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Wenig Ahnung, keine Lust und keine Zeit: Warum noch immer viele Lehrkräfte so gar nicht 2.0 sind

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SCHOOL
Michael Kempf via Getty Images
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Das ist ein heißes Eisen, und wenn man es anpackt, kann man sich leicht verbrennen: Lehrkräfte und die Medienwelt der Kinder und Jugendlichen. Drum erst mal vorweg, und das von Lehrer zu Lehrer: Es gibt solche und solche, das muss reichen.

Hier geht es um solche von der Ich-weiß-schon-Aber- bzw. Für-so-was-sind-Fachleute-einfach-Besser-Sorte, um mal zwei aus der großen Sortenvielfalt der Lehrkräfte von Konstanz bis Flensburg herauszugreifen. Es geht, um die grundsätzliche Frage, ob Schule die Medienwelt ihrer Schülerinnen und Schüler ernstnimmt und wie sie das tut.

Es gibt sie immer noch: Die elitäre Ohne-mich-Fraktion

Zu sprechen ist zunächst von einer wohl noch größeren Anzahl von Lehrkräften, die, knapp ein Dutzend Jahre nach dem Auftauchen von Facebook, YouTube und twitter, als notorische Ignoranten (die weibliche Form eingeschlossen) der kindlichen und jugendlichen Medienwelten bezeichnet werden muss. Sie können mit dem, was ihre Schülerinnen und Schüler in ihrem Leben außerhalb ihres Unterrichts, aber auch unter den Schulbänken während ihres Unterrichts tun, nichts anfangen, weil sie sich selbst in ein Reservat zurückgezogen haben, wohin sich Smartphones nur dann hin verirren, wenn kein normales Handy (doch so weit hat der Fortschritt wohl oder übel schon Einzug genommen) mehr zu haben ist.

In einer Zeit, in der die Medienentwicklung rasant wie nie voranschreitet und sich die Bedingungen und Inhalte der Mediensozialisation der Kinder und Jugendlichen mit fast jeder neuen iPhone-Generation verändert haben, haben sich viele Lehrkräfte, wie im Theater ganz oben und weit weg, auf den Rang verzogen und schauen aus sicherer Entfernung zu (wenn einem das Stück nicht gefällt, kann man von dort auch vergleichsweise unauffällig verduften!), was da unten, in der smartphonesierten Facebook- , Instagram- und WhatsApp-Unterwelt passiert.

Die Bildungselite mit alten Konzepten gegen die "Unterirdischen"

So unterirdisch kommt das Ganze solchen Lehrern bisweilen vor, dass sie sich schlicht weigern, sich mit dem, was ihre Schützlinge umtreibt, überhaupt zu beschäftigen. Und um den Mahner, der genau dies fordert, in die Wüste zu schicken, wird dann schon mal per Autoritätsbeweis Botho Strauß bemüht, der es ja schließlich wissen muss, wie dies Helmut M. (52), Oberstudienrat am Gymnasium, mal öffentlich kundtat: "Sie können doch nicht von mir verlangen," so seine mit Strauß-Zitat in das steingewordene traditionelle Bildungsideal gehauene Meinung, „dass ich mich mit dem Dumpfbackenmist und dem in Facebook oder sonstwo erbrochenen Alltag beschäftige. Dann doch lieber die klassische Faust-Lektüre als das Lesen im Logbuch einer weltweiten Mitteilungsinkontinenz, wenn Sie verstehen, was ich meine." (Der Name des Lehrers ist wie die folgenden frei erfunden, die Altersgruppe, Funktionen und Schularten aber weitgehend realistisch und das den Personen wörtlich in den Mund gelegte, entspricht sinngemäß dem, was ich Dutzende Male gehört habe)

Verstehe, die alte Bildungselite lässt nicht locker. Sie tritt die Flucht nach vorn an und vertritt eigentlich immer noch die schon in den düsteren NS-Zeiten gescheiterten Konzepte, wonach klassische Bildung gegen den Ungeist der Zeit und die Moderne an sich immunisieren könnte. Dazu kommen noch jene, nicht weniger ignorant handelnden Lehrkräfte, die ihre Fächer mit dem Stempel Dafür nicht zuständig versehen.

Weiter der Pensionierung entgegenignorieren

Und an ihrer Seite und unter ihrem Schutz stehen jene, die im 16. Jahr nach der Jahrtausendwende ihrer Pensionierung entgegenignorieren, weil sie hoffen, die letzten Jahre halt auch noch ohne das durchzukommen, was so gar nicht zu ihrem persönlichen Selbstverständnis und ihrer sozialen Praxis passt. „Nein, wissen Sie, ich traue mir das mit den Computern einfach nicht zu", sagt z. B. Angelika B. (61), eine Grundschullehrerin, die in zwei Jahren in Pension gehen will, wenn sie ihren Grundschulkindern zeigen soll, wie man im Internet eine Kindersuchmaschine wie Blinde Kuh oder Fragfinn bedient.

Nur damit kein falsches Mitleid aufkommt: Die Kollegin, keineswegs eine der Hard-Core-2.0-Ignoranten, hat, das sage ich aus eigener Erfahrung, mindestens 2 Mal im eigenen Unterricht sehen können, wie man das macht. Ja, aber Frau B., in welchem Beruf der Welt hätten Sie sich so verhalten können, vierzehn Jahre nach der Jahrtausendwende?
Gar nicht davon zu reden, dass für zahlreiche Kinder ab der 3. Klasse der Umgang mit Computern, Smartphones, iPods, Spielekonsolen schon zum Alltag gehört. Wer um alles in der Welt bringt ihnen bei, wozu das Ganze gut ist? Kollegin B. schweigt, für ein paar Sekunden betreten, rafft sich aber dann doch auf: "Ich finde das ja überhaupt nicht gut." Unklar bleibt, was sie damit meint.

Mit hängenden Schultern: Ich weiß schon, aber ...

Reden wir also von der Ich-weiß-schon-Aber-Fraktion von Lehrkräften. Diese Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern hat sich nicht aus prinzipiellen Erwägungen heraus hinter die Mauern der Bildungsfestung verzogen und so ganz hat sie die Hängebrücke zur Medienwirklichkeit ihrer Schützlinge nicht ausgehängt.

Lehrkräfte von dieser Sorte leiden unter ihrer Situation, die ihnen das Eingehen auf die Medienwelt der Jungen unmöglich macht. „Ich weiß nicht mal, wie ich den ganzen sonstigen Stoff rüberkriegen soll", mein Clemens K. (31), Lehrer für Deutsch- und Geschichte an einem Gymnasium, „dazu noch die Korrekturen, die Konferenzen, die Elternsprechtage, die Projekttage, die Schulhausführungen und das ewige Fehlzeiten-Notieren und -Verfolgen."

Ja-Aber-Einwand: Ich weiß, aber ...

Vorwegnahme durch Clemens K.: "Ja, aber ich weiß natürlich, dass ich da mehr tun müsste. Meine Schüler sind ja längst in WhatsApp-Gruppen drin, ja aber, ich schaffe das alles nicht."

Ein Skandal

Ein Skandal! Skandalös, wie wenig Rüstzeug die Lehrerausbildung offenbar mitgibt, wenn es um die für die Informationsgesellschaft so zentrale Kompetenz geht, Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden und in Handlungskonzepte umzusetzen, die von den Lehrkräften auch bewältigt werden können.

Skandalöser aber noch vielmehr ein Bildungssystem und dahinter die Politik, die den Lehrkräften allerorten immer neue Aufgaben zuweist, die viele ohne Entlastung an anderer Stelle gar nicht bewältigen können.

Und darüber (wie weit kann man skandalös eigentlich steigern?) noch eine seit Pisa oft durch und durch taylorisierte Lehr(er)praxis und Schulkultur bis hin zum elektronischen Klassenbuch, das die kleinsten Unebenheiten pädagogischen Handelns auf die Datenbänke von Kontrollfreaks in der eigenen Schule und der Schulverwaltung lenkt, gegenseitige soziale Kontrolle und Duckmäusertum miteingeschlossen."

Da müsste man mal eine Arbeitsgruppe machen", sagt Clemens K. am Ende mit hängenden Schultern, "aber ich weiß halt auch nicht, ob das was bringt." - Ziemlich klar, was er damit meint.

Das hohe Lied der selbstgewählten pädagogischen Dequalizierung

Kommen wir also noch zu den Lehrkräften der Für-so-was-sind-Fachleute-einfach-Besser-Sorte, die, das liegt in der Natur der Sache, deshalb die größte Gruppe der hier ins Visier genommenen Ohne-mich-Lehrkräfte ist, weil sie natürlich auch die anderen beschriebenen Lehrer, die alles andere als 2.0 sind und sein wollen, dann auch einen sicheren Rückzugsraum gewährt, sollten ihnen doch einmal die Argumente ausgehen.

"Horch, wer kommt von draußen rein"...

Es geht also jetzt um die Lehrkräfte, die sich aus vielen Gründen Erleichterung verschaffen wollen und dafür sogar ein Teil(ein)geständnis mangelnder medienpädagogischer Kompetenz ablegen, um sich damit von Aufgaben selbst freisprechen, die eigentlich ihnen zufallen.
Wenn sie aufgefordert werden, sich doch selbst in Schule und Unterricht um die Medienwelt ihrer Schüler zu kümmern, dann spielen sie häufig die wohlbekannte Karte, die auch Barbara Z. (48), Schulleiterin einer Realschule, unlängst wieder gezogen hat, als es eng wurde: „Es ist einfach besser, wenn in solchen Fragen jemand von außen kommt." Gemeint: Referenten von außerhalb. „Das können Experten von außen einfach besser", fährt sie fort und ruft dann gleich noch die Schülerinnen und Schüler in den Kronzeugenstand: „Unsere Schüler sind doch einfach froh, wenn mal etwas Abwechslung in den grauen Schulalltag kommt, und wenn ihnen, dann noch ein Experte sagt, was ihnen mit ihren Smartphones alles passieren kann ... von ihren Lehrern möchten sie das nicht auch noch hören!"

"Unsere Lehrer machen doch nur Unterricht"

Moment, der Reihe nach: Referenten von draußen bringen Abwechslung, neues Gesicht und das ist es? Wenn da nicht das verräterische Abwechslung-in-grauen-Schulalltag wäre.
Kurzeinwand: Müsste dann nicht eher der Grauschleier über dem normalen Schulalltag weg?

Unsere Lehrer machen doch nur Unterricht, die interessiert doch gar nicht, was wir sonst machen", gab Nicole (14), Schülerin einer 8. Klasse an der gleichen Realschule zurück, nachdem sie klar verneint hatte, dass von so genannten Medienexperten von außerhalb, die von zahlreichen Einrichtungen finanziert von Schule zu Schule ziehen, eine grundsätzlich höhere Motivation ausginge. „Im Unterricht mal einen Tag nur über Facebook, WhatsApp und YouTube, das würden unsere Lehrer allerdings nie machen", fügt sie noch hinzu, „könnten die sicher auch nicht."

Die Krux: Mit Einmal-Workshops Probleme abhaken

Das ist die Krux: Die Referenten haken das Problem für viele Schulen ab, die sich mitunter von Eltern in die Pflicht genommen sehen, wenn in einer WhatsApp-Gruppe eine Schülerin beschimpft oder ausgegrenzt wurde. Dann muss eben alles schnell gehen, ein Referent muss her, Medienfeuerwehr im Noteinsatz. Nach zwei bis drei Stunden Workshop geht's wieder zurück in den grauen Schulalltag, mit einem Haufen geballter Informationen über die eigene Medienwelt im Gepäck, Ergebnis eines wilden 135-Minuten-Ritts durch die schöne, neue Medienwelt. Alles nicht wirklich prickelnd, auch nicht für die externen Referenten.

Öffentliche Gewissenssalvierung mit wenig Nachhaltigkeit

Die Lehrkräfte, die mit Äußerungen wie der von Nicole, die natürlich nicht beanspruchen können, sie seien im entferntesten Sinne repräsentativ, an den Pranger gestellt werden, rührt das freilich kaum an. Denn nach so einem Workshop ist ja erst mal wieder Ruhe, den Eltern, die wünschen, dass die Schule mal was zum Internet, zu Cybermobbing und so macht, kann endlich was vorgezeigt werden, die Referenten und die, die sie ins Land schicken, sinds zufrieden und machen weiter wie bisher. Für die Politik ohnehin viel billiger als Lehrerqualifikation und neue Lehrerstellen. Jederzeit kündbare Referenten, hire and fire an der Medienfront, eine einfache Rechnung, wer hätte es gedacht.

Workshops als Marketing-Konzept

Die Vollzugmeldung an die Politik: Tausende von Schülerinnen und Schüler haben jeweils einen (!) Workshop besucht oder wurden - besser als nichts! - zu den Wie-leicht-ist-dein-Handy-zu-knacken-Events mit versteckt eingebauten Werbeblocks von SpardaSurf geschickt. Von Nachhaltigkeit kaum eine Spur, wie auch in einem solchen Marketing-Komplott gegenseitiger öffentlicher Gewissenssalvierung von Schule, Politik und Privatwirtschaft kaum anders zu erwarten.

Pädagogik im Outsourcing

Einspruch: Wenn Lehrer und Schule sich nicht in der Lage sehen, die Medienthemen ihrer Schülerinnen und Schüler selbst aufzugreifen und ihnen dabei wirklich zu helfen, die Medienkompetenz zu erwerben, mit der diese sich in Zukunft orientieren müssen, dann haben sie vor den Zukunftsaufgaben unseres gesamten gesellschaftlichen Lebens schon heute versagt. Und wenn Lehrkräfte bis heute allen Ernstes meinen, sie könnten sich aus der Medienwelt ihrer Schülerinnen und Schüler heraushalten, dann sorgen sie nicht nur weiter für den grauen Schulalltag, sondern geben damit etwas auf, was zumindest früher einmal, in vortaylorisierten Lehrerzeiten unabdingbar war, nämlich pädagogische Kompetenz. Einen Teil dieser Kompetenz schlicht outzusourcen, weil man anders nicht kann, anders nicht will oder anders nicht braucht, ist in Wahrheit nichts anderes als ein vielgehörter, aber deshalb nicht weniger kläglicher Rechtfertigungsversuch, um weiterzumachen wie bisher.

Die Lehrer dequalifizieren sich selbst

Aber Achtung: Andere stehen parat, spielen die Leier vom Medienexperten und freuen sich über jede Begründung, mit der Lehrkräfte sich selbst dequalifizieren. So mancher Medienexperte, in einem Schnellkurs ausgebildet oder selbst ernannt, hat Schule, von seiner ganz und gar vordigitalen Schulzeit mal abgesehen, nur von außen gesehen, und kehrt jetzt dorthin zurück, wo sich die Lehrkräfte zum Teil selbst zu Zuschauern oben auf dem Rang gemacht haben.
Oder sollten womöglich die zögerzauderzornigen Lehrer, die eine Kleist'sche Satzperiode lesen und verstehen können und ihren Schülerinnen und Schülern Kafkas Prozess nahezubringen wissen, am Ende doch noch in der Lage sein, sich mit Cybermobbing, WhatsApp und Facebook, kurz: mit den sozialen Praktiken der Jüngeren zu befassen? Ausgearbeitete Unterrichtsmodelle, alle herhören, gibt's dafür zuhauf. Und an Fortbildungsangeboten fehlt es in der Regel auch nicht. Ja, aber, aber, .... aber

Es braucht mehr als eine Bildungsplanvorschrift

Es steht viel auf dem Spiel und neuere Bildungspläne spiegeln dies wieder, wenn sie, wie z.B. in Baden-Württemberg, die Medienbildung zu einer der Leitperspektiven machen. Aber mit der Unterschrift des Ministers darunter, dass sollte gezeigt werden, werden diese Sorten von Lehrkräften, von denen hier die Rede war, nicht automatisch 2.0. Und die, die es in vielen Schulen schon sind oder werden wollen, brauchen mehr als nur eine Bildungsplanvorschrift.

Es ist auch ein eine eigene Entscheidung

Trotzdem: Es muss einfach ein Ende haben mit dem lähmend-unsäglichen Ich-weiß-schon-Aber- und Für-so-was-sind-Fachleute-einfach-Besser-Gerede.
Experte in eigener Sache sein, bleiben und werden, wie auch immer, das ist die Antwort, die wir Lehrkräfte geben müssen, im Interesse der Schülerinnen und Schüler und: in unserem ureigenen Interesse. Und das ist eben auch eine ganz persönliche Entscheidung in einer von auseinanderdriftenden Medienwelten, Taylorisierung, Gleichmacherei und Scheuklappen aller Art bedrohten Lehr- und Lernwelt.

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