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An die Kita-Mama, die will, dass ihr Kind sich beeilt

23/01/2016 09:15 CET | Aktualisiert 23/01/2017 11:12 CET
Eric Audras via Getty Images

Liebe Kita-Mama,

gestern habe ich dich mit deinen zwei Söhnen gesehen. Am frühen Abend bist du mit deinem älteren Sohn in die Kita gekommen, um seinen kleinen Bruder abzuholen. Du warst in Eile, das war nicht zu übersehen.

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Aber dein Kleiner hatte es ganz und gar nicht eilig. Sobald ihr das Gebäude verlassen hattet, lief er den gepflasterten Weg entlang in Richtung des kleinen Brunnens, der seit ein paar Tagen zugefroren ist. Neugierig blickte er über den Rand. Du wolltest in die andere Richtung, zu deinem Auto und dann nach Hause.

Du hast ungeduldig mit den Händen gefuchtelt, aber das hat ihn nicht gekümmert. Deshalb hast du es auf die altbewährte Art gemacht und gerufen:

"Komm jetzt her! Guck mal, der Luki kann viel schneller laufen als du!"

Dein Sohn hob seinen kleinen Kopf und sah dich an. Er bewegte sich nicht. Es sah aus, als würde er über deine Worte nachdenken.

Schließlich bist du zu ihm gegangen und hast ihn zum Auto getragen. Ende der Diskussion. Aber deine Worte liegen mir immer noch in den Ohren.

Ich bin mir sicher, dass du keine schlechte Mutter bist. Mit Sicherheit liebst du deine Jungs mehr als alles auf der Welt. Du bemühst dich, ihnen eine gute Mutter zu sein, deinen Job mit deiner Familie zu vereinbaren und dabei nicht komplett durchzudrehen. Bestimmt bist du erschöpft.

Ich will dich nicht verurteilen. Es ist nur so, dass ich diese Worte schon oft gehört habe und sie haben bei mir keine guten Erinnerungen hinterlassen. Darf ich dir davon erzählen?

Als Kind war ich oft bei einem Mädchen aus der Nachbarschaft zu Besuch. Ihre Mutter passte auf uns auf, während meine arbeitete. Eigentlich mochten wir Mädchen uns gern. Doch ihre Mutter schaffte es, einen Keil zwischen uns zu treiben, indem sie ihre Tochter bei jeder Gelegenheit mit mir verglich.

Guck mal, wie anständig Gina am Tisch sitzt.

Hast du gesehen? Gina malt gar nicht über die Linien.

Gina kann schon lesen und schreiben. Streng dich mal ein bisschen an!

Es war furchtbar. Ich fühlte mich schlecht, weil ich ständig so hervorgehoben wurde. Ich sah ja, was diese Worte mit ihr machten.

Und sie begann, mich regelrecht zu hassen. Sie überlegte sich Gemeinheiten, um mich zu verletzen. Sie erzählte den Kindern auf dem Spielplatz Lügen über mich. Sie beleidigte meine Mama und flüsterte mir ins Ohr, dass sie mich nicht lieb hätte, weil sie ständig arbeitet.

Dieses nette kleine Mädchen entwickelte sich zu einem Monster und dazu hatte ihre Mutter mit ihren ständigen Vergleichen beigetragen.

Kein Wunder, nicht wahr? Kinder vertrauen der Meinung ihrer Eltern. Sie glauben, dass Eltern alles wissen und alles können. Bevor sie in der Lage sind, sich selbst eine Meinung zu bilden, nehmen sie die Meinung ihrer Eltern an.

Wenn deine Mutter dir immer wieder sagt, dass du nicht gut genug bist, was wirst du dann wohl glauben?

Zahlreiche Psychologen bestätigen, dass diese Art von Vergleichen für Kinder schmerzhaft und einprägsam sein können.

"Vergleiche sind bis zu einem bestimmten Grad in Ordnung, denn es handelt sich um ein normales, menschliches Verhalten", sagt die australische Psychologin Sally-Anne McCormack.

"Aber wenn Eltern es ständig tun - egal ob es um die Kinder anderer Eltern oder Geschwisterkinder geht - richtet das Schaden für alle an."

Denn Kinder die auf diese Art und Weise bewertet werden, lernen, ihren Selbstwert über andere zu definieren. Sie lernen, sich mit Geschwistern oder anderen gleichaltrigen Kindern zu vergleichen. Sie lernen, dass das Leben ein Wettbewerb ist, in dem sie sich ständig beweisen müssen.

Diese Kinder sind schneller verunsichert, ängstlich, aggressiv und unmotiviert.

Das Feedback, das wir unseren Kindern geben, prägt ihre Psyche für immer. Unsere Worte entscheiden darüber, Welche Denkweisen sie sich aneignen.

Dr. Carol Dweck, eine führende Forscherin auf dem Gebiet, hat in jahrelanger Forschungsarbeit herausgefunden, dass Kinder verschiedene Denkmuster entwickeln, die zum großen Teil davon abhängen, wie ihre Eltern sie gelobt haben.

Sie fand heraus, dass auch zu viel Lob erheblichen Schaden anrichten kann. Und ihre Arbeit machte mehr als deutlich, wie tief unser Verhalten und unsere Worte in die Psyche eines Kindes eindringen.

Ich weiß, liebe Kita-Mama, dass es nicht deine Absicht war, deinem Sohn zu schaden. Manchmal wählen wir unsere Worte unbedacht und darin liegt die Gefahr.

Die Worte, die wir an unsere Kinder richten, werden eines Tages zu ihrer inneren Stimme. Wir sollten sie daher mit Bedacht wählen.


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Video: Nach diesem Video denkt ihr vielleicht anders über andere Mamas auf dem Spielplatz

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