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Wie die Bürokratie der Sozialämter die Menschen in die Armut treibt, die sich nicht wehren können

03/10/2017 13:09 CEST | Aktualisiert 03/10/2017 13:09 CEST
NurPhoto via Getty Images

Mein ganzes Leben lang habe ich gekämpft. Gegen Ämter, gegen Vorschriften, gegen schlechtgelaunte Sachbearbeiter. Dabei habe ich mich immer für meine Mitmenschen eingesetzt.

Für Menschen, die alles opfern, um ihre erkrankte Familien zu pflegen; für Menschen, die schon jung schwer erkranken; für Menschen die an den Rollstuhl gebunden sind, aber sich trotzdem nicht aufgeben und gegen Sozialämter die den Schwächsten von uns das Leben zur Hölle machen.

Denn das größte Problem in Deutschland sind nicht etwa die Politiker oder der Mangel an politischen Initiativen, sondern die Bürokratie. Und dagegen kämpfe ich - zusammen mit vielen anderen Mitstreitern.

Ich habe alles für meine Familie getan

Mein Vater war schwer krank, ein Pflegefall. Sein ganzes Leben lang hat er sich den Arsch für seine Familie aufgerissen. Nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft in Sibirien zurückkehrte, hat er als Fabrikarbeiter gearbeitet.

Deutschland musste nach dem Krieg wieder aufgebaut werden. Zusätzlich arbeitete er noch als Kleppner und beim Kohlehändler. Die drei Jobs hat er im Prinzip sein ganzes Leben gemacht. Am Ende hat ihn das seine Gesundheit gekostet.

Meine Mutter starb, als es meinem Vater immer schlechter ging. Auf der Beerdigung sagte ich ihm, er könne zu uns ziehen. Von da an habe ich mich rund um die Uhr um ihn gekümmert.

Meine zwei Kinder habe ich so gut wie alleine großgezogen. Beiden diagnostizierten die Ärzten ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Mein Ex-Mann war ebenfalls ein Pflegefall. Wie meinen Vater pflegte ich ihn bis zu seinem Tod.

68 Jahre alt, 580 Euro Rente und schwerstbehindert

Inzwischen sitze ich selbst im Rollstuhl. 68 Jahre alt, 580 Euro Rente und schwerstbehindert, doch trotzdem weit davon entfernt den Kampf gegen die Ungerechtigkeit in Deutschland aufzugeben.

Denn was mich wirklich wahnsinnig macht, ist die abwertende Haltung vieler Sachbearbeiter gegenüber Hilfesuchenden.

Oft hinterfragen sie überhaupt nicht, wie und warum unsere Lebenssituation so schwierig ist. Für viele Beamte sind Schwerstbehinderte Faulenzer, die einfach keine Lust haben, zu arbeiten und den Staat um ihr Geld betrügen wollen.

Als ich 2014 unverschuldet einen Autounfall erlitt, half der Verein "Mobil mit Behinderung", mir einen gebrauchten PKW zu kaufen. Natürlich nicht umsonst. Ich wurde Mitglied bei dem Verein und sammelte Spenden.

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Der Sachbearbeiter im Sozialamt hielt das allerdings überhaupt nicht für angebracht. Er zog mir prompt acht Monate lang einen Teil meiner Grundsicherung ab, weil er die Kosten für das Auto mit diesem Betrag verrechnen wollte.

Dabei ist die Grundsicherung für mich überlebenswichtig. Nur so kann ich meine lächerliche Rente von 580 Euro im Monat aufzustocken. Ich musste mir Geld von meinen Freunden leihen, anders hätte ich die Monate nur schwer überlebt. Die Bürokratie des Sozialamts hat mich in eine lebensbedrohliche Armut getrieben.

Monatelang führte ich einen Papierkrieg mit dem zuständigen Sachbearbeiter. Erst der Weg zum Sozialgericht konnte ihn umstimmen. Das Gesetz sieht nämlich klar vor, dass zweckgebundene Spenden mit der Grundsicherung nicht verrechnet werden dürfen. Das weiß eigentlich jedes Sozialarbeiter in Deutschland.

Die deutsche Bürokratie - nichts weiter als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?

Oft habe ich das Gefühl, dass die ganze Bürokratie in Deutschland eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Angestellten der Ämter und Versicherungen ist. Als ob die Regierung diesen Leuten einfach eine Arbeit geben möchte, die zwar nicht besonders sinnvoll, aber immerhin zeitaufwendig ist.

Die Vorgänge in den Behörden sind möglichst komplex organisiert. Dadurch nimmt die Bearbeitung unmengen an Zeit und Geld in Anspruch. Wären die Abläufe einfacher, könnte sich der deutsche Staat Milliarden Euro an Steuergelder sparen, Geld, dass für eine bessere Versorgung von Behinderten, Senioren und Alleinerziehenden ausgegeben werden könnte.

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Für uns dadurch benachteiligte Menschen ist die Bürokratie daher der größte Feind. Wir sind vom Glück eh nicht gerade verfolgt, wieso müssen wir uns auch noch mit unfreundlichen Sachbearbeitern und existenzbedrohenden Gesetzesregelungen herumschlagen?

Es gibt dutzende Fälle in denen Anträge auf Zahlungen, Zuschüsse und Pflegestufen jahrelang bei den Krankenkassen und Ämtern liegenbleiben, einfach weil es nicht genügend Sachbearbeiter gibt, die all die vom Gesetz gebotenen Vorschriften abarbeiten können.

Die betroffenen Menschen sind dann so lange auf sich allein gestellt, bis das Amt sich einmal erbarmt, ihren Fall sachgerecht zu bearbeiten - wenn überhaupt. Doch oft ist es dann schon zu spät.

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Seit über einem Monat ist mein Rollstuhl in Reparatur. Die Krankenkasse schickte mir zwar einen Ersatzrollstuhl, doch dieser ist einem furchtbaren Zustand. Die Räder eiern, der Rollstuhl fährt nicht in die gewünschte Richtung. Das Display und der Joystick zum Lenken funktionieren nur schwer. Das Gerät ist eine Gefährdung für den Straßenverkehr.

Als ich neulich über einen Lift in einen Zug einsteigen wollte, wäre ich beinahe umgekippt - einfach weil die Räder kaum noch Stabilität bieten. Dann fiel unterwegs auch noch das Bedienungsfeld des Rollstuhls auseinander. Ich konnte ihn nur noch manuell bedienen. Ohne die Hilfe meiner Mitmenschen, wäre ich ziemlich blöd dagestanden.

Die Krankenkasse habe ich schon mehrmals darauf angesprochen. Doch auf meine Anrufe und Briefe wird einfach nicht reagiert.

Ich habe das Gefühl, dass sich dort niemand für eine behindertengerechte Versorgung interessiert. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob da nicht sogar eine perfide Methode dahinter steckt.

Man stelle sich vor, ich hätte einen tödlichen Unfall, weil mein Rollstuhl verrückt spielt und ich auf die Straße rolle. Die Krankenkasse könnte dann zumindest Kosten einsparen. Ein Schelm ist, wer da böses denkt.

Ich weiß natürlich, dass solche Überlegungen absurd sind. Aber allein, dass ich inzwischen so etwas denke, zeigt mir, wie ratlos mich der Kampf mit den Krankenkassen und Sozialämter diesen Landes inzwischen gemacht hat. Trotzdem: Ich werde weiterkämpfen! Für mich, für meine Familie und für alle, die sich selbst nicht wehren können.

Das Gespräch wurde von Julius Zimmer und Tobias Böhnke aufgezeichnet.

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