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Das bedeutet es wirklich, wenn ich sage "Ich habe Angst"

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ANXIETY
Tom Merton via Getty Images
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Wenn ich erzähle, dass ich unter Angststörungen leide, nicken die meisten Leute mit dem Kopf und sagen mir, dass das schon alles wieder gut wird. Meist antworte ich: "Entschuldige, aber ich leide an einer schweren Angststörung, können wir vielleicht noch einmal ernsthaft darüber reden?"

Daraufhin lächeln sie nur und sagen mir, dass ich mir keine Sorgen machen soll. Und dass ich schon selbst sehen werde, dass eigentlich alles in Ordnung ist - wenn ich nur einfach mal aus dem Bett komme.

Wenn ich nicht mit auf Kneipentour gehen will, weil ich ganz genau weiß, dass Alkohol meinen Hang zu Ängsten noch verschlimmert, höre ich Sprüche wie: "Alles ist gut. Es wird bestimmt lustig. Du musst mal ein bisschen Dampf ablassen!"

Nach außen hin schaue ich immer ganz normal aus

Währenddessen schlägt mein Herz so schnell, dass ich Angst habe, man könnte es durch meine Brust hindurch schlagen sehen. Doch das kann man nicht.

Mein Kopf dreht sich nicht im Kreis herum. Vor mir verschwimmt alles und es fühlt sich so an, als würde ich schielen, doch das tue ich nicht.

Meine Muskeln zittern, weil sie gegen den Drang ankämpfen, einfach nachzugeben, doch meine Knie schlottern dabei nicht. Ich habe kein blasses Gesicht und keine blutunterlaufenen Augen.

Nein, nach außen hin schaue ich immer ganz normal aus. Meine Haare sind gewaschen. Ich bin ordentlich gekleidet. Ich bin wach, ich lebe und ich atme. Also ist doch eigentlich alles in Ordnung, richtig?

Falsch.

Das ist nämlich genau das Problem mit Angststörungen. Wir sehen ganz normal aus. Natürlich sehen wir ganz normal aus.

Uns wurde nicht die Zunge herausgeschnitten. Wir haben keine offenen Wunden oder blauen Flecken. Weil eine Angststörung eben keine körperliche Erkrankung ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass unsere Krankheit weniger schlimm ist.

Eine Angststörung ist eine sehr komplexe Erkrankung, die man nicht einfach mit einem freundlichen Nicken weglächeln kann. Es hilft uns überhaupt nicht, wenn man uns sagt, dass alles in Ordnung ist. Solche Aussagen verletzen uns sogar noch mehr, weil uns keiner wirklich ernst zu nehmen scheint.

Diese Dinge solltest du über unseren Kampf gegen die Angst wissen:

Wir haben nicht permanent Angst

Es gibt auch Tage, an denen ich nicht plötzlich stehen bleiben, tief durchatmen oder mir eine Xanax reinschieben muss.

An diesen Tagen kann ich auch mal lächeln und sogar lachen. Ich bin produktiv und gehe zur Arbeit. Ich gehe abends essen oder ich gehe mit meinen Freunden ins Kino.

Und glaub mir, ich weiß, dass es schwer begreifbar ist, dass es mir an einem noch Tag gut geht und ich am nächsten Tag nicht einmal mehr aufstehen kann. Doch so ist es.

Das bringt mich zum nächsten wichtigen Punkt:

Die Angst kommt in Wellen

Angststörungen sind eine seltsame Plage. Manchmal geht es mir mehrere Tage hintereinander ganz gut und ich denke mir: Hmm, vielleicht bin ich es ja jetzt endlich los.

Doch nach ein paar Tagen wache ich dann wieder auf und kann aus irgendeinem Grund nicht einmal mehr klar denken.

Das Monster ist wieder da und ich konnte es nicht aufhalten, weil es bereits direkt nach dem Aufwachen mitten auf meiner Brust sitzt und mich angrinst, als hätte ich es freudig begrüßt.

Angststörungen können die Betroffenen komplett lahmlegen

Ich weiß nicht, ob es allen Betroffenen so geht, doch bei meiner Angsterkrankung spielt dieser Aspekt eine bedeutende Rolle. Wenn mich die Angst wieder vereinnahmt, bin ich wie gelähmt.

Ich kann zwar aufstehen und meinen Alltag bewältigen, doch eigentlich bin ich mit meinen Gedanken ganz woanders.

Ich bin gefangen von dem "Dämon", der wieder Besitz von mir ergriffen hat. Ständig muss ich daran denken, dass ich nicht richtig denken, atmen und fühlen kann. Stell dir das mal vor!

Es fühlt sich buchstäblich so an, als wäre mein Gehirn gelähmt. Als stecke es in einem verlassenen Gebäude fest, in dem es keine Türen, Fenster oder sonstige Ausgänge gibt.

Und das Schlimmste daran? Ich bin völlig allein da drinnen.

Angststörungen können Beziehungen zerstören.

Und zwar nicht nur romantische Beziehungen, sondern sämtliche Beziehungen. Diese Krankheit kann sowohl Freundschaften als auch Paarbeziehungen zerstören.

Ich habe beides schon erlebt. Und diese Art von Verlust ist die schlimmste, die man erleben kann. Warum? Weil wir nichts dafür können.

Wenn man nicht genau weiß, wie man damit umgehen soll, können Angststörungen irgendwann komplett aus dem Ruder laufen. Und dann halten andere es oft einfach nicht mehr aus.

Menschen, die dir wirklich nahe stehen, bekommen deine Angstzustände hautnah mit. Doch irgendwann wird es ihnen zu viel und sie wenden sich von dir ab. Weil sie ihre eigene Psyche schützen wollen. Und das tut verdammt weh.

Doch ich kann ihnen nicht einmal einen Vorwurf daraus machen. Ich würde auch einen riesigen Bogen um die Angst machen, wenn ich nur irgendwie könnte.

Vertrauen kann zu einem Ding der Unmöglichkeit werden

Ich weiß, es klingt komisch, wenn ich mein mangelndes Vertrauen auf meine Angststörungen schiebe. Doch ich will damit nicht die Schuld von mir schieben, sondern vielmehr Verantwortung übernehmen.

Denn wenn man an Angststörungen leidet, geht man praktisch immer vom Schlimmsten aus.

Wenn jemand nicht auf meine SMS antwortet, heißt das für mich, dass er oder sie mich nicht mehr mag. Wenn jemand mir nicht zuerst schreibt, denkt er oder sie nicht an mich.

Der oder die andere ist beschäftigt? Vergiss es. Er oder sie hat einfach etwas Besseres zu tun, als Zeit mit mir zu verbringen.

Das klingt total lächerlich, stimmt's? Doch so sieht ein Leben mit Angststörungen aus. Wir haben leider keine Kekse, aber kann ich dich vielleicht für lähmende Einsamkeit an einem Einertisch begeistern? Nein? Das hatte ich auch nicht erwartet.

Ich suche mir das alles nicht aus.

Glaubst du wirklich, dass ich die Menschen, die mich lieben, freiwillig hängen lasse - weil ich nicht einmal einen ganz normalen Ausflug auf die Reihe bringe?

Glaubst du, es macht mir Spaß, dass ich so große Angst vor dem Aufstehen habe, dass ich mich in der Arbeit krankmelde und 13 Stunden am Stück bei Grey's Anatomy durchheule? Vermutlich nicht.

Würdest du dir so etwas aussuchen? Unwahrscheinlich.

Denk mal einen Augenblick genau über deine Worte nach, bevor du uns sagst, dass wir übertreiben und einfach nur Aufmerksamkeit auf uns ziehen wollen.

Keiner - absolut keiner - sucht sich so etwas aus.

Ich wünsche mir jeden Tag, dass es anders wäre

Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht diese leise Stimme in meinem Kopf höre, die mir sagt, dass mein Leben wundervoll sein könnte - wenn das alles nicht wäre.

Wenn ich einfach keine Angststörungen mehr haben könnte, wäre alles in Ordnung. Ich könnte sogar richtig glücklich sein und das Vertrauen haben, dass dieses Glück kein Scherz oder Trick ist. Dass nicht gleich wieder die nächste Hiobsbotschaft kommen wird.

Doch so bin ich eben nicht.

Ich kann mir noch so oft einreden, dass alles in Ordnung ist und dass ich lächerlich bin. Denn bei mir ist trotzdem nie einfach alles "in Ordnung".

In Wahrheit sind für mich sogar Kleinigkeiten eine Katastrophe.

Ich versuche alles, um gegen diese Krankheit vorzugehen

Patienten mit Angststörungen bekommen oft Medikamente verschrieben, um die Krankheit unter Kontrolle zu halten. Meist lindern diese Medikamente die Symptome, wodurch der Alltag für die Betroffenen leichter wird.

Doch für gewöhnlich reicht es nicht aus, einfach Tabletten zu nehmen.

Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio. Dass beim Sport Endorphine ausgeschüttet werden, hilft mir enorm. Viele Betroffene machen Yoga und Atemübungen. Auch das soll helfen. Ich habe es zwar noch nicht ausprobiert, doch es steht ganz oben auf meiner Liste.

Ich tue oft Dinge, die mir Spaß machen. Es tut mir gut, zu schreiben oder zu singen und ich zeichne gerne in meinem Malbuch für Erwachsene.

Neben all diesen Dingen bringt mich vor allem meine Gesprächstherapie weiter. Sie ist wirklich jeden Cent wert. Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, permanent einen Therapeuten an seiner Seite zu haben, dem man einfach alles erzählen kann und der einen nicht für seine Krankheit verurteilt oder einem die Schuld dafür gibt.

Ich kann jedem, der an Angststörungen leidet, nur wärmstens empfehlen, eine Gesprächstherapie zu beginnen.

Ich werde die Krankheit besiegen

Doch es wird seine Zeit dauern. Im Kampf gegen Angststörungen erleidet man immer wieder auch Rückschläge und Misserfolge.

Ich selbst befinde mich gerade noch mitten in diesem Prozess und es ist nicht leicht. Ganz und gar nicht. Es ist bei weitem das Schwierigste, was ich in meinem ganzen Leben durchgemacht habe.

Und ich habe schon so einiges erlebt. Doch Angststörungen toppen alles.

Meine Angststörungen zu besiegen ist die schwierigste Aufgabe, vor der ich je stand. Doch diese Gedanken, die nicht wirklich meine eigenen Gedanken sind, sind Gift für meine Seele.

An Tagen, an denen ich einen Erfolg verzeichnen konnte, möchte ich am liebsten die ganze Welt umarmen. Ich möchte dieses Gefühl jeden Tag erleben und ich werde nicht aufhören, bis ich es jeden Tag fühlen kann.

Man muss diese Krankheit ernst nehmen

Zusammenfassend kann man also sagen: Angststörungen können ziemlich heftig und erschreckend sein. Man muss diese Krankheit ernst nehmen, auch wenn es sich dabei nicht um eine sichtbare Verletzung handelt.

Wir brauchen Menschen an unserer Seite, die uns helfen und uns unterstützen wollen und die verstehen, dass wir sehr viel Hilfe und Unterstützung benötigen.

Ich verurteile dich nicht dafür, wenn dir die Verantwortung, ein Teil meines Lebens zu sein, einfach zu groß ist. Aber bitte erwecke nicht erst Hoffnungen in mir, um mich dann fallen zu lassen.

Das meine ich also damit, wenn ich sage: "Ich habe Angststörungen". Sei nett zu mir. Hab Geduld mit mir. Unterstütze mich.

Sei dir immer darüber im Klaren, dass ich stets darüber nachdenke, welche Auswirkungen mein Handeln auf dich hat. Mach dir bewusst, dass ich jeden Tag dafür kämpfe, die Kontrolle über mein Leben zu behalten.

Ich bin nicht ganz einfach, das weiß ich. Das Leben mit mir ist nicht immer ganz leicht. Doch wenn du mich lässt, werde ich immer für dich da sein. Ich werde niemals vergessen, dass du bei mir geblieben bist, als fast alle anderen gegangen sind.

Wenn ich sage "ich habe Angststörungen", dann will ich dich zum Einen davor warnen, worauf du dich einlässt. Doch zum Anderen möchte ich dir auch dafür danken, dass du dich trotzdem für mich entschieden hast.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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