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Ich habe mich selbst geheiratet

08/02/2016 10:32 CET | Aktualisiert 08/02/2017 11:12 CET
Jordan Reeder - Reeder Studios, LLC via Getty Images

Am 14. Februar ist Valentinstag. Die Huffington Post widmet sich eine Woche lang dem Thema „Modern Love".

Was bedeutet Liebe in einer vernetzten Welt: man ist nur so verliebt wie das Facebook-Profil es zeigt? Der nächste Partner ist nur einen Wisch weg? Wir daten über Kontinente hinweg?

Was bedeutet Liebe für euch? Sendet eure Texte an blog@huffingtonpost.de.

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2014 habe ich mich selbst geheiratet. Und nachdem ein Artikel im Guardian sechs Monate später viral seine Kreise zog, ging die Geschichte über meine Entscheidung um die ganze Welt. Zahllose Male wurde ich fürs Fernsehen, Radio und für Printmedien interviewt.

Erst bei einem Waldspaziergang in Österreich aber wurde mir klar, dass ich über das Thema Selbstliebe noch viel mehr zu sagen hatte. Seit ich mich selbst geheiratet hatte fühlte ich mich oft unwohl, wenn Menschen mir sagten, dass meine Entscheidung ein Akt der Selbstliebe sei.

Ich sah es viel mehr als ein Zugeständnis, mehr solcher Entscheidungen in meinem Leben zu treffen, aber ganz sicher nicht als ein Zeichen dafür, dass ich herausgefunden hätte, wie man in einem konstanten Zustand der Selbstliebe leben könne.

Zurück zum Winter 2013/2014. Nachdem ich an einem aufschlussreichen Workshop der Organisation Shakti Tantra teilgenommen hatte, war ich der Meinung, es sei eine gute Idee, mit mir selbst eine Übereinkunft über meine Werte, Wünsche und Prioritäten zu treffen.

Ich war seit sieben Jahren Single, und in dieser Zeit war ich das große Abenteuer eingegangen, mehr über mich selbst zu lernen.

Ich war seit sieben Jahren Single, und in dieser Zeit war ich das große Abenteuer eingegangen, mehr über mich selbst zu lernen, wer ich war und was mich antrieb. Also beschloss ich, diese Beziehung, die ich mit mir selbst führte, zu feiern.

Ich wollte der Beziehung ein Zeichen setzen. Ein Symbol, so wie ich es getan hätte, würde ich eine Beziehung mit einem anderen Menschen führen. Ich wollte das, was gut lief, feiern. Die Dinge, die noch nicht ganz rund waren, identifizieren und Zugeständnisse machen.

Die Künstlerin in mir setzte diese Ideen sehr bunt in die Tat um und mit meinem lieben Freund Tiu vollzog ich eine wundervolle Zeremonie. Ich hatte es total unterschätzt, wie es sich anfühlen würde, vor meinen Lieben wichtige Verpflichtungen mit mir selbst einzugehen. Es gab Tränen (meist meine) und sehr viel Lachen.

Selbstheirat als virales Phänomen

Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich durch die unerwartete mediale Explosion nach meiner Heirat und die damit verbundenen Reisen ins Ausland um Fernsehinterviews zu geben mehr über Selbstliebe gelernt habe, als durch irgendetwas anderes zuvor.

Sich in einer Liebesbeziehung mit sich selbst zu befinden hat viel damit zu tun, sich mit seinem selbst zu verbinden und sich nicht davon abhängig zu machen, wie andere Menschen oder Gruppen dich wahrnehmen.

Wenn ich immer noch so viel darauf geben würde, was andere von mir denken, wie es vor der Heirat der Fall war, dann hätte ich dieses virale Phänomen nicht überlebt. Ein beachtlicher Prozentsatz der Kommentare und des Feedbacks auf Twitter und Facebook waren nicht wirklich positiv.

Aber weil ich daran glaubte, was ich getan hatte, akzeptierte ich, dass meine Art, Dinge zu tun, vielleicht nicht für jeden Sinn ergeben. Aber für mich ergab alles einen Sinn und nur darauf kam es an. Ich sah auch die witzige Seite, das half mir. Ich sah das Ganze als eine riesige Meditation, in der ich meine Mitte finden und entspannt bleiben musste. Nur blieb hier der innere Dialog nicht innerlich, sondern wurde zu den vielen Stimmen der internationalen Medien.

Mut und Geduld sind die Grundlage, um eine Liebesbeziehung mit sich selbst aufbauen zu können.

Seit ich in dem zuvor erwähnten Wald in Österreich spazieren ging, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Mut und Geduld die Grundlage sind, um eine Liebesbeziehung mit sich selbst aufbauen zu können. Um es einmal metaphorisch auszudrücken: der Mut, es mit den Ungeheuern in unserem Keller aufzunehmen, und die Geduld, im weiteren Verlauf des Lebens mit ihnen Freundschaft zu schließen.

Wie alle wichtigen und profunden Dinge, die Menschen für sich entdecken und mit anderen teilen, ist das natürlich leichter gesagt als getan.

Für mich als eine Fotografin, die oft mit therapeutischen Methoden arbeitet, ist das besonders offensichtlich. Einmal kam eine Frau zu mir, die den Artikel über meine Selbsthochzeit im Guardian gelesen hatte und mich bat, Fotos aufzunehmen, die ihr helfen würden, mit ihrem negativen Selbstbild umzugehen, da sie grade eine Therapie für Essgestörte machte.

Es erforderte viel Mut, diese Fotos machen zu lassen, und es war schwer, sich die Bilder nachher anzusehen. Und dennoch kam sie zu einigen weiteren Shootings, was beweist, mit welch einer wunderbaren Geduld sie den Prozess vollzog.

Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass je geduldiger und mutiger ich mir selbst gegenüber bin, umso geduldiger und mutiger kann ich auch anderen gegenüber sein. So wie alle Beziehungen ist das natürlich ein fortwährender, sich weiterentwickelnder Prozess, der mich immer auf Trab hält.

Grace Gelder ist Fotografin und Filmemacherin - mehr Informationen auf ihrer Website.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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