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Breaking Good - wie die Chemie unser Leben schön macht

21/04/2017 16:57 CEST | Aktualisiert 21/04/2017 16:57 CEST
Marga Buschbell Steeger via Getty Images

Vor Kurzem bin ich über einen Vortrag von Simon Sinek gestolpert, in dem er den Einfluss von Glückshormonen auf die Motivation und Leistungsfähigkeit von Arbeitskräften beschreibt. Er unterscheidet dabei zwischen den egoistischen - Dopamin und Endorphin - und den selbstlosen - Serotonin und Oxytocin. Die Wahrheit ist sicher nicht ganz so schwarz-weiß, aber dennoch lohnt es sich zu verstehen, welchen Einfluss die chemischen Reaktionen in unserem Körper auf uns und unsere Umwelt haben. Sowohl unser eigenes Verhalten als auch das unserer Mitmenschen wird dadurch ein bisschen weniger kryptisch.

Glückshormone sind Botenstoffe, die eine stimulierende, entspannende, schmerzlindernde oder betäubende Wirkung hervorrufen, weshalb sie auch als körpereigene Drogen bezeichnet werden. Neben allen positiven Effekten haben sie wie normale Drogen auch ernstzunehmende Nebenwirkungen. Schauen wir uns das einmal genauer an:

Dopamin

Dopamin gilt als der entscheidende Botenstoff für Glücksempfinden. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf alle angenehmen Dinge und motiviert uns auf diese hinzuarbeiten. Dopamin ist hauptverantwortlich dafür, dass wir Vorfreude empfinden. Im Hinblick auf die zu erwartende Belohnung (Geld, Nahrung, Sex oder ein Drogenkick) sind wir dank Dopamin bereit auch überproportional große Anstrengungen zu unternehmen.

Die Jagd nach dem nächsten Dopamin-Kick kann aber auch süchtig machen.

Serotonin

Serotonin ist ein absoluter Stimmungsaufheller. Es gibt uns das Gefühl von Gelassenheit und Zufriedenheit und wird daher auch als "Feel Good"-Botenstoff bezeichnet. Es gibt verschiedene natürliche Auslöser für die Produktion von Serotonin. Dazu gehören Sonnenlicht, sportliche Betätigung und verschiedene Nahrungsmittel wie kakaohaltige Schokolade und Obst. Interessanterweise fördert auch die Erfahrung von Wertschätzung und Anerkennung sowohl als Sender als auch als Empfänger die körpereigene Serotoninproduktion. Im Gegensatz zu Dopamin senkt Serotonin die Suchtgefahr.

Weitere Glückshormone

Endorphin unterdrückt Schmerzen und sorgt beispielsweise beim Sport für das "Runners High"

Oxytocin steht für den menschlichen Zusammenhalt und steigert Empathie und soziale Kompetenz

Noradrenalin steigert die Motivation und fördert die geistige Lernbereitschaft insbesondere in geistigen oder körperlichen Stress-Situationen

Phenethylamin ist der Liebestrank unter den Hormonen und für Lust- und Glücksempfindungen verantwortlich.

Gute Botenstoffe, schlechte Botenstoffe

Ich möchte die menschliche Gefühlswelt nicht auf einen chemisch produzierten Hormon-Cocktail reduzieren. Das wäre ja komplett unromantisch. Aber trotzdem lohnt sich ein Blick auf den Sinn und Zweck einiger menschlicher Verhaltensweisen.

Menschen, die etwas haben, worauf sie sich freuen können, bekommen ihren Dopamin-Kick. Sei es das Abarbeiten der To-Do-Liste, das schöne neue Kleid, das Feierabend-Bier oder ein One-Night-Stand.

Dabei ist Dopamin jedoch ein sehr egoistisches Glückshormon. Denn ob das Abhaken der To-Do-Liste einem anderen Menschen schadet oder nutzt, ist für den Ausstoß von Dopamin egal. Hinzu kommt das hohe Suchtpotenzial. Je mehr Dopamin, desto besser. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Dem gegenüber steht beispielsweise Serotonin. Ein hoher Serotoninspiegel führt zu mehr Gelassenheit, Glückseligkeit und Wohlbefinden. Verhaltensweisen, die man heutzutage gerne öfter sehen würde.

Alles Dope oder was

Unser Alltag aber ist voll auf die Ausschüttung von Dopamin ausgelegt. Im Job arbeiten wir mit Tasklisten, Bonus-Systemen und Motivationscoaches, die einem beibringen, sich immer neue Ziele zu setzen. In der Schule gibt es Notensysteme. In der Freizeit Konsum, Alkohol, Drogen, Sex und Rock'n'Roll. Im Hintergrund immer die Angst, den nächsten Dopamin Kick zu verpassen.

Bitte nicht falsch verstehen: Dopamin treibt uns an und das ist gut so. Aber in dem Moment, wo man sein Ziel erreicht hat, das Kleid gekauft oder die Gehaltserhöhung durchgewunken wurde, ist das Glücksgefühl auch bald wieder vorbei und man braucht das nächste Level. Dauerhaft zufrieden ist man selten. Zumindest wenn man sich allein auf Dopamin verlässt.

Was ist also mit den anderen Glücksbringern? Beispielsweise Serotonin? Müsste man sich als Gesellschaft nicht stärker damit befassen, wie man den Menschen mehr Freiraum für sportliche Betätigung, bessere Ernährung, mehr Sonnenlicht und vor allem mehr Anerkennung und Wertschätzung bieten könnte? Würden wir davon nicht alle profitieren? Ist "Nicht gemeckert ist genug gelobt" wirklich der richtige Ansatz?

Natürlich kann man argumentieren, dass jede Gesellschaft das kriegt, was sie verdient. Und wenn die Leitmotive "Wirschaftswachstum", "Gewinnoptimierung", "Humankapital" und "Geiz ist Geil" sind, liegt uns die Jagd nach Dopamin quasi im Blut. Für Sport und gesellschaftliches Miteinander bleibt wenig Zeit. Gute Ernährung ist zu teuer. Und die Sonne blendet zu sehr auf dem Notebook-Display. Und es spricht ja auch eigentlich nichts gegen einen gesunden Fortschritt.

Trotzdem müssen wir uns für eine zukunftssichere Gesellschaft damit beschäftigen, was Menschen wie motiviert und welche Anreize dafür gesetzt werden.

Wollen wir als Gesellschaft künftig vielleicht doch ein bisschen mehr Streben nach Glück und ein bisschen weniger Streben nach Kick?

Sicherlich kann man das nicht alles mit ein paar chemischen Prozessen begründen. Aber selbst ohne den Blick auf die Glückshormone ist der Wunsch nach weniger Egoismus und mehr Gemeinschaft kaum überraschend. Es gibt mittlerweile viele Initiativen, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. Die werde ich mir mal etwas genauer anschauen.

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