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Gesa Neitzel Headshot

Von Berlin in die Wildnis - meine Ausbildung zur Safari-Rangerin in Afrika

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WOMAN SAFARI
Frank Herholdt via Getty Images
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Wahnsinn. So schwarz kann also die Nacht sein. Ich liege im Zelt, halte meine Hand direkt vor die Augen und kann sie trotzdem nicht sehen. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, ich trage schon seit Jahren keine Uhr mehr, und mein Smartphone hat hier draußen jegliche Relevanz verloren und ist irgendwo in den Tiefen meines Rucksacks verschollen. Im Schein meiner Kopflampe schreibe ich in mein Tagebuch:

Ich habe immernoch Angst

Schreibe mit der Kopflampe. Das war heute ganz sicher der verrückteste Tag meines Lebens. Und irgendetwas sagt mir, dass in den nächsten Monaten noch viel verrücktere Tage kommen werden. Ich habe immernoch etwas Angst. Davor, etwas falsch zu machen, mich blöd anzustellen.

Und ja, auch Angst davor, dass mir etwas passiert. Draußen brüllen Löwen, kein Scheiß. LÖWEN. Und gestern waren angeblich Hyänen im Camp ... ich weiß nicht, ob das nur ein Scherz war. Wahrscheinlich nicht. Das Camp ist ja nicht eingezäunt.

Wir sind angehalten, die Zelte sauber zu halten und nichts auf dem Boden rumliegen zu lassen. Sollte sich doch mal eine Spinne oder Schlange ins Zelt verirren, kann man die dann nämlich viel leichter einfangen. Nee, ist klar. Die Klasse ist wirklich groß.

Ich brauche eigentlich zwischendurch Zeit für mich, zum Nachdenken, aber das wird hier wohl nichts. Ständig unter Leuten. Teile mir ein Zelt mit Luise, der einzigen anderen Deutschen hier. Sie schläft schon. Wie macht sie das bloß? Mashatu ist aber wunderschön, das Camp liegt direkt an einem trockenen Flussbett. Zum Sonnenuntergang marschierten ein paar Elefanten von einem Ufer zum anderen ... Unglaublich! Ich kann immer noch nicht begreifen, dass ich wirklich hier bin.

Aber ich muss jetzt wirklich mal versuchen zu schlafen. Morgen wird um vier Uhr aufgestanden, und ich habe keine Ahnung, wie spät es jetzt ist. Wenn ich nur nicht so dringend aufs Klo müsste. Aber raus gehe ich jetzt ganz bestimmt nicht mehr. Halte aus bis morgen früh.

Gute Nacht, Afrika ...

- Ein paar Stunden später -

War grad doch noch auf dem Klo und musste mich da drin verschanzen! Draußen lief irgendein Tier rum und hat an der Tür geschnüffelt. Ich konnte nicht sehen, was es war - auf jeden Fall was Großes. Als es dann weg war, bin ich ganz schnell zurück zu meinem Zelt gelaufen. Mann, Mann, Mann, wie soll ich das bloß die nächsten Wochen durchstehen?

Hoppla, ich bin ja in Afrika

Auch nach dem nächtlichen Toiletten-Abenteuer ist an Schlaf nicht zu denken. Ich stelle fest, dass im Dach unseres Iglu-Zeltes zwei Eichhörnchen wohnen. Oder zumindest glaube ich, dass es welche sind. Und sie sind scheinbar in Paarungslaune. Die ganze Nacht hindurch vergnügen sie sich über meinem Kopf. Großartig, denke ich, da hätte ich ja auch gleich in Berlin bleiben können.

Paarungswillige Pärchen eine Etage über mir sind mir aus der Hauptstadt sehr vertraut. Hier in Botswana wechseln sich die ekstatischen Schreie aber außerdem mit Löwengebrüll ab, und vor dem Zelt wuselt irgendein Tier durchs Gebüsch. Mir reicht es. Ich stecke mir Stöpsel in die Ohren, damit endlich Ruhe ist. Wenn sich jetzt ein Löwe heranpirscht und mich aufisst, kriege ich es halt nicht mit. Gute Nacht!

Mehr zum Thema: Ein Leben in den USA war immer mein Traum - warum ich jetzt zurück nach Deutschland will

Am Morgen dringen entfernte Trommelschläge an mein Ohr. Ach wie schön, es ist Samstag, denke ich. Samstags findet im Gebäude nebenan immer ein Trommelkurs statt. Zu brasilianischen Rhythmen trommeln sich meine Berliner Nachbarn dort seit Jahren in Trance und sind weder mit netten Worten noch mit polizeilichen Abmahnungen zum Schweigen zu bringen. Als ich die Augen öffne, muss ich aber feststellen, dass ich statt Raufaser Zeltplane anstarre.

Hoppla, ich bin ja in Afrika. Das Trommeln ist der morgendliche Weckruf. Noch vor Sonnenaufgang müssen zwei Schüler - das "Duty Team" - Kaffeewasser aufsetzen und die anderen wecken. Ich taste mich durch meinen Rucksack und suche ein Outfit für den Tag. Auf der Packliste, die mir im Vorfeld geschickt wurde, stand "neutrale Farben".

Das erste Fettnäpfchen

Ich habe also sämtliche bunten Kleidungsstücke, die ich im Schrank hatte, auch dort gelassen und hauptsächlich Schwarzes und Weißes eingepackt. Neutral eben. Mit meiner Kleiderauswahl trete ich aber bereits an diesem ersten Morgen ins Fettnäpfchen. Als ich aus dem Zelt stolpere, stelle ich fest: Alle anderen tragen ausschließlich grün und beige.

Schwarz und weiß, so lerne ich später, trägt hier draußen nur Beute - Zebras zum Beispiel. Ich erkenne meinen Fehler sofort, als ich mich für Kaffee und "Rusks" - ein afrikanisches Trockengebäck - zu den anderen geselle, aber ändern kann ich es jetzt auch nicht mehr. Das einzig Grüne in meinem Gepäck ist meine Regenjacke. Ziehe ich eben die an.

"Hi, ich bin Biff", sagt das Mädchen neben mir am Frühstückstisch und streckt mir ihre Hand entgegen. "Das ist die Kurzform für Elizabeth, meine Schwester konnte das nie aussprechen, darum hat sie mich immer Biff genannt und der Name ist bis heute irgendwie hängengeblieben."

Biff hat ein offenes freundliches Gesicht und ihre langen aschblonden Haare zu einem wilden Pferdeschwanz gebunden - gerade so als ob sie am Morgen nur eilig aus dem Schlafsack gesprungen sei, um die Welt zu entdecken.

Auf eigenes Risiko in die Wildnis aufbrechen

Sie ist mir schon am gestrigen Abend beim Essen aufgefallen. Sie ist vielleicht Anfang zwanzig und sieht aus wie ein Astrid-Lindgren-Charakter (Polly aus Polly hilft der Großmutter). Sie scheint mit allen gut klarzukommen und sorgt bereits vor Sonnenaufgang für viele Lacher am Tisch.

"Hi Biff, ich bin Gesa", ich schüttele ihre Hand. "Wo kommst du her?" "Aus Deutschland. Und du?" "Australien", sagt sie. Also, genau genommen sagt sie nur "Straya" mit einem unverwechselbaren australischen Akzent. Ich erzähle Biff, dass ich da auch mal war, und wir reden über Orte in Sydney, die wir beide besucht haben. "Ich mag dich, Gesa", sagt Biff nach einer Weile und drückt meine Hand, einfach so. Ich mag Biff auch.

Bevor die erste Unterrichtsstunde beginnt, müssen wir zunächst eine Schadensersatzerklärung unterschreiben und willigen damit ein, dass wir auf eigenes Risiko in die Wildnis aufbrechen und im Fall einer Verletzung, eines Angriffs oder gar unseres Todes die Schule nicht verantwortlich machen können.

Ich überlege kurz, ob ich das unterschreiben will. Aber jetzt, wo ich schon mal hier bin ... Während die Sonne aufgeht, habe ich noch ein wenig Gelegenheit, mich im Camp umzuschauen. Es liegt am Motloutse-Fluss.

Wir werden in kleine Lerngruppen eingeteilt

Im Gegensatz zum Limpopo fließt im Motloutse kein Wasser, und eine brache Sandlandschaft zieht sich schlangenhaft durch das Reservat. Der Motloutse spielt eine entscheidende Rolle in der Geschichte Botswanas: Nur ein wenig flussaufwärts von hier wurden die ersten Diamanten gefunden, die zum Wohlstand des Landes führten.

Das Ufer säumen Galeriewälder, unter deren Ästen auf unserer Flussseite an die zwanzig Zelte aufgestellt sind, die bei unserer Klassengröße auch allesamt belegt sind. Das Badezimmer ist "outdoor", die Toiletten sind mit einfacher Zeltplane voneinander getrennt - große Geschäfte erledigt hier gewiss keiner gern. In einer kleinen Hütte befindet sich die Küche.

Zwei botswanische Damen, Marylin und Katie, bereiten hier unsere Mahlzeiten zu. Kleine Pfade führen zu den Zelten und zum auf Stelzen gebauten "Study Deck", wo der tägliche Unterricht stattfindet und alle Mahlzeiten eingenommen werden. Am Flussufer wurde eine gemütliche Feuerstelle errichtet, von der aus man durch die Zweige in den Himmel schauen kann.

Um fünf Uhr morgens werden wir in kleine Lerngruppen eingeteilt, die wir für die kommenden Wochen beibehalten. Zwei Drittel der Klasse springen auf die beiden Geländewagen unter dem Carport. Das letzte Drittel macht sich zu Fuß auf den Weg. Je ein Lehrer begleitet die Aktivitäten.

George hat sein ganzes Leben lang als Ranger gearbeitet

Ich lasse den Blick über die Menge schweifen und suche nach Biff, aber sie ist leider nicht in meiner Gruppe. Hopsend sehe ich sie mit der fußläufigen Gruppe im Salbei verschwinden. In meiner Gruppe sind Megan und Kate, die ich schon von der Fahrt kenne.

Außerdem zwei afrikaanssprachige Jungs aus Südafrika: Quintin und Louis, und dann ist da noch Kirsty aus Washington. Megan und Kate sind im gleichen Alter und scheinen sich bereits nach einem Tag prächtig zu verstehen. Die zwei Jungs plaudern in Afrikaans, das ich nicht verstehe. Kirsty ist wohl noch etwas müde und versteckt sich hinter ihrer Sonnenbrille.

Ich selbst kann mich gar nicht recht auf ein Gespräch einlassen, viel zu gespannt bin ich auf das, was auf uns zukommt. Unser Lehrer für den heutigen Tag ist George. George ist ein gemütlicher Botswaner mit einer warmen Ausstrahlung, den so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen scheint. Er spricht ein angenehm langsames Englisch und lacht gern.

Er erzählt uns, dass er im Okavango-Delta aufgewachsen ist und dort sein ganzes Leben lang als Ranger gearbeitet hat. Wenn jemand dieses Land kennt, dann er. George fährt ein paar Meter und stoppt, fährt und stoppt und fährt und stoppt. Und bei jedem Stopp spricht er über Bäume, Sträucher, Vögel oder Säugetiere, die unseren Weg kreuzen.

Ich lerne mehr über das Leben als in den letzten zehn Jahren in Berlin

Ich bin zunächst verwundert, dass er so viel von Dingen erzählt, die überhaupt nichts mit Tieren zu tun haben. Aber während ich ihm lausche, begreife ich, dass das gar nicht stimmt. Die Erde, auf der wir stehen, ist verantwortlich für die Art von Bäumen, die hier wächst, und somit auch welche Tiere hier leben, weil die sich von den Bäumen ernähren. Es klingt so banal, aber es sind diese einfachen Verbindungen, die mich begeistern.

George parkt den Landy im Schatten eines riesigen Baumes mit dunkelgrünen Blättern. "Das hier ist ein Mashatubaum", erklärt er, "nach diesen Bäumen ist das Reservat benannt. Mashatu grenzt an drei Flüsse, den Shashe, den Motloutse und den Limpopo.

Sie bieten die perfekten Bedingungen für diese großen Bäume. Trotz der drei Flüsse kann die Gegend hier aber sehr trocken werden. Ihr wisst sicher, dass Mashatu im Tuli-Block liegt. Tuli ist das Tswana-Wort für 'Staub'. Im Winter liegt oft so viel Staub in der Luft, dass der Himmel zum Sonnenuntergang aussieht, als stünde er in Flammen."

Meine Mitschüler machen sich Notizen in kleinen Heftchen. Ich habe keins dabei und nicke nur interessiert in Georges Richtung. Ich tue so, als würde ich alles genau verstehen, dabei habe ich null Ahnung. In den nächsten zehn Minuten im Busch lerne ich aber tatsächlich mehr über das Leben als in den letzten zehn Jahren in Berlin.

Der Busch-Walk in Mashatu

Ich weiß plötzlich, wie es im Inneren eines Termitenhügels aussieht, dass ein Kuhreiher mit Elefanten in einer Symbiose lebt - und was Symbiose überhaupt bedeutet - und dass Augenbrauenmahalis ihre Nester meist auf der westlichen Seite von Bäumen bauen und mir das bei der Orientierung helfen kann, falls ich mich mal verlaufen sollte. Ab und an stellt George uns ein paar Fragen, wohl um zu testen, was wir schon wissen. In solchen Momenten suche ich intensiv einen imaginären Stift am Wagenboden.

"Seht ihr den Vogel dort?", fragt George und zeigt auf das wohl größte Federvieh, das ich, abgesehen von einem Strauß, jemals gesehen habe. "Das ist der größte fliegende Vogel der Welt", erklärt er uns. Ich nehme all meinen Mut zusammen und stelle eine Frage: "Wie heißt der denn?" "Das ist ein Pangolin", antwortet George und Kirsty gluckst. Warum? Das werde ich in ein paar Tagen erfahren.

Wir verbringen den ganzen Tag mit George. Am Nachmittag führt er uns auf unseren ersten Busch-Walk in Mashatu. Für mich ist es der erste meines Lebens. Ich trage noch immer meine Regenjacke und schwitze wie Sau. Ich kann nicht fassen, dass ich schon am ersten Tag genau das mache, was ich vorher meinem Papa versprochen hatte, auf keinen Fall zu tun.

Und zwar "nichts, was er nicht auch tun würde". Aber dann hätte ich wohl in Deutschland bleiben müssen, denn zu Fuß durch den Busch zu marschieren, ist etwas, was Papa ganz gewiss niemals machen würde. Bevor wir losmarschieren, gibt George uns eine Sicherheitseinweisung. Es gibt fünf goldene Regeln, die wir stets beachten müssen, wenn wir zu Fuß durch den Busch marschieren:

Sicherheitseinweisung - fünf goldene Regeln für den Marsch durch den Busch

1. Gänsemarsch:

Der Guide läuft mit dem Gewehr vorweg, die Gäste - oder in unserem Fall die Schüler - laufen im Gänsemarsch hinterher. Das gibt dem Guide die Möglichkeit, potenzielle Gefahren sofort zu erblicken. Außerdem werden wir so als eine Einheit wahrgenommen und nicht als eine Herde, die ein Angreifer zerstreuen könnte. Der Guide ist so außerdem der Erste, der in ein Erdferkel-Loch fällt oder auf eine Schlange tritt.

2. Aus der Schusslinie bleiben:

Wer kein Gewehr hat, bleibt hinter denen, die eins haben. Und den letzten beißen dann die Löwen, oder was? Nein. Tatsächlich sind beide Gewehre deshalb ganz vorne, weil dort auch am wahrscheinlichsten die Gefahr herkommt. Und außerdem: Sollte der Letzte tatsächlich von Löwen gebissen werden, ist es besser, keinen Gewehrträger zu verlieren.

3. Mucksmäuschenstill sein:

Beim Marschieren im Busch wird nicht gesprochen. Die Stille dient aber nicht nur der Entspannung, sondern ermöglicht es, Warnsignale frühzeitig zu hören. Außerdem besteht so eher die Chance, auch schüchternere Buschbewohner wie Leoparden zu erspähen.

4. Ansagen befolgen:

Wenn der Guide eine Ansage macht, dann ist unverzüglich Folge zu leisten. Manchmal wird erst später ersichtlich, warum plötzlich ein Termitenhügel erklommen oder der schnelle Rückzug angeordnet wurde, aber in dem Moment, in dem der Guide einen Befehl gibt, kann man sicher sein, dass eine ernste Situation bevorsteht. Darum: Keine Fragen stellen, einfach machen.

5. Niemals weglaufen:

Usain Bolt läuft 12,27 Meter in der Sekunde, ein Löwe im Schnitt 22,2 Meter. Noch nicht mal der schnellste Mann der Welt könnte also einem Löwen davonlaufen. Bei einem Zusammenstoß mit einem Löwen wegzulaufen, ist darum auch das Dümmste, was man machen kann. Denken wir mal an die einfache Hauskatze: Solange ein Ball ruhig vor ihr liegt, wird sie einfach nur dasitzen und ihn gespannt anschauen. Aber sobald der Ball ins Rollen kommt, wird sie sich auf ihn stürzen.

Wir folgen der Spur

Zusammen mit der etwas fortgeschrittenen Schülerin Liliane führt George uns in die Wildnis. Beide tragen ein großes Gewehr bei sich, und ich fühle mich zu meinem eigenen Erstaunen absolut sicher. Ich habe schließlich auch keine andere Wahl. Entweder ich vertraue George und Liliane, dass sie in der Lage sind, uns zu beschützen, oder ich mache mir vor Angst ins Hemd.

Wir folgen einer frischen Leopardenspur einen Hügel hinauf. George hält inne, stützt sich auf sein Gewehr und erklärt uns die Fährte. "Das hier war ein Männchen, der Fußabdruck ist recht groß. Wisst ihr, woran man den Unterschied zwischen einer Katzen und einer Hundespur, zum Beispiel einer Hyäne, erkennt?"

Allgemeines Kopfschütteln in der Runde. Gott sei Dank, ich bin nicht die einzige Dumme. "Katzen haben im hinteren Bereich der Spur drei von diesen runden Ballen, Hyänen oder Wildhunde haben nur zwei. Außerdem werdet ihr feststellen, dass die Zehen der Katzen etwas abgesetzt vom Rest des Fußes liegen. Und die Spur sieht insgesamt sehr viel runder aus als die von einem Hund."

Wir folgen der Spur für ungefähr eine halbe Stunde. Ich habe keine Ahnung, wie George sie noch nicht verlieren konnte, führt sie uns doch durch dichtes Gebüsch und über Felsen, auf denen überhaupt keine Abdrücke mehr zu sehen sein können.

Welchen Zweck erfülle ich eigentlich

"Vielleicht ist er zur Quelle gegangen, um zu trinken. Nicht weit von hier gibt es eine Wasserstelle. Wollt ihr nachschauen?" Wir nicken aufgeregt. "Cool. Aber wenn wir zu der Quelle kommen, müsst ihr besonders leise sein."

Die Quelle liegt auf einer Lichtung umgeben von Schäferbäumen, sattes Gras bedeckt den Savannenboden. Es könnte so idyllisch sein, wenn es nicht so entsetzlich stinken würde. "Was ist denn hier gestorben?", fragt Quintin. Und er hat recht, es riecht eindeutig nach Verwesung.

George führt uns näher an den Gestank heran, bis vor uns ein halb verwester Kadaver auftaucht. Ein paar schwarz-weiße Streifen sind noch zu sehen und sogar ich erkenne: Das war mal ein Zebra. "Hat der Leopard es getötet?", frage ich.

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"Wahrscheinlich nicht, die Leopardenspuren waren frischer. Dieser Riss ist schon ein paar Tage alt. Und du kannst sehen, dass dem Zebra die Nase abgebissen wurde. Das ist typisch für Löwen. Sie beißen ihrer Beute die Nase ab, damit sie erstickt." Wow, das klingt brutal. Aber gleichzeitig auch clever. Was mich überrascht, ist, dass ich totes Tier so leicht wegstecke.

Klar, es riecht tausend Mal schlimmer als die Mäusekadaver, die Papa früher wöchentlich vom Dachboden geholt hat, aber es hat auch etwas Natürliches. Fressen oder gefressen werden - darauf läuft alles hinaus. Heute habe ich gelernt, dass jedes Element der Natur eine Geschichte erzählt. Jedes Tier - auch jedes tote -, jeder Baum, jeder Stein, jede Pflanze ist hier aus einem bestimmten Grund. Nichts geschieht aus Willkür, alles erfüllt einen Zweck.

Auf dem Weg zurück zum Camp komme ich nicht umhin, mich zu fragen, welchen Zweck ich eigentlich erfülle. Und auch, wenn ich die Antwort noch nicht kenne, so glaube ich, dass ich ihr heute ein großes Stück näher gekommen bin.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Frühstück mit Elefanten" von Gesa Neitzel. Erscheinen ist es beim Ullstein Buchverlag am 9. September 2016.

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