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Im Club der Zeitmillionäre: Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte

14/05/2017 11:56 CEST | Aktualisiert 14/05/2017 12:24 CEST

Greta Taubert arbeitet gerne. Eigentlich. Wenn es nur nicht immer und immer so viel und immer mehr sein müsste. Nach einem Meeting in Hamburg beschließt sie auszusteigen aus der Jobroutine und herauszufinden, was sich hinter diesem sperrigen Wort "Zeitwohlstand" verbirgt.

Es ist wieder einer dieser Tage, die ich mit dem Wort »Fuck« beginne. Ich liege in meinem Bett, und weil die Vorhänge nie das ganze Fenster abdunkeln, sehe ich durch einen Spalt, wie eine Elster auf einem Löwenkopf der gegenüberliegenden Fassade kauert.

Weil ich sie sehen kann - die Elster und das Biest -, weiß ich, dass es heller Tag ist. Und dass der helle Tag zum Arbeiten da ist und nicht zum Vögelbeobachten. Ich drücke auf den Knopf am Telefon, die Uhr leuchtet auf und zeigt Dienstag, 8.40 Uhr.

Das Ding hätte vor einer Stunde klingeln sollen, hat es vielleicht auch, so genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls hat es letztlich den Snooze-Wettstreit gegen mich verloren.

Jetzt also Fuck: Ich muss mich beeilen. Fuck: Ich komme zu spät zum Meeting nach Hamburg. Fuck: Wann fährt die nächste Bahn? Fuck: Dann gucken alle so vorwurfsvoll. Fuck: Wie erkläre ich das? Fuck: Ich funktioniere nicht richtig.

"Ich muss das heute noch fertig machen. Ich muss mit den Kindern zum Sport. Ich muss zur Therapie."

Dieses Gefühl ist ein vertrautes. Es taucht nicht nur bei mir, sondern bei vielen meiner Generation auf. Familienstudien zeigen, dass zwei Drittel aller Eltern mit Kindern unter 16 Jahren das Gefühl haben, nicht allen Anforderungen gerecht zu werden.

Irgendetwas kommt immer zu kurz. Die Mütter beklagen, dass sie sich nicht mehr genug um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern können, die Väter, dass sie zu wenig Zeit für Partnerin, Kinder und Freunde haben.

Das Rad der eigenen und fremden Ansprüche ans Leben dreht sich zu schnell. Es ist nicht mehr nur ein Hamsterrad, in dem sie sich abstrampeln. Es sind mehrere gleichzeitig: erfülltes Berufsleben, glückliche Familie, funktionierender Haushalt, bestellter Garten, regelmäßiger Sport, psychische und physische Gesundheit, stabile Freundschaften.

Die Imperative des Funktionierens heißen: Du musst dafür arbeiten! Du musst es nur wollen! Du kannst jeden Tag damit beginnen, eine bessere Version deiner selbst zu sein! Das Forsa-Institut befragte im Oktober 2014 mehr als tausend Eltern: 63 Prozent klagten über Zeitsorgen, nur 37 Prozent über Geldsorgen.

Wenn ich mir selbst und meinen Leuten zuhöre, dann fängt eigentlich jeder Satz mit "Ich muss ..." an. Ich muss das heute noch fertig machen. Ich muss mit den Kindern zum Sport. Ich muss die Wäsche machen. Ich muss dich unbedingt mal wiedersehen. Ich muss zur Therapie.

"Ich muss los", rufe ich meinem Nicht-nur-Mitbewohner Herrn F. zu und ziehe los in die Hamburger Redaktion.

Einmal angekommen, geht es auch ordentlich rund. Wir diskutieren, konkurrieren, streiten, finden Kompromisse. Wenn ich mir nur diesen kleinen Ausschnitt des Tages anschaue, muss ich feststellen: Arbeiten ist doch eigentlich eine feine Sache. Warum fühle ich das hier nicht immer?

"Arbeit ist ein Dauerzustand geworden."

Vielleicht liegt es an dem Wort: immer. Arbeit ist ein Dauerzustand geworden. Egal, wohin ich gehe, meine Arbeit habe ich dabei. Im Kopf, im Telefon, im Laptop. Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigte, dass fast zwei Drittel aller befragten Deutschen für ihren Arbeitgeber auch in der Freizeit erreichbar sind.

Mehr zum Thema: Warum wir unsere Arbeit dem Schlafrhythmus anpassen sollten

Die Studie wurde unter dem Titel Trendcheck: Beziehungskiller Job veröffentlicht und zeigt da gleich mal an, wohin das führen kann.

Im Alltag begleitet mich das ständige Gefühl noch etwas machen, schaffen, erledigen zu müssen. Es durchdringt jeden Moment der Lebenszeit. Wenn ich nicht mitmachte beim Höher, Schneller, Weiter, so heißt es, fiele man doch durch das soziale Gitter in die Kanalisation der Gesellschaft: in die unproduktive Unterschicht. Da will ich nicht sein!

Die Angst vor dem sozialen Abstieg fängt schon an, bevor man überhaupt aufgestiegen ist. Im Januar 2015 berichtete die Wochenzeitung Die Zeit, dass die aktuelle Studierendengeneration den Zustand von Ruhe, Nichtstun und Langeweile als regelrecht unerträglich empfände.

"Die Studenten haben schon mit 20 Jahren das Gefühl, sie verplemperten Zeit, wenn sie sich nicht zügig für ein Studium und einen Lebensweg entscheiden." Verschiedene Studiensurveys der Bundesregierung bezeugen den Trend zur ständig wachsenden Leistungsbereitschaft. Die Burn-out-Diagnosen steigen proportional.

"'Zeit ist Geld' ist die Formel des Turbokapitalismus"

In Hamburg geht das Meeting zu Ende und wir verlassen das Verlagsgebäude. In der Ferne schießt ein Scheinwerfer vom Hamburger Dom in den Himmel und malt kryptische Kreise in den mittlerweile dunklen Abendhimmel.

"Los, weiter", sagt mein Kollege, der manchmal so hektisch wirkt als hätte jemand Strom angelegt. Er steuert auf einen rotierenden Karussellarm zu, der sich pfeifend über unseren Köpfen erhebt. Dort wollen wir tatsächlich rein: ins Zentrum der Beschleunigung.

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Panik steigt in mir auf, als die Gondel in den Nachthimmel abhebt. Langsam, damit der Kitzel langsam steigt. Die ersten Runden bin ich in Schockstarre. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Ich weiß, dass ich nicht rauskomme aus diesem gottverdammten Schleudertrauma.

Es ist wie in der Welt jenseits der Gondel: Du kannst schreien, so viel du willst, aber die Maschine läuft einfach weiter. Ich weiß nicht mehr, wie oft mich der Arm hoch- und runter-, hin- und herreißt. Wie oft wir uns so überschlagen, dass erst die Wolken und dann der Boden zum Greifen nah sind.

Wie lange sich das große Rad mit der eigenen Achsdrehung verwirbelt. Aber irgendwann passiert es. Irgendwann kommt der Moment, in dem sich die Hilflosigkeit verflüchtigt und der Lust Platz macht.

Als ich wieder vom Plastiksessel rutsche, will ich, dass mein Leben eine Karussellfahrt ist. Das ist vermutlich ganz normal, wenn man endorphinmäßig hochgepitscht ist. Aber ich meine es ernst: Ich will raus aus dem Hamsterrad des Müssens, rein ins Karussell des Könnens.

Kann man das Hamsterrad in ein Karussell verwandeln?

"Kannst du machen", sagt mein Kollege, "aber dann verarmst du eben." Ich bleibe stehen. "Nein", denke ich, eben nicht. Ich will reich sein - reich an Momenten. Warum sollte eigentlich nur immer Geld anzeigen, wie gut es mir und den anderen und der Gesellschaft geht?

Mehr zum Thema: Die Neuerfindung des Erfolgs: Was ich aus meinem Zusammenbruch lernte

"Zeit ist Geld" ist die Formel des Turbokapitalismus - aber vielleicht sollte ich anfangen, sie mal für nichtbare Münze zu nehmen - und neu denken: Zeit nicht nur als Ressource, die monetarisiert wird, sondern als eigene Währung.

"Im Club der Zeitmillionäre."

Ich weiß, dass ich mit meinem Wunsch nach einem anderen Wohlstand nicht allein bin. Es formiert sich in Europa, den USA und in Lateinamerika derzeit eine immer größer werdende Bewegung des "Postwachstums".

Sie fordert eine Abkehr vom Wachstumsdogma und schlägt eine »sozial-ökologische Transformation« vor, an deren Ende eine umfassende, neu justierte Vorstellung von Gesellschaft steht. Wissenschaftler wie der Ökonom Niko Paech oder der Beschleunigungsforscher Hartmut Rosa untersuchen neue Zeitmodelle der Zukunft und fordern zum Diskurs auf.

Politische Parteien wie Die Grünen und Die Piraten haben seit Kurzem das Thema "Zeitpolitik" in ihre Programmdebatten aufgenommen, der Europarat hat einen Resolutionsentwurf über eine neue lokale Zeitplanungspolitik in der Schublade, Thinktanks wie die Heinrich-Böll-Stiftung, Attac, das Konzeptwerk Neue Ökonomie und das Netzwerk Wachstumswende erarbeiten konkrete Alternativen für eine ökologische Wirtschafts- und Lebensweise, die auf einem neuen Zeitverständnis aufbaut.

Die IG Metall hat die Idee aufgegriffen - eine Befragung von einer halben Million Beschäftigten ergab, dass viele sich eine kürzere Arbeitszeit wünschen. Darunter hauptsächlich Mütter und Väter. Auch die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger fordert eine 32-Stunden-Woche für alle - allerdings als Durchschnittswert über das gesamte Erwerbsleben.

Das Thema ist kein Rand- oder Wohlfühlthema mehr, darüber sind sich die Vordenker einig, weil ein neues Zeitverständnis - basierend auf Entschleunigung, Arbeitszeitverkürzung, Muße - einen Weg aus den multiplen Krisen unserer Zeit bedeutet.

Hinter diesen als Krisen bezeichneten Dauerphänomenen stecken existentielle Dilemmata wie Überarbeitung, Arbeitslosigkeit, Hyperkonsum, Kohlendioxid-Emissionen, Arm-Reich-Gefälle, gegenseitige Fürsorge und nicht zuletzt die individuelle Frage nach einem erfüllten, selbstbestimmten Leben.

Darüber zu diskutieren ist das eine. Aber was passiert, wenn man tatsächlich aus dem Hamsterrad aus- und in den Karussellsessel einsteigt? Ich werde ihn suchen, mich ihm anschließen und herausfinden, wie es sich in ihm lebt: im Club der Zeitmillionäre.

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus Im Club der Zeitmillionäre: Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte

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