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Du oder Sie? So entscheiden Übersetzer, wie das englische „You" synchronisiert wird

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(Bildquelle: www.pexels.com)

Von Tobias Schulz, staatlich geprüfter Übersetzer und Customer Relations Manager bei flexword, und Goranka Miš-Čak

Serien und Filme in der Originalfassung zu schauen, ist für viele mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Schließlich werden auf Blu-rays und DVDs, aber auch bei den gängigen Streaminganbietern, in der Regel unterschiedliche Sprachversionen angeboten. Vergleicht man englische und deutsche Fassungen einmal, stellt man häufig fest: Nanu, hier duzt sich, wer eben noch beim höflichen „Sie" war, oder Figuren siezen sich den ganzen Film über, obwohl das Miteinander im Originalton viel entspannter schien. Doch wer entscheidet bei der Synchronisation von Filmen eigentlich, was aus dem englischen Allround-Wörtchen „You" wird? Und vor allem: nach welchen Kriterien?

Vom Kuss zum „Du"
Anders als im Deutschen mit „Du" und „Sie" kann man im Englischen durch die Anrede mit „You" nicht anzeigen, wie vertraut zwei Personen miteinander sind. Alle sprechen sich mit einem freundschaftlichen „You" an, egal ob Chef, Lehrer, Arzt oder Fremder. Geht es um die Synchronisation englischsprachiger Filme ins Deutsche, ist nun Expertenwissen gefragt - Vorhang auf für die Übersetzer. Doch woher wissen die so genau, wann es Zeit für ein gepflegtes „Du" ist, und wann man vorsichtshalber bei „Sie" bleibt? Als allgemeine Faustregel für die deutsche Synchronisation gilt: Nach dem ersten Kuss ist man per Du. Oft entscheiden aber schon sehr viel feinere Nuancen darüber, wie dieses translatorische Problem gelöst wird und in manchen Fällen hatten die Filmduos einen Kuss ohnehin nie im Sinn. In der Serie Eureka beispielsweise finden Sheriff Jack Carter und Alison Blake zum „Du" nachdem sie erstmals ungeplant aus Erschöpfung nebeneinander einschlafen - eine recht progressive Entscheidung des Übersetzers, der sicherlich die „Faustregel" im Sinn hatte, sie aber an die Gegebenheiten der Serie anpasste. Im Übrigen findet sich hier auch in der Originalvertonung eine nette englische Spielart des Themas: Während die Figuren zueinander finden, wechseln sie häufiger unsicher in der Anrede zwischen dem Vor- und Nachnamen hin und her.

Die Anrede - oft mehr als nur Worte
In zahlreichen Filmen und Serien kommt es zu intimen Momenten zwischen den Protagonisten, jedoch wird trotz der „Faustregel" das „Sie" - mehr oder weniger - konsequent beibehalten. Der Sci-Fi-Klassiker Akte X ist dafür ein schönes Beispiel: Mulder und Scully, die sich während ihrer Fälle fürs FBI das eine oder andere Mal privat sehr nahe kommen, bleiben in der deutschen Synchronisation bis zur 8. Staffel beim kollegialen „Sie". Kam hier das freundschaftliche „Du" zwischen den beiden Agenten in der 9. Staffel von Akte X zu spät? Über die höfliche Anrede Distanz zu wahren, kann die Spannung und den Reiz zwischen den Figuren erhöhen. Womöglich eine filmästhetische Entscheidung, die über die reine Sprache hinausgeht. Übrigens: In der französischen Synchronisation duzen sich Fox und Dana bereits im Verlauf der Pilotfolge. Die Entscheidung liegt also letztendlich bei den Übersetzern, die subjektive Entscheidungen treffen und dabei auch mal Fehler machen.
Als Sharona, der Assistentin des steifen Privatermittlers Monk einmal ein „Adrian, du weißt ..." rausrutscht, ist der deutsche Zuschauer beispielsweise doch erstmal entgeistert - für Kenner der Serie nämlich ein unentschuldbarer Fehltritt. Die Erklärung hierfür ist allerdings recht simpel: Es handelte sich um die Ausstrahlung einer zweiten Synchronisation, die unabhängig von der viel bekannteren Vertonung der Serie erstellt worden war. Dieses Phänomen ist häufiger zu beobachten, denn nicht selten werden Staffeln einer Serie von unterschiedlichen Anbietern synchronisiert.

Hauptsache konsequent
Auch Klassiker werden immer wieder kontrovers diskutiert: In der BBC-Serie Sherlock siezen sich die WG-Partner Sherlock Holmes und Dr. Watson in der deutschen Synchronisation konsequent über mehrere Staffeln hinweg. Hat man hier den passenden Moment verpasst, um von „Sie" auf „Du" zu schwenken? Eher ist das „Sie" in Verbindung mit einem Vornamen in der Vertonung Ausdruck der gesitteten britischen Manierlichkeit - vielleicht mit einer Prise feiner Ironie gewürzt. Einig ist man sich allerdings: einmal beim „Du" ist es sehr unhöflich, beim nächsten Mal wieder zu fremdeln. Unter den Opfern solcher Inkonsistenzen befinden sich ausgerechnet James Bond und Miss Moneypenny, die zwar durchweg miteinander flirten und in Man lebt nur zweimal sogar erstmals per Du sind. In späteren Filmen kühlt die Beziehung zur Enttäuschung von Miss Moneypenny allerdings wieder etwas ab: James bleibt während weiterer Flirts beim streng beruflichen „Sie".

Damit eben solche Fehler nicht passieren, sind eine korrekte Übersetzung und eine sorgfältige Analyse des Kontexts entscheidend. Bei Serienjunkies dürften nun die Augen leuchten, denn das klingt nach legitimierten Fernsehmarathons und einem wahren Traumjob. Doch der Beruf des Übersetzers ist extrem anspruchsvoll, setzt eine umfassende fachliche Kenntnis sowie das Wissen über kulturelle Hintergründe und Besonderheiten voraus. Schließlich achten am Ende Millionen von Zuschauern auf jedes noch so kleine Detail ihrer Leinwandhelden. Die Frage, wie das englische „You" in deutschen Filmen und Serien synchronisiert wird, bleibt also zumindest für Übersetzer jedes Mal eine neue Herausforderung.

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