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Kaum beachtet versinkt Nigeria in einer beispiellosen Hungerkrise - das ist die erschütternde Realität

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Millionen Nigerianer haben die Boko Haram überlebt. Nun bringt eine neue humanitäre Katastrophe deren Leben in Gefahr.

2016-10-29-1477755618-1657857-58124bd3190000b800c2f6a8.jpegTOM SAATER/MERCY CORPS
Zulyatu (Mitte),16, und ihre jüngeren Geschwister haben selten genug zu essen. Ihr Vater starb bei einem Angriff von Boko Haram, und ihre Mutter brach auf, um einen heiler zu finden und kehrte nicht zurück.

Nigeria - Nachdem ihr Vater bei einem Überfall der Boko Haram auf ihr Dorf Yobe vor zwei Jahren sein Leben gelassen hatte, ist die heute 16-jährige Zulyatu zusammen mit ihren jüngeren Geschwistern und ihrer Mutter nach Biu geflohen, einer Stadt in der Region Borno im Nordosten Nigerias.

Ein Jahr später verließ auch Zulyatus Mutter ihre Kinder, um wegen ihres hohen Blutdrucks einen Heiler in einer weiteren Stadt aufzusuchen. So ließ sie Zulyatu allein mit dem zwölfjährigen Abubakar und der achtjährigen Amira.

Zulyatu sagt, Hunger bestimmt jeden Aspekt ihres Lebens. Sie essen nur ein oder zwei Mal am Tag, sind oft benebelt vor Hunger. Bevor die Boko Haram in ihr Heimatdorf kam, war Zulyatus Vater Metzger. So hatte die Familie immer genügend Fleisch zu essen.

Der Hunger macht, dass Zulyatu ihren Vater umso mehr vermisst. Sie sagt, wäre er noch am Leben, müssten sie das alles jetzt nicht durchmachen.

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TOM SAATER/ MERCY CORPS
Zulyatu,16, auf dem Markt mit zwei Taschen voll Reis, die sie mit ihrer elektronischen Gutschein-Karte Karte gekauft hat. Sie sagt es ist genug Reis in den Taschen, um sie und Ihre Geschwister für Monate zu ernähren.

Weil die Geschwister ständig gegen den Hunger kämpfen, haben sie kaum Zeit oder Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Bevor sie nach Biu gekommen sind, wollte Zulyatu Ärztin werden, aber seitdem sie hier sind, konnte sie den Unterricht nicht mehr besuchen.

Leider sind Hunger und Verzweiflung, wie Zulyatu und ihre Geschwister sie erfahren, eher die Regel als die Ausnahme im vom Bürgerkrieg erschütterten Nigeria und im Tschadbecken. Eine Frau erzählte uns vor kurzem, dass das Leid und der Hunger mittlerweile so groß geworden sind, dass sie ihren Kindern Gras kochte, um sie damit zu füttern.

Die militante Gruppe Boko Haram tauchten im Jahr 2002 in Afrikas am dichtestbesiedelten Land, Nigeria, auf.

Großes Aufsehen erregte sie erstmalig 2014, als sie 276 Schulmädchen kidnappte. Jahrelange Gewalt und Zerstörung, in Verbindung mit weitreichenden und unterschätzten Dürreperioden, führen zu einer andauernden Krise.

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TOM SAATER/MERCY CORPS

Nachdem die Nigerianische Armee nun von der Boko Haram besetztes Territorium zurück erkämpft hat, steht das Land vor einem neuen Problem: Die Ausmaße einer neuen massiven humanitären Krise werden langsam sichtbar.

Mehr als vier Millionen Menschen sind nicht ausreichend mit Nahrung versorgt und wissen nicht, wann sie das nächste Mal etwas zu essen bekommen. Das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (kurz OCHA) verkündete im August, dass in Borno, wo auch Zulyatu lebt, fast ein Viertel Millionen Kinder stark unterernährt seien. Eines von fünf wird sterben, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden.

Die internationale Organisation Mercy Corps, für die ich arbeite, wagt auf diese brisante und weitreichend übersehene humanitäre Krise zu reagieren.

Unser Team reiste zu abgelegenen Dörfern und Städten in Borno, wo lediglich fast schon harmlos wirkende Kontrollstationen der Armee an die ständige Bedrohung durch die Boko Haram erinnern. Trotz unserer Anstrengungen sind 2,2 Millionen Menschen im Nordosten nach wie vor isoliert von der Außenwelt. Bisher ist es Helfern nicht gewährleistet, diese Regionen sicher zu erreichen.

Bis heute können wir das vollständige Ausmaß der Krise nicht einschätzen. Das Nigerianische Militär und humanitäre Organisationen wie Mercy Corps versuchen sich stetig zu diesen abgelegenen Regionen vorzukämpfen. Nachdem, was wir bisher gesehen haben, rechnen wir mit dem Schlimmsten.

„Das Massensterben wird immer sichtbarer, je weiter wir in neue Regionen vordringen. Es ist schwierig für uns, die an vordersten Front kämpfen, Lösungen zu finden, wie wir den Tausenden von Menschen, die wir hier antreffen, helfen können", sagt Michael Mu'azu, der Manager der humanitären Projekte.

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TOM SAATER/MERCY CORPS

„Was mich nicht aufgeben lässt, ist die Tatsache, dass ich etwas verändern kann, weil ich in einem großartigen Team von Frauen und Männern zusammenarbeite, die ihr Leben der Rettung anderer Leben widmen. Jeden Tag wache ich auf, gehe zur Arbeit und weiß, dass wir mehr Menschen zum Lächeln bringen werden."

Momentan lächeln allerdings die wenigsten Menschen, die wir treffen.

„Wenn ich Menschen in diesen Gemeinden begegne, sehe ich Hunger und Leid in ihren Gesichtern", sagt Operations Officer Umar Shuaibu.

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TOM SAATER/MERCY CORPS

Unseren eigenen Auswertungen im Juli dieses Jahres zufolge wurden in der Region Damboa mehr als 80 Prozent der Zufluchtsstätten ganz oder teilweise zerstört, es fehlen Türen und Dächer. 97 Prozent aller Menschen, die wir interviewt haben, gaben an, seit vier Wochen keine Nahrung mehr gekauft zu haben, weil sie es sich nicht leisten konnten.

Wegen der andauernden Unsicherheit erreichen viele Bauern ihre Ländereien nicht und können so weder Nahrung anbauen noch verkaufen. Bewohner dieser Region überleben, indem sie geplündertes Feuerholz verkaufen, betteln oder für weniger als einen Dollar pro Tag arbeiten.

Andere bieten sexuelle Dienstleistungen im Austausch für materielle Güter.

Das Nigerianische Militär muss erst weitere Regionen sichern, bevor Helfer vordringen können. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird. Gleichzeitig brauchen wir weitere Spendengelder, um eine Katastrophe dieser Art stemmen zu können.

Bisher haben wir mithilfe eines Spendenaufrufs der Vereinten Nationen weniger als ein Drittel der benötigten Summe gewonnen, es fehlen noch 542 Millionen Dollar.

Als souveräne Nation unterliegt Nigeria der Pflicht, seine Staatsbürger zu versorgen. Das Land ist dafür verantwortlich, auf diese Krise zu reagieren, eine starke Organisationsstruktur aufzubauen und Hilfsorganisationen den Zugang zu den Menschen zu ermöglichen, die Hilfe brauchen. Aber auch die Länder außerhalb Nigerias unterliegen der humanitären Pflicht, Menschen in Missständen zu helfen.

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TOM SAATER/MERCY CORPS
In Sabon Gari, eine nigerianische Frau, die von Boko Haram floh, vor ihrem Zelt.

Wir von Mercy Corps versuchen, möglichst schnell auf diese dringenden Bedürfnisse zu reagieren. Im Süden von Borno leisteten wir Finanzierungshilfe, indem wir Bargeld und Gutscheine verteilten, die in lokalen Supermärkten gegen Nahrung ausgetauscht werden konnten.

Gleichzeitig sollte so die lokale Wirtschaft angekurbelt werden. Wir reparieren Wasserstellen und sanitäre Anlagen, um Zugang zu sauberem Wasser zu gewährleisten und die Verbreitung von Krankheiten einzudämmen. Wir bieten vor allem Frauen und Kindern Schutz und üben mit Gemeindemitgliedern, Gewalt gegen Frauen zu erkennen und angemessen zu reagieren.

Wir wissen, dass massive Hilfe benötigt wird, wir sind besorgt, dennoch arbeiten wir so schnell wie möglich, um unsere Maßnahmen zu erhöhen. Allein in den vergangenen Monaten haben wir neue Zweigstellen geschaffen und unseren finanziellen und personellen Aufwand verdreifacht. Mittlerweile gehören 100.000 Menschen zu unserer Organisation.

Für jede Hilfsorganisation stellt es jedoch eine Herkulesaufgabe dar, es allein zu schaffen. Zudem könnten uns Aufständische jederzeit angreifen. Alle Organisationen, die auf die Krise in Nigeria reagieren, kommen an die Grenze ihrer Kapazitäten und logistischer Möglichkeiten.

Aber wir geben nicht auf. Wir sehen die positiven Ergebnisse selbst kleiner Maßnahmen. Mit dem elektronischen Gutschein, den Zulyatu während der ersten Verteil-Aktion von Mercy Corps bekam, kaufte sie einen Monatsvorrat an Reis und Öl im lokalen Supermarkt.

Als wir sie nach ihrer Hoffnung für die Zukunft fragten, antwortete Zulyatu: „Ich will nichts anderes, als alle glücklich zu sehen. Jeder sollte genügend Essen und Vermögen haben." Das können wir erreichen, wenn wir so bald wie möglich handeln.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf WorldPost und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.

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