus Zeitpioniere auf für Menschen, die ihre eigenen Vorstellungen von Zeit haben, sie bewusst gestalten wollen und Zeit einen eigenen Wert zuweisen.

"Zeitpioniere sind Personen, die ihre Zeitvorstellungen in der Arbeit und im außerbetrieblichen Alltag zu verwirklichen suchen, sich dabei Hindernissen und Brüchen stellen und darüber eigenständige Gestaltungsformen von Zeit entwickeln." So lautet die etwas trockene Definition.

Interessant dabei ist, dass die Zeitpioniere damals noch als absolute Ausnahme galten. Ihr Wunsch nach Selbstentfaltung und Selbstbestimmung hatte noch etwas Pionierhaftes. Sie mussten sich von vorherrschenden "Normalitätsunterstellungen" distanzieren und damit klarkommen, anders zu sein.

Innerhalb eines Vierteljahrhunderts wurde die Gruppe der Unnormalen aber immer größer. Kreativschaffende, Start-up-Gründer, Blogger, Designer, Projekte-Macher, Künstler, Programmierer lehnten zunehmend das klassische 9-to-5-Arbeitsmodell ab. Sie gründeten Agenturen und Ladenbüros, Kollektive und Bürogemeinschaften, in denen Leben und Arbeiten miteinander verschmolzen.

In dem Bestseller "Wir nennen es Arbeit" erklären Sascha Lobo und Holm Friebe, dass die digitale Boheme auf Festanstellung und Monatsgehälter pfeift und den Traum vom selbstbestimmten Arbeiten lebt. Mittlerweile ist es zum Wesensmerkmal einer ganzen Generation geworden, eine möglichst günstige "Work-Life-Balance" einzufordern.

Mehr zum Thema: Die Zeitmillionärin: Wir müssen wieder lernen, Langeweile zu ertragen

"Die Generation Y möchte ihre Zeit möglichst frei einteilen und selbst verplanen können", schreibt Maria Kovarik in dem Buch Der Ruf der Generation Y nach Easy Economy. (Wobei Easy Economy eine Wirtschaft mit flexibleren Arbeitszeitmodellen beschreibt.) "Unter dem Baum sitzend im Park an einem schönen Tag seine Präsentation zu erstellen, ist eine Fantasie, die sich die Millennials erfüllen möchten."

Zeit zum Schaukeln oder für einen Spaziergang an einem ganz normalen Werktag

Das Y im Generationsetikett wird häufig englisch ausgesprochen, weil das angeblich die Frage ist, die die ab 1980 Geborenen sich und ihren Arbeitgebern zu stellen trauen: Why? Warum sollte ich das tun? Manche Autoren, die die Generation beschrieben haben, empfinden die Wohlstandskinder mit ihren egoistischen Ansprüchen an Arbeitgeber als anmaßend, andere sehen in ihnen eine Emanzipationsbewegung von Menschen, die sich, ihre Fähigkeiten und ihre Zeit nicht einfach so an den Markt verkaufen.

"Für mich ist es entscheidend, meine Zeit mit Sinn zu befüllen", sagte Diana. "Ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen und denke ganz oft: 'Boah, was bin ich doch für ein Glückspilz, dass das funktioniert!'"

Diana und ich standen auf und verließen den schönen kühlen Schatten des Innenhofs. Sie wollte mir noch ihre Arbeits- und Lebensorte zeigen. Wir flanierten die Straßen von Halle/Saale entlang, vorbei an prächtigen Bürgerhäusern und Deutschlands einzigem Bergzoo.

Am Café Rosenburg, einem Eckcafé mit Flohmarktmöbeln und bemaltem Porzellangeschirr, in dem Diana gelegentlich arbeitet, machten wir Halt. Wir saßen an einem Tisch mit zwei Restauratoren und redeten über das freie Kreativleben in der Stadt.

Ringsrum löffelten Studenten die Tagessuppe, andere hatten einen Rechner vor sich aufgeklappt. Ich fragte mich, ob Ypsiloner im Grunde das Gleiche wie Zeitpioniere sind. Schließlich soll es ja eine der wichtigsten Eigenschaften der Generation sein, souverän mit Zeit umzugehen.

Ich denke an meinen Freundeskreis, der ein Poesiealbum der Generation Y sein könnte. Hoch ausgebildete Akademiker zwischen 28 und 38. Als Studenten sind wir mit dem Rucksack in der Welt umhergereist, wir haben viele Praktika gemacht, viel gelesen, viel diskutiert, viel gefeiert.

Uns war klar, dass wir nach unseren Abschlüssen nicht einfach in die Tretmühle springen und uns für ein paar Rentenpunkte den Rest unseres Lebens für irgendjemanden abstrampeln wollen. Es geht uns darum, uns sinnvoll in die Welt einzubringen, flexible Bürozeiten zu haben - und gut bezahlt zu werden.

Heute arbeiten meine Freunde als Journalisten, Pressesprecher, Unternehmensgründer, Wissenschaftler, Projektentwickler - manche als Freiberufler, andere als Pauschalisten, mit losen Arbeitsverträgen oder Festanstellung, einige sind sogar Chefs.

Fast alle sind glücklich mit ihren Jobs, sie machen durchaus sinnvolle Arbeit. Aber Zeit zum Schaukeln oder für einen Spaziergang an einem ganz normalen Werktag wie Diana hat eigentlich keiner von ihnen.

Überfordert vom Überfluss der Möglichkeiten

Anders als Ypsiloner wählen Zeitpioniere häufig ein genügsames, konsumreduziertes, einfacheres Leben. "Wer mit Zeit anders umgeht, ist ein Pionier, der weniger besitzen muss, weil er die Zeit zu seinen Besitztümern zählt", heißt es in der soziologischen Studie aus den Neunzigerjahren.

Der Zeitpionier ringe um das richtige Verhältnis zwischen festem Einkommen und frei verfügbarer Zeit. Dabei büße er durch seine eigenen, reduzierten Arbeitszeiten häufig Einkommen ein - und versuche das auch nicht anderweitig zu kompensieren. "Zeit tritt in Konkurrenz zu Geld. Zeit wird zur Wohlfahrtssteigerung eingesetzt und konkurriert als Zeitwohlstand mit materiellem Wohlstand."

Mehr zum Thema: Warum wir unsere Arbeit dem Schlafrhythmus anpassen sollten

Zeitpioniere entscheiden sich oft bewusst für einen suffizienten Lebensstil und befreien sich von jeglichem Überfluss. Nicht nur, weil das Anbauen und Selbermachen viel Zeit braucht, sondern weil sie wissen, dass auch materieller Wohlstand handfesten Stress bedeutet.

Der Soziologe und Suffizienzanhänger Niko Paech weist in einem Aufsatz darauf hin, dass Konsumgüter, Dienstleistungen und Kommunikationstechnologien nur dann überhaupt Glücksgefühle verursachen können, wenn man sich ihnen aufmerksam widmet. Man muss Zeit in sie investieren.

Wenn ich mir eine Zeitschrift kaufe, brauche ich ein paar ruhige Momente, um sie zu lesen. Wenn ich mir einen Kaffee aufbrühe, brauche ich ein paar Schlucke, um ihn zu schmecken. Wenn mein Telefon vibriert, brauche ich ein paar Sekunden, Minuten, Stunden, um zu verstehen, welche Kommunikationswelle da gerade wieder anbrandet.

Wir versuchen zwar alles gleichzeitig, es gelingt aber nur mäßig. Da der Tag nur 24 Stunden hat, die Anzahl der Dinge und Erlebnisse, die wir uns kaufen können, jedoch geradezu explodiert, konkurrieren sie um unsere knappe Aufmerksamkeit. Durch Multitasking oder Effizienzsteigerung versuchen wir des materiellen Überangebots Herr zu werden.

Die Folge: Wir sind überfordert vom Überfluss der Möglichkeiten.

"Sich klug jener Last zu entledigen, die viel Zeit kostet, aber nur minimalen Nutzen stiftet, führt zu mehr Unabhängigkeit vom volatilen Marktgeschehen, von Geld und Erwerbsarbeit. Die Kunst der Reduktion bedeutet auch Angstfreiheit, denn wer weniger benötigt, ist auch weniger angreifbar."

Das bedeutet letztlich: Der suffiziente Zeitpionier braucht zwar einerseits mehr Zeit für das aufwendige DIY-Leben, andererseits spart er aber auch Zeit, weil er sich nicht mehr der Dauerwerbesendung des Konsumierens aussetzt. Stell dir vor, es ist Kapitalismus, und keiner geht hin.

Ein Ausdruck von Freiheit ist, aufzuhören, wenn es nicht mehr funktioniert

Diana zeigte mir das Gelände einer alten Stadtgärtnerei. Ein gelber Schornstein thronte über dem Areal, die Gewächshäuser waren leer, über den Beeten hatte sich die gelbe Melde ausgebreitet.

Wir umrundeten das Grundstück. Sie zeigte auf verwilderte Flächen. "Hier habe ich noch bis vor Kurzem zusammen mit zehn anderen Gärtnern unser Gemüse angebaut", erzählte sie. "Aber es gab Probleme mit dem Pächter. Jetzt fangen wir auf einem anderen Gelände von vorne an."

"Du bist ja umtriebig", sagte ich.

"Ja, ich möchte mich von Geld zunehmend unabhängig machen und möglichst viel von dem, was ich brauche, selbst produzieren." Manchmal koche sie mit einer veganen Kochgruppe, veranstalte Workshops, lade Leute ein, sich über Essen und Leben Gedanken zu machen.

Ich guckte Diana an, wie sie gut gelaunt dastand zwischen den gelben Blüten und den überwucherten Spuren ihrer Arbeitszeit. Wie viele solcher Felder gab es da draußen in der Republik, auf denen junge Menschen Gemüse und den Traum vom anderen Leben beackerten?

Und wie viele der Initiativen und Projekte und Think-and-Do-Tanks waren wieder verschwunden? Und waren sie nicht genau deswegen gescheitert, weil sie nicht nach den Prinzipien Effizienz und Ertragssteigerung organisiert waren?

"Nervt es dich nicht manchmal, dass du in solche Gärtner- und Koch- und Gemeinschaftsprojekte so viel Zeit reinsteckst - und dann gehen sie nach einiger Zeit krachen?", fragte ich sie. Diana zuckte mit den Schultern.

"Ich glaube, dass es ein Ausdruck von Freiheit ist, aufzuhören, wenn es nicht mehr funktioniert. Wir wollen doch mit Alternativen experimentieren, wie Leben auch aussehen kann. Das kann natürlich auch scheitern."

Vielleicht ist das der gordische Knoten, den Zeitmillionäre zu durchschlagen wagen und andere eben nicht: Sie trennen den Zusammenhang von Zeit und Leistung, auf dem das ökonomische Nutzungsdiktat beruht. Sie bestellen ein Feld, solange es sinnvoll und ertragreich ist.

Und wenn es nicht mehr funktioniert - weil der Pächter sich querstellt, weil die Gruppe zerbricht, weil sich die Interessen verändern - dann ziehen sie weiter. Denn was auf den Feldern wächst, sind eben nicht nur Möhren, sondern ein Gefühl der Selbstbestimmtheit, Unabhängigkeit und Freiheit.

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus Im Club der Zeitmillionäre: Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte
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