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Zeig mir deins, dann zeig ich dir meins

27/01/2016 12:56 CET | Aktualisiert 27/01/2017 11:12 CET
Peter Bischoff via Getty Images

Goldkettchen am Mann sind Geschmacksache, zugegeben, ein Kettenhemd ist, da kann wohl keiner ernsthaft widersprechen, aber von anderem, rein maskulinem Kaliber (nicht zu verwechseln mit den ärmellosen Netzhemden, dem Feinripp für Anabolika-Orks, die von echten Kerlen im Sommer auch mal gerne ohne Deo getragen werden).

Das Goldkettchem am Mann eine Inszenierung

Das Goldkettchen am Mann jedenfalls ist eigentlich ein klarer Fall für Erving Goffman: Der ganze Apparat der Selbstinszenierung ist natürlich umständlich. Mit dem Kettchen am Hals (in Zuhälterkreisen trägt man es, glaube ich, auch bis ganz unten hin) spielen wir jedenfalls, auch als ganze miese Schauspieler, Theater, Männer vielleicht noch etwas mehr als Frauen.

On stage mit dem Goldkettchen

Dabei ist das Goldkettchen on stage dem Bühnenalltag, Zierrat pur und signalisiert wohl Potenz und oder Zugehörigkeit zum Milieu, manchmal auch beides. Eigentlich schon immer. Aber so recht zum individuellen Selbstausdruck werden die Kettchen erst, wenn daran etwas baumelt, was die Persönlichkeit seines Trägers auszustellen vermag.

Chantal oder Kreuz zwischen dem Brusthaar

Chantal, Daniela oder Liza ist da manchmal mit Buchstaben in Gold fein nebeneinander aufgereiht (längere Namen wie Annalena-Hosianna sind dagegen wegen ihres Gewichts schon ein Kreuz), ein (Christus?)Kreuz oder ein irgendwie an das mit den Haken erinnernde Kreuz schauen zwischen dem dichtem Brusthaar heraus oder ein Drache, ein Yin Yang- oder NY-Symbol zeigen sich drei Knopf weiter unten auf muskelprozierter Brust. Chantal, Daniela oder Liza (wahrscheinlich sind die Anhänger ja auch Geschenke der Frauen) werden, wie der Hugo Boss-Schriftzug auf der Unterhose, gut sichtbar präsentiert.

Das Medaillon für Fetischisten?

Wer heute ein Medaillon an einer Kette um den Hals trüge (nur zur Sicherheit: Schweinemedaillons gehören dagegen auf den Teller!), gälte als verklemmt oder, noch schlimmer, käme als Fetischist in Verruf. Und doch gibt es auch heute noch Liebhaber dieses Liebespfandes, das in der Epoche der Empfindsamkeit mit Klopstock, Sophie La Roche und dem Werther-Fieber seine Blütezeit hatte.

Ich bin dein, du bist mein zum Aufklappen

Ein kleines, meist ovales, stets verziertes Behältnis zum Aufklappen war es, mit einem oder zwei Bildern darin, aber manchmal auch mit einem Bild und einer Haarlocke oder so etwas in der Art, welche das Herz des Betrachters verzücken und sein Blut in Wallung bringen sollte, genau genommen, eine Art empfindsam bürgerliches Profilbild ins Medaillon gepostet mit der Message: Ich bin dein und du bist mein.

Das Liebespfand herumreichen - ein No go

Ob man das Medaillon eher im Brusthaar versteckte oder, bei Glatze auf der Brust oder Haarausfall, hinter zugeknöpftem Hemd verborgen hielt, um es in einem unbeobachteten Augenblick zwecks vorgenannter Aufwallung allein anzusehen, oder ob man es in der Schenke herumreichte, machte indessen einen großen Unterschied. An der Pinnwand der Öffentlichkeit macht das Medaillon keinen Sinn. Sharen des Liebespfandes? - Ein No go.

Die Medaillon-App für Nostalgiker und Nerds

Aber auch in Zeiten der Facebook-Timeline, dem allgegenwärtigen Sharen von verbs and nouns wie Marc Zuckerberg jeden Tag schmackhaft machen will, suchen heute noch Liebende nach dem ultimativen Kick beim Pfänderspiel.

Während die einen, ich habe das unlängst einmal beobachten können, ihre jeweils Liebste statt ins Medaillon zu packen oder mit Namen an die Kette zu legen, nach dem Booten aufs Windows-Desktop zaubern, erliegt manch anderer aus der Apple-Gemeinde, dem allgemeinen App-Zauber und leistet sich für 'n Appel un'n Ei mit der Medaillon App ein Medaillon fürs iPhone oder iPad, das dem empfindsamen Vorgänger mit Haarlocke und Profilbild im Döschen aber überhaupt nicht das Wasser reichen kann.

Statt zwischen dem Brusthaar zu baumeln, landet das vermeintliche Liebespfand, dann in der Hosentasche - und die ist, auch wenn das Handytäschchen noch so liebevoll von der Liebsten handgebastelt wurde, eben weit weg vom Herzen, dafür, das brauche ich keinem zu sagen, anderem verdammt nah.

Pfänderspiel 2.0

Zeig mir deins, dann zeig ich dir meins, lautet denn auch die heutige Variante des Pfänderspiels, bei dem meistens die Frauen in Vorleistung gehen sollen, während die Männer ihre Spielschulden selten einlösen. Die Vorstellung allerdings, wer um alles in der Welt, dabei sämtliche Hüllen fallen lasst, stellt mir die Brusthaare auf. Ins Medaillon neben die Silberlocke passt dieses Pfänderspiel 2.0 jedenfalls nicht.

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