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Soziologen: Die Erfinder gesellschaftlicher Schubladenschränke

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Soziologen, diese, von Schwiegervätern verhasste und von Arbeitgebern gemiedene Unterart des Säugetieres, tummelt sich zu hunderttausenden im akademischen Dickicht (umgangssprachlich Universität), um dort ihre Population zu reproduzieren.

Mit schwindendem Erfolg: Laut des verbeamteten Rechenschiebers (Destatis) durfte die Bundesrepublik im Wintersemester 2015/2016 knapp 350.000 Studienbeginner*Innen der Geisteswissenschaften als intellektuelles Eigentum begrüßen. Der Trend geht insgesamt weg von arbeitsmarktfeindlichen- hinzu stärker monetarisierbaren Studiengängen, wie etwa den Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaften.

Ein Erklärungsansatz für diese Entwicklung bietet eine Befragung der Soziologen selbst. Auf die Frage „Wie optimistisch sind Sie bezüglich der Arbeitsmarktentwicklung für Sie persönlich?" schätzten in 2015 nur knapp 37% der betroffenen Randgrüppler ihre Chance als „gut" ein. Inwieweit eine Verknüpfung der beiden überschneidungsfreien Bereiche „Arbeitsmarkt" und „Soziologie" methodisch sinnvoll ist, wird nicht weiter erläutert. Nur die kinderfreundliche Berufsgruppe der Theologen bewertet die Untergangswahrscheinlichkeit ihres Kirchenschiffes auf den Gewässern des Arbeitsmarktes noch höher.

Eigentlich schade, oder?

Jedes Individuum, von Tröglitz bis zum Kalkofen, strebt doch danach, komplexe anthropologische Interaktionen unverständlich eingebettet in Schachtelsätzen, drapiert auf Wortstelzen und zerhackt von Satzzeichen abstrahiert zu bekommen, oder?

Seien Sie ehrlich, Sie stehen doch auch drauf, wenn Ihr Sitznachbar in der allmorgendlichen Geruchssynthese der öffentlichen Klassenkampftaxen gegen sein sozialerwartetes Sichverhalten verstößt und seine Augenwinkel fragend über Ihre „Psychologie heute" wandern? Sie fühlen sich doch erhaben, wenn der kleingeistige Nebenmann seinen interessenslosen Blick wieder abwendet und geläutert an der Haltestelle „No Future" seinen Platz in der Gesellschaft einnimmt.

Doch wir brauchen unsere Geisteswissenschaftler!

Okay, mittlerweile gibt es mehr Teilbereiche in der Soziologie als Geschmacksverstärker beim Asiaten, aber der fordernde Aufschrei nach einer Perspektive für Soziologen bleibt dennoch aus. Wieso? Randgruppeninitiativen sind doch seit HoGeSa & CO. wieder salonfähig? Ach ja, Soziologien klauen niemanden den Job und werden höchstens verbal kriminell. Soziologen werden mittlerweile ähnlich wie TV-Werbung wahrgenommen: Unverständliche Aussagen, kostet Geld, zu viel kostbare Sendezeit und letztlich jedem egal.

Was macht denn eigentlich so ein Soziologe?

In der Regel verlässt er gut gebildet und krass verschuldet seine bisherigen Arbeitgeber BAföG und die Kfw-Bankengruppe, um auf Kundenseite bei der Bundesagentur für Arbeit anzuheuern. Gefühlt besteht seine sonstige Aufgabe darin, an definitorischen Schubladen in Form von allgemeingültigen Theorien und Modellen für eine eigentlich viel zu komplexe Gesellschaft zu basteln.

Bitte was?! Versuchen wir es mit einem anschaulichen Beispiel: Sie sind zufällig zwischen 1980 und 2000 geboren und somit Lendenfrucht der Baby-Boomer? Dann gehören auch Sie, neben weiteren fast 14 Millonen Lebendgeborenen, zur Generation Y. Glückwunsch, Sie sind eine anspruchsvolle Heulsuse, die nicht weiß was sie will, außer vielleicht online sein. Viel online sein.

Aber was hat denn nun der Soziologe damit zu tun?

Ganz einfach: Sie wurden mit Ihren Leidensgenossen in einen Melting Pot von Individuen geworfen und befinden sich auf einem, von Soziologen herbeigefaseltem Schlachtfeld mit den X-Männern und Weibern, den Veteranen und letztlich auch Ihren Eltern, den Baby-Boomern. Diesen Krieg hat er entfacht.

Während Sie noch herausfordernd den Personaler in der vierten Runde im Vorstellungsgespräch nach zweijährigem Praktikum zur Corporate Social Responsibility des Unternehmens kritisch interviewen, unterschreibt im Nebenzimmer der Generation Z-ler bereits seinen Arbeitsvertrag und verabschiedet sich ins lebenslange Homeoffice.

Liebe Soziologen:

Ihr seid doch Schuld an der Orientierungslosigkeit von Christian und Julia und tragt zudem Verantwortung an dem wiederkehrenden Biedertum von Anna und Jan! Ihr erschafft die Kunstbegriffe für scheinbar zusammengehörige Gesellschaftsteile, ordnet ihnen am Reißbrett die augenscheinlich passenden Eigenschaften zu und sortiert die Individuen anschließend dort ein. Passt, fertig ist die Plan-Gesellschaft. Als würden die Sims ins SimCity einziehen.

Warum gibt es ständig diese Verallgemeinerungen?

In Klassen und Rassen denken doch heutzutage nur noch Lehrer und Tierzüchter. Angenommen, der durchschnittliche Soziologiestudent wurde nach 13 Semestern Diplomstudium vom Bolognaprozess, nun ja, „überrascht" und muss nun innerhalb von fünf weiteren Semestern das Studium beenden.

Natürlich kommen da existenzielle Fragen auf. „Kann ich die Studienordnung ändern?", „Darf Frau Bologna das überhaupt?", „Sind Noten wirklich noch zeitgemäß?" oder „Wann ist wieder Veggie-Day in der Mensa?". Seine Selbstzweifel und Zukunftsängste verpackt er nun schnell im Generationsbegriff „Y" und stülpt diese selbsterfüllende Prophezeiung auch seinen Kohortenzugehörigen über. Alle sind gleich. Die perfekte Symbiose von Erreger und Wirt, Huhn und Ei.

Nach dieser Feststellung eher eine Randnotiz, als wirkliche Überraschung: Laut des Studentensurveys (2014) führen Soziologen und artverwandte Studiengänge das Ranking im wöchentlichen Zeitaufwand an Universitäten an. Von unten. Durchschnittlich 22,6 Wochenstunden investieren sie in ihr Studium. Mediziner hingegen kommen im Schnitt mit entspannten 40 Stunden aus.

Rechnerisch ist nicht verwunderlich, dass der Soziologiestudent auch länger an der Universität verweilt. Die restliche Wochenzeit verwendet er vermutlich darauf, sich den Mund fusselig zu reden. Eine weitere, noch nicht veröffentlichte Studie hat ermittelt, dass bereits ein einziger Fussel ausreichen würde, um die Brockhaus Enzyklopädie zu füllen. Dreimal.

Natürlich gelten in Deutschland Grundrechte wie freie Berufswahl und Meinungsfreiheit. Dafür müssen wir auch den Geisteswissenschaftlern und Soziologen danken. Es soll nur abschließend darauf hingewiesen werden, dass Verallgemeinerungen beim Betroffenen noch nie gut ankamen. Ein Soziologe und vornehmlich der Soziologie-Student würde sich wahrscheinlich selbstbewusst im Sinus Milieu der Performer einordnen, obwohl Erscheinungsbild, Ehrgeiz und Perspektive eher dem Prekären entspricht.

An diejenigen unter Ihnen, die noch am Zukunftsplan feilen und Soziologie spannend finden: Wenn Sie später „was mit Menschen machen" wollen, gehen Sie doch zur Polizei oder Bundeswehr. Sie wollen gerne im Medienbereich arbeiten? Super, tragen Sie doch Prospekte aus.

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